Thomas Middelhoff im "III nach 9"-Fernsehstudio von Radio Bremen, wo er am Freitag von Giovanni di Lorenzo interviewt wurde. - © Radio Bremen/Frank Pusch
Thomas Middelhoff im "III nach 9"-Fernsehstudio von Radio Bremen, wo er am Freitag von Giovanni di Lorenzo interviewt wurde. | © Radio Bremen/Frank Pusch

Bielefeld Dankbarkeit aus Bethel bedeutet Thomas Middelhoff mehr als Millionen-Gewinne

Berührender TV-Auftritt: Gefallener Manager lobt im Interview sein neues Leben, in dem er Behinderten in Bethel hilft

Jens Reichenbach

Bielefeld. Thomas Middelhoff, der gefallene Top-Manager aus Bielefeld, geht schonungslos ehrlich mit seinen Fehlern als Chef von Arcandor und Bertelsmann um. In der Freitagabend-Talkshow "III nach 9" sprach er mit Giovanni di Lorenzo über sein früheres Leben und vom neu gefundenen Glück in einer Behinderteneinrichtung in Bethel. "Waren sie gierig?", fragt der Talkmaster und Chefredakteur der Zeit im Laufe des Interviews. "Ja", antwortet der Bielefelder, der aktuell wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen eine Freiheitsstrafe von drei Jahren im offenen Vollzug der JVA Senne absitzt. "Ich habe mich so verhalten, wie ich glaubte, dass ein Manager sich verhalten muss. Heute würde mir das nicht mehr passieren." Middelhoff betont, dass er nie im Leben zurück ins Wirtschaftsmanagement gehen wolle. Auch nicht, wenn er als junger Mann ohne jede Vorgeschichte neu anfangen könnte. Es sind Konsequenzen aus seinem Sturz, den Vertrauensverlusten und der plötzlichen Einsamkeit, die er in Zeiten der Krise erlebt hat. "Heute will ich Menschen ersparen, dass sie mit mir gesehen worden sind. Ich stehe jetzt allein." "Mehr Dankbarkeit aus Bethel als vom Eigentümer für die Vervielfachung des Kapitals" Und dann sagt Middelhoff etwas Rührendes über sein heutiges Leben als Freigänger und Hilfskraft in einer Behinderteneinrichtung von Bethel: Er fühle sich inzwischen befreit und glücklicher. "Wenn ich heute mit dem Rad nach Bethel fahre, da nehme ich die Jahreszeiten wahr, sehe die Fruchtbäume, sehe die Äcker. Früher bin ich in den Wagen gesprungen und war gedanklich schon beim nächsten Termin." Und Middelhoff fügt an: "Wenn ich heute Behinderten das Material an den Arbeitsplatz bringe, oder beim Toilettengang begleite oder mit ihnen Kettcar fahre, dann bekomme ich mehr Dankbarkeit als vom Eigentümer, nachdem ich ihm sein Eigenkapital versechsfacht habe." Die Erfahrungen mit menschlicher Wärme hätten ihn grundlegend verändert. Es ist die Erkenntnis, dass kein Geld der Welt so glücklich machen kann, wie ehrliche, menschliche Gefühle. Der Bielefelder, der sich in dem Interview als narzisstischen Manager und naiv bezeichnete, hofft auf eine frühere Entlassung aus dem Vollzug zum 24. November 2017. Weil er keine Vorstrafen hatte und sich im Gefängnis gut betragen habe, sei eine Entlassung nach zweit Dritteln der verbüßten Zeit üblich. Ob das aber tatsächlich so eintrete, könne der 64-Jährige nach den vielen negativen Erfahrungen im Vollzug aber nicht sicher sagen. Middelhoff will sich weiter sozial engagieren "Wie glauben Sie denn, ins freie Leben treten zu können?", fragt di Lorenzo zum Abschluss. Trotz einer unheilbaren Autoimmunkrankheit, die sich der Ex-Manager im Essener Gefängnis zugezogen habe, wolle er sich auch nach der Haft sozial engagieren und Bücher schreiben. Klicken Sie auf das Bild, um zum NW-Dossier über Thomas Middelhoff zu gelangen:

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