Sportwetten sind omnipräsent: Wer sich über Sport informieren will, kommt an Sportwetten nicht mehr vorbei - so wie auf diesem Fußballportal, das die Werbung des Wettanbieters direkt neben der Spielvorschau versteckt. - © Andreas Zobe, Wolfgang Rudolf, Jens Reichenbach
Sportwetten sind omnipräsent: Wer sich über Sport informieren will, kommt an Sportwetten nicht mehr vorbei - so wie auf diesem Fußballportal, das die Werbung des Wettanbieters direkt neben der Spielvorschau versteckt. | © Andreas Zobe, Wolfgang Rudolf, Jens Reichenbach

Bielefeld Immer mehr junge Vereinssportler werden durch Sportwetten spielsüchtig

Warnung: Wissenschaftler erkennt erhöhte Suchtgefahr für Jugendliche innerhalb der Sportvereine. Suchtberater melden deutlichen Anstieg der Betroffenen. Fußballverband will die Vereine aufklären

Jens Reichenbach

Bielefeld. "Ihre Wette in sicheren Händen" - mit diesem Slogan wirbt der Torwarttitan Oliver Kahn für einen großen Sportwettenanbieter. Doch mit Sicherheit hat das Wetten auf Sportereignisse wenig zu tun. Im Gegenteil - Experten der Suchtprävention erkennen bei einem Großteil der angebotenen Wetten ein reines Glücksspiel. Um so schlimmer, dass der schnelle und jederzeit mögliche Griff zur Sportwetten-App inzwischen zu einem auffallenden Anstieg der Hilferufe von überforderten jungen Wettern in den Beratungsstellen führt. Der Bremer Psychologe Tobias Hayer forscht schon lange zu dem neuen Phänomen der Sportwetten-Abhängigkeit. Ausgerechnet in den Sportvereinen hat er für Jugendliche einen guten Nährboden dafür identifiziert. Laut Hayer ist die Gefahr, im Sportverein ein problematisches Wettverhalten zu erlernen oder sogar süchtig zu werden, mehr als dreimal so hoch als außerhalb. Und tatsächlich: Auch in Bielefeld klagen Trainer und Sportfunktionäre inzwischen darüber, dass die jungen Sportler am Handy "enorm viel daddeln und Geld auf Sportwetten setzen", erklärt Lutz-Peter Oberschelp vom Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen in Bielefeld. "Dabei wird ja alles angeboten - von der Gelben Karte bis zum ersten Tor mit dem linken Fuß." 20 bis 25 Prozent aller Spielsüchtigen kommen aus der Sportwettenwelt Frank Gauls von der Fachstelle Glücksspielsucht in Bethel hatte vor der Einführung des Oddset-Angebots von Lotto-Toto noch keinen einzigen Klienten, der mit Sportwetten Probleme hatte. 2003 kamen dann die ersten Beratungsgesuche aus der Sportwettenwelt. "Inzwischen kommen 20 bis 25 Prozent aller Spielsüchtigen aus diesem Bereich", sagt Gauls. Überproportional viele seiner Klienten kommen aus Sportvereinen. Das Bielefelder "Netzwerk Suchtvorbeugung" will deshalb jetzt gezielt auf die Sportvereine zugehen, um sie auf das Problem aufmerksam zu machen und ihnen das gut funktionierende Hilfesystem vorzustellen. "Denn die jungen Sportler denken leicht, dass sie sich in ihrem Sport auskennen", erklärt Vedat Karasu von der Fachstelle für Suchtvorbeugung der Drogenberatung. Dazu kommt der Wunsch nach Profilierung gegenüber den anderen Sportlern. "Aber die vermeintliche Kompetenz der Sportler ist ein Trugschluss", warnt Kathrin Waninger von der Landeskoordinationsstelle Glücksspielsucht NRW. "Sportwetten sind ganz klar ein Glücksspiel. Die Quoten für reine Spielergebnisse sind bald nicht mehr attraktiv. Die Spieler setzen bald Livewetten auf Ereignisse, die niemand vorhersehen kann." Höchstens 1.000 Euro pro Monat - Schutzmechanismen funktionieren nicht Wer auf die erste Gelbe Karte im Spiel setzt, macht das wegen der höheren Quoten. "Es wird schneller auf Risiko getippt", weiß Karasu. Frank Gauls berichtet von Klienten, "die an einem Abend 20.000 Euro verzocken". Und das, obwohl der Staatsvertrag vorsieht, dass der Höchsteinsatz je Spieler 1.000 Euro pro Monat nicht übersteigen darf. Schutzmechanismen scheinen nicht zu funktionieren und die Hemmnisse für Jugendliche sind nicht der Rede wert. Oberschelp und Waninger sind sich einig, dass die jüngsten Betroffenen 10 bis 14 Jahre alt sind. "Die ganz jungen sind eher bei eSports aktiv. Aber auch dort wird auf Spieler und Mannschaften der Computerspieler gewettet." Irgendwann beginne die gefährliche Spirale, weil die Spieler glauben, die Verluste wieder reinholen zu müssen, erklärt Waninger. Bei den Beratungsstellen landen die Betroffenen dann erst als junge Männer. Weibliche Betroffene gibt es bei Sportwetten kaum. Thomas Niekamp vom Sozial- und Kriminalpräventiven Rat der Stadt Bielefeld betont, dass man den Sportvereinen nichts vorwerfe. Im Gegenteil: "Wir wollen auf dieses Phänomen aufmerksam machen, bevor es noch größer wird. Und wir wollen die Trainer, Vereine und Sportler nicht alleinlassen." Denn in Bielefeld gebe es bereits ein gutes Hilfesystem, sagt Niekamp. Deshalb sei Aufklärung dringend nötig und die Entwicklung eines Bewusstseins in den Vereinen. Dazu bietet das Netzwerk Suchtvorbeugung eine offene Fachtagung an (siehe Infokasten). Die Kultur des Wettens im Verein in Frage stellen Lutz-Peter Oberschelp glaubt, dass sogar die Aus- und Weiterbildung der Trainer um das Thema ergänzt werden müsse. "Es wurde immer schon in den Vereinen gewettet. Früher ging es dabei um die Mannschaftskasse." Aber heute sei durch schnelle Handytechnologie alles jederzeit möglich. "Deshalb müssen wir die Kultur des Wettens im Verein noch mehr in Frage stellen." Fachtagung mit Ex-Fußballprofi Das Bielefelder Netzwerk Suchtvorbeugung veranstaltet am Donnerstag, 12. Oktober, im Ratssaal des Neuen Rathauses von 16 bis 18 Uhr eine offene Fachtagung zum Thema „Spiel ohne Grenzen? Glücksspielsucht im Sport". Speziell zum Thema „Wetten in Sportvereinen – eine Risikoanalyse" wird Dr. Tobias Heyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Uni Bremen sprechen. Der ehemalige Fußballprofi vom FC St. Pauli, René Schnitzler, berichtet von seiner eigenen Wettspielsucht. Sein Buch „Zockerliga – ein Fußballprofi packt aus" hat für viel Beachtung gesorgt. Im Anschluss wird es eine Podiumsdiskussion mit den beiden Referenten und Frank Gauls von der Fachstelle Glücksspielsucht in Bethel geben. Wer selbst Hilfe oder Beratung benötigt, kann sich an Vedat Karasu vom Netzwerk Suchtprävention wenden (E-Mail: karasu@drobs-bielefeld.de) oder an die Glücksspielsucht-Hotline unter Tel. 08 00 0 77 66 11.

realisiert durch evolver group