Wann kommt der Nächste? Fahrgäste vor dem Fahrplan. FOTO: DPA - © dpa
Wann kommt der Nächste? Fahrgäste vor dem Fahrplan. FOTO: DPA | © dpa

Bielefeld Reportage zum abgeschnittenen Bahnhof in Bielefeld: „Wir erdulden das Chaos“

Fahrgäste stöhnen unter den Auswirkungen der Erneuerung dreier Weichen. Der Schienenersatzverkehr birgt Hindernisse und der Sturm wirbelt den Fahrbetrieb durcheinander

Matthias Bungeroth

Bielefeld. Die Stimmung auf Bahnsteig 6 des Bielefelder Hauptbahnhofs ist auf dem Nullpunkt. Dicht drängen sich im überdachten Treppenaufgang die Fahrgäste, die gleich in den IC Richtung Ruhrgebiet steigen wollen. Rausgehen mit Taschen und Koffern ist angesichts des Sauwetters draußen nicht möglich: Dem Bahnsteig fehlt die Komplettüberdachung. „Wir erdulden das Chaos", sagt ein Fahrgast mit einer guten Portion Galgenhumor. Andere wollen lieber nichts sagen, doch ihr Gesichtsausdruck spricht Bände: Sie sind bedient. Weil es bis einschließlich Sonntag Weichenbauarbeiten am Gleis 2 des Hauptbahnhofs gibt, halten viele Fernzüge an dieser ungewohnten Stelle, die für diese Fahrgastzahlen offensichtlich nicht ausgelegt ist. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass in den Folgestunden des Tages auch der Sturm den Zugverkehr in OWL und Norddeutschland durcheinanderwirbeln wird. "Schlimmer kann es nicht werden" Die Wartenden auf Bahnsteig 6 sind aber schon vor dem Sturmchaos verärgert. „Ich finde es eine Unverschämtheit von der Bahn, so was mit den Fahrgästen zu veranstalten", schimpft Sina Zyberi. Sie will von Wuppertal nach Detmold fahren und hat am 29. September ein Ticket für diese Strecke gelöst. Dass sie ab Bielefeld nun nicht direkt mit der Eurobahn nach Detmold fahren kann, sondern in einen Bus umsteigen muss, der sie ersatzweise zum Bahnhof Bielefeld-Ost bringen soll, ist dort nirgendwo vermerkt. „Ich habe in Detmold einen wichtigen Termin. Den werde ich nun nicht mehr schaffen", sagt Zyberi im strömenden Regen. Denn ein Wartehäuschen gibt es an der Haltestelle, die offiziell für den Ersatzverkehr ausgewiesen ist, nicht. „Schlimmer kann es nicht werden", sagt Ilona Pöttker, die auf denselben Ersatzbus wartet. Sie kommt bereits aus Geeste im Emsland und will zur Reha nach Horn-Bad Meinberg, wie sie berichtet. Sie hat ihr Ticket am 26. September gebucht, auch sie findet sich unvorbereitet in der neuen Situation wieder. Sie versucht, es mit Humor zu nehmen. Alle Fahrgäste, die auf den Ersatzverkehr angewiesen sind, müssen sich mühsam zur Haltestelle durchfragen. Die kleinen, violett gehaltenen Hinweisschilder mit ebenfalls recht kleiner Beschriftung haben sie nicht wahrgenommen. „Die sind doch viel zu hoch angebracht", sagt ein Fahrgast. Dem kann Rainer Engel vom Fahrgastverband Pro Bahn nur beipflichten. „Das Chaos ist perfekt", sagt der Detmolder beim Rundgang über den Hauptbahnhof. „Die meisten Fahrgäste tappen völlig unvorbereitet in diese Falle", moniert Engel. Sie stünden immer wieder vor der Anzeigetafel und suchten ihre Züge, Gleisbelegungen änderten sich ständig. Dieser Umstand wird auch in den sozialen Netzwerken von Bahnkunden im Tagesverlauf immer wieder kritisch angemerkt. Erstattung für Taxikosten „Die Pressemitteilung der DB über die Fahrplanänderungen ist teilweise falsch und teilweise arrogant", sagt Engel. Denn es könne nicht sein, dass DB Netz nicht sagen könne, welche Privatbahnen neben der DB von Änderungen im Betriebsablauf betroffen seien. Das trifft an diesem Tag zum Beispiel die Eurobahn Richtung Detmold und den eingerichteten Ersatzverkehr mit Bussen. „Es wurde ein Bus eingerichtet, der auch fährt", sagt Eurobahn-Sprecherin Danica Dorawa. „Allerdings fährt der Bus im Pendel und unterliegt – anders als die Züge auf der Strecke – den aktuellen Gegebenheiten des Verkehrs auf der Straße", fügt sie hinzu. Wartezeiten seien deshalb unvermeidlich. Falls auch Linienbusse nicht erreichbar seien und Fahrgäste 20 Minuten nach Fahrplan keine Transportmöglichkeit fänden, bleibe als letzte Möglichkeit das Taxi. Tagsüber werde eine Pauschale von bis zu 25 Euro erstattet, wenn das Antragsformular ausgefüllt und Belege beigefügt seien. Sturmtief "Xavier" sorgt für Komplettchaos Mutter Natur machte das Bahnfahren an diesem Tag besonders beschwerlich. So musste im Tagesverlauf die Bahnstrecke zwischen Gütersloh und Brackwede aufgrund von Sturmauswirkungen gesperrt werden. Ein herabfallender Ast durchtrennt bei Löhne eine Oberleitung, die auf eine Lok fällt. Der Fahrbetrieb wird ab Hamm nur noch mit Dieselloks fortgeführt, da es auch in Niedersachsen zu zahlreichen Störungen wie umgekippten Bäumen kommt, die auf Gleisen landen. Im Kreis Höxter wird der Verkehr der Nordwestbahn auf den Strecken Ottbergen-Göttingen sowie Holzminden-Kreiensen teilweise eingestellt. In Bielefeld stellte die Bahn zahlreichen gestrandeten Reisenden, die wegen des Sturms nicht mehr an ihr Ziel kommen konnten, einen Hotelzug zur Verfügung.

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