Drogenkonsumraum: Ein Abhängiger setzt sich - in dieser gestellten Szene - im Drogenhilfezentrum an der Borsigstraße einen Schuss in den Handrücken. - © Andreas Frücht
Drogenkonsumraum: Ein Abhängiger setzt sich - in dieser gestellten Szene - im Drogenhilfezentrum an der Borsigstraße einen Schuss in den Handrücken. | © Andreas Frücht

Bielefeld Schätzung: In Bielefeld leben 30.000 Süchtige

Beratung für Abhängige von Drogen, Alkohol, Medikamenten und Glücksspiel soll weiterentwickelt werden

Dennis Rother

Bielefeld. Stadt, soziale Träger und Polizei haben erstmals Erfahrungswerte und Daten zusammengetragen, um die Zahl der Suchtkranken in Bielefeld zu erfassen. Bis zu 30.000 sind es laut den Experten. Mit Angeboten von Prävention bis Therapie werden die Betroffenen unterstützt. Was sich dort zukünftig ändern könnte oder gar müsste, das soll die Stadt jetzt erarbeiten: Der Beschlussvorlage der Verwaltung zur "Fortentwicklung der Hilfskonzepte" haben am Dienstagabend alle Politiker im Sozial- und Gesundheitsausschuss zugestimmt. Die Zahlen aus der Vorlage vom Büro für Integrierte Sozialplanung wirken nicht nur auf den ersten Blick alarmierend. 2.000 bis 2.500 Menschen seien abhängig von illegalen Drogen. Darunter seien Stoffe von Heroin über Kokain bis Cannabis. 7.800 bis 12.000 Menschen gelten als alkoholkrank, 2.700 bis 4.000 Menschen als glücksspielabhängig. 5.500 bis 9.400 Menschen seien zudem süchtig nach Medikamenten. Darunter fallen etwa Stimmungsaufheller. "Für die Personengruppe gibt es noch gar keine Hilfen", sagt Thomas Niekamp vom Sozial- und Kriminalpräventiven Rat. Die Politiker haben vor ihrer Sitzung das Drogenhilfezentrum an der Borsigstraße besichtigt. Als sicherer Rückzugsort für Junkies von der Straße spielt es bei den Plänen der Stadt eine große Rolle. Das DHZ gilt aber als überlastet. Laut Sozialdezernent Ingo Nürnberger wolle man daher bestenfalls nicht nur personell auf die acht Vollzeitstellen draufsatteln, sondern auch räumlich. Eine vierte umgebaute Garage an die bisherigen drei anzugliedern wäre eine Option, sagte er. Auch Öffnungszeiten könnten verlängert werden. Auch unter Aufsicht kommt es monatlich zu medizinischen Notfällen, sagten DHZ-Leiterin Luise Leßmann und Krankenschwester Meggie Chlewinski beim Rundgang. Mutmaßlich wegen einer Überdosis erlitt jüngst ein Junkie einen Atemstillstand. Helfer schritten ein, retteten sein Leben. Auf der Straße wäre das wohl anders ausgegangen, sagte Chlewinski. 60 unterschiedliche Personen, die meisten zwischen 36 und 45 Jahren alt, konsumieren im DHZ laut Chlewinski insgesamt 150 Mal pro Tag Drogen. Zwei von dreien seien Männer. Das DHZ fungiere nicht als Präventionsprojekt, so Thomas Niekamp. "Von Drogen weg kommt hier kaum einer." Mehr als nur steriler Fixplatz seien die Räume aber allemal, betonten Niekamp und Nürnberger: Es gehe darum, Menschen aufzufangen, die aus allen sozialen Systemen gefallen sind. Nürnberger: "Ohne DHZ und den Hilfetreff Kava für Alkoholkranke wäre die Lage an der 'Tüte' dramatischer."

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