Lebt seit 2013 in Bielefeld: Uwe Berg kam der Liebe wegen in die Stadt. Die aber zerbrach. Berg blieb und ist heute wieder glücklich liiert mit einem Mann. - © Wolfgang Rudolf
Lebt seit 2013 in Bielefeld: Uwe Berg kam der Liebe wegen in die Stadt. Die aber zerbrach. Berg blieb und ist heute wieder glücklich liiert mit einem Mann. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bielefelder war verheiratet und hat ein Kind- heute ist er schwul

Uwe Berg hat eine Frau geheiratet und mit ihr ein Kind bekommen. Doch er fühlt sich zu Männern hingezogen und trennt sich – das Outing aber kam unfreiwillig. Heute ist er glücklich

Ariane Mönikes

Bielefeld. Uwe Berg (59) hatte seine Mutter besucht. Gemeinsam saßen sie am Küchentisch, als das Telefon klingelte. Die Mutter nahm ab, Uwe Berg erinnert sich noch genau, was sie sagte. Fast nichts, ein Ja und ein Nein. Dann legte sie auf. „Wer war denn da dran?", wollte er wissen. „Niemand", sagte die Mutter. Am nächsten Tag fragte ihn seine Schwester, ob es stimme, dass er schwul sei. Es war seine Schwiegermutter, die am Vortag angerufen hatte und ihn als homosexuell outete. 30 Jahre ist das jetzt her. Für Berg begann ein neues, ein anderes Leben. Schwulsein gab es in der Welt seiner Eltern nicht Uwe Berg wuchs sehr behütet im niedersächsischen Verden auf. Der Vater war Polizist, die Mutter Hausfrau. Sie hatten eine genaue Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Schwulsein war zu Hause kein Thema, das gab es in der Welt der Bergs nicht. Erst auf dem Gymnasium kam er damit in Berührung. „Da gab es einen in meiner Klasse, der mich auf schmierige Art anbaggerte", erzählt er. Er fand das widerlich. Berg machte Abitur, wollte Psychologie studieren. Das aber wollte der Vater nicht, hatte er sich doch immer über die Gutachten über Menschen, die er verhaftet hatte, geärgert. Berg begann mit einer Ausbildung zum Industriekaufmann und lernte seine spätere Ehefrau kennen. „Ich wollte raus aus meiner Familie", erinnert er sich. Es war seine erste Freundin, andere waren da schneller. „Ich dachte, ich bin irgendwie komisch", sagt er. Das Selbstbewusstsein war nicht sehr groß. Heirat mit 21 Jahren Die beiden zogen zusammen, verlobten sich, nach acht Monaten wurde geheiratet. Da war Berg 21. „Nach außen war es eine Traumhochzeit, aber das Brautpaar fehlte", sagt er. „Die Hochzeit war nicht echt." Schon im Vorfeld wurde er immer trauriger, fast schon depressiv. Er konnte sich das aber nicht erklären. Dann wird seine Frau schwanger, ein Jahr nach der Hochzeit kommt die gemeinsame Tochter zur Welt. Er hatte sich von Anfang an auf das Kind gefreut, da war aber irgendwas anderes, was ihn beschäftigte. „Ich merkte plötzlich, wie ich auf Männer wie Mark Spitz und Burt Reynolds reagierte", sagt er heute. Immer weniger Sex Er habe kaum noch mit seiner Frau geschlafen, die Migräneattacken kamen jetzt häufiger. Er schaute sich eine Doku im TV über den schwulen Buchladen „Prinz Eisenherz" in Berlin an – und war fasziniert. Er rief dort an und fragte nach Adressen von Clubs in Bremen. „Ich hatte Schuldgefühle", sagt er. „Das durfte ja nicht sein." Er hatte schließlich eine kleine Tochter, die wollte er nicht verlieren. Mit Männern hatte er damals noch nichts. „Aber das war mein inneres Coming-out", sagt er über die Zeit, in der er durch die einschlägigen Läden tingelte. Das war 1983. Er schrieb seiner Frau einen langen Brief, aber erst 1987, nach dem Anruf seiner Schwiegermutter, trennte er sich von ihr. „Ich wollte meine Ehe retten", sagt er. Einen Mann habe es bis dahin in seinem Leben gegeben, ansonsten spielte sich fast alles nur in seinem Kopf ab. Coming-out hat gut getan Seine Tochter (heute 37) kam zu seiner Frau, Kontakt haben die beiden regelmäßig. Heute sagt er, er habe den Umweg über die Ehe gebraucht, um eigenständig zu werden, sagt er. Für ihn sei das Coming-out ein lebensbejahender Prozess gewesen, der ihm andere Entfaltungsmöglichkeiten geboten habe. Fast sechs Jahre war er nach der Trennung allein, 1993 dann lernte er seinen ersten langjährigen Freund kennen. „Vorher hatte ich nur Liebschaften", sagt er. Sechs Jahre blieben die beiden zusammen. An den Wochenenden kam auch seine Tochter zu ihm. Zärtlichkeiten versuchten Berg und sein Partner anfangs noch vor ihr zu verstecken, einmal überraschte sie die beiden aber, als sie sich in der Küche umarmten. Er erklärte ihr, dass er Männer liebe. Das habe sie einfach so hingenommen. Berg war erstaunt. „Für Kinder ist es wichtig, dass die Eltern glücklich sind, egal mit wem." Sie fühlte sich pudelwohl bei Papa und dem Mann in seinem Leben. "Schwule Väter werden ignoriert" 2013 kam Berg der Liebe wegen nach Bielefeld, die Beziehung aber ging in die Brüche. Berg blieb in Bielefeld. Er engagiert sich in der Gruppe „Schwule Väter und Ehemänner in Bielefeld", jeden ersten Dienstag im Monat treffen sich die Männer. „Schwule Väter gibt es nicht, wir finden in der Gesellschaft nicht statt", sagt er. Er aber will anderen Männern Mut machen. „Die meisten verlassen ihre Familien nicht, weil sie Angst haben, das zu verlieren, was da ist", sagt er. Hätte seine Schwiegermutter ihn damals nicht geoutet, sagt er, würde er heute nicht mehr leben. In diesem Jahr habe er wieder jemanden kennengelernt. Er sei sehr glücklich mit ihm. Die beiden denken jetzt übers Zusammenziehen nach.

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