Andrea Sahlmen - © Luisa Liebig
Andrea Sahlmen | © Luisa Liebig

Bielefeld Volontärin im Rollstuhl: Wenn man als junger Mensch gepflegt werden muss

Andrea Sahlmen hat eine Muskelerkrankung und lebt mit persönlicher Assistenz. So kann sie ihr Leben selbstbestimmt führen

Andrea Sahlmen

Bielefeld. Strümpfe, Hose, Schuhe an. Dann in den Rollstuhl umsetzen. BH, Unterhemd, Pulli. „Bitte zieh den Pulli an der Schulter noch ein wenig gerade", sage ich. Gesagt, getan. Haare kämmen. „Den Scheitel noch ein wenig rüber, bitte." Gesagt, getan. Ich kann das alles, was für gesunde Menschen selbstverständlich ist, nicht selbst. Deshalb pflegen und helfen mir persönliche Assistenten. 24 Stunden am Tag. 365 Tage im Jahr. Seit meiner Geburt habe ich eine Muskelerkrankung, meine Arme und Beine kann ich kaum noch bewegen. Deshalb brauche ich bei allem Unterstützung, die Assistenten müssen mir ihre Arme und Beine „leihen". Was sich kaum jemand vorstellen kann (außer beste Freundinnen vielleicht), ist für mich Realität. Ich muss von einer Assistentin auf die Toilette gesetzt und unter der Dusche gewaschen werden. Und wenn ich ins Bett gehen möchte, dann muss ich mit einem speziellen Hilfsmittel ins Bett gesetzt und hingelegt werden. Nachts werde ich umgelagert, um nicht stundenlang auf einer Stelle zu liegen. Selbst kann ich das nicht mehr. »Was ich noch 
selbst kann, ist denken« Was ich aber noch selber kann, ist denken. Und mit meinem Laptop schreiben kann ich auch. Seit über einem Jahr bin ich Volontärin bei der Neuen Westfälischen und arbeite (fast) wie alle anderen. Block und Stift anreichen gehört unter anderem zu den Aufgaben der Assistenten, Headset in die Ohren stecken, wenn ich telefonieren muss. Wenn ich abends nach Hause komme, kochen meine Assistenten für mich. „Mit besonders viel Käse", sage ich, wenn wir zusammen Pizza machen. Ich helfe bei allem mit, was ich körperlich noch schaffe. Dann essen wir manchmal zusammen. Aber nicht immer, manchmal ist die ständige Nähe zu den Assistenten auch anstrengend. Dann möchte ich einfach meine Ruhe, allein Fernsehen, telefonieren. Eine richtige Privatsphäre gibt es nicht für mich. Um mir ein bisschen Privatleben zu ermöglichen, treffe ich mich mit Freunden für kurze Zeit allein. Die Assistenten erleben viel mit mir, ich muss sie in mein Privatleben lassen und ihnen Vertrauen schenken. Sie müssen sich auf meine Bedürfnisse, Wünsche und Macken einlassen. In vielen Fällen werden die Assistenten gute Bekannte, es entwickelt sich ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis. So wie bei Luisa Liebig, die seit fast zwei Jahren meine Assistentin ist. Bei gutem Wetter gehen wir gemeinsam geocachen, das machen wir beide gerne. Gerade in der Pflege muss man sich vertrauen können. Schweigepflicht, achtvolles Umgehen mit Gegenständen und natürlich Ehrlichkeit. In der Regel klappt das auch gut, wenn nicht, muss man nach kurzer Zeit getrennte Wege gehen. Denn die Assistenz ist eine sehr persönliche Sache, bei der die Chemie stimmen muss. Auch die Organisation der Assistenten und Dienstplangestaltung übernehme ich selbst, was nicht immer einfach ist. Meine Mitarbeiter sind Menschen und keine Manschinen, weshalb gegenseitige Rücksichtnahme enorm wichtig ist. Hat ein Kind der Assistentin Geburtstag, bekommt sie natürlich frei. Wenn ich ein paar Tage verreisen möchte, kommen die Assistenten mit. Das ist bei uns ein Geben und ein Nehmen, sage ich immer. Trotz allen Entgegenkommens ist es enorm schwierig, neue Assistentinnen zu finden. Der unbekannte Job in der Pflege ist für viele nicht vorstellbar. Für Luisa schon. Die gelernte Klavierbauerin hat den Schritt in die Behinderten-Assistenz gewagt und nicht bereut. Das Leben mit Assistenz bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Trotzdem bin ich bin dankbar dafür, dass es die Möglichkeit gibt und ich in einer eigenen Wohnung leben kann. Und ich bin froh, dass es Menschen gibt, die mich pflegen und unterstützen. So kann ich ein selbstbestimmtes Leben nach meinen Wünschen und Bedürfnissen führen.

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