Wehen bei Wind und Wellen: Per Trancetraining können Frauen sich unter der Geburt an jeden beliebigen Ort auf der Welt imaginieren. - © dpa
Wehen bei Wind und Wellen: Per Trancetraining können Frauen sich unter der Geburt an jeden beliebigen Ort auf der Welt imaginieren. | © dpa

Bielefeld Hypnose als Geburtsvorbereitung: Ein Selbstversuch

Am EVKB in Bielefeld gibt es ein Trance-Training für werdende Mütter. Redakteurin Anneke Quasdorf erwartet ihr zweites Kind - und hat's ausprobiert

Anneke Quasdorf

Bielefeld. Eine Geburt ohne Schmerzen? Kann man schaffen, versprechen radikale Anhänger des "Hypnobirthing", also der Geburt unter Hypnose. Und das einfach, indem man sich öffnende Blüten, blaue Satinbänder und Regenbogenfarben vorstellt. Auch am Evangelischen Klinikum Bethel gibt es seit einem Jahr ein geburtsvorbereitendes Trance-Training. Doch was bringt das? Redakteurin Anneke Quasdorf erwartet ihr zweites Kind - und hat's ausprobiert. "Du kannst es dir nun so bequem wie möglich machen.  Atme tief durch, denn das ist das Zeichen, dass nun eine angenehme Ruhe in deinen Körper einkehren darf und du mit jedem Atemzug tiefer und entspannter diese Ruhe genießen darfst..." Leise und beruhigend sickert die Stimme von Ärztin Christiane Dietrich in meine Gedanken. Die - zugegebenermaßen - gerade reichlich konfus sind. Schließlich lässt man sich nicht jeden Tag in einen Trancezustand versenken. Will ich das? Kann ich das überhaupt? Wie soll das denn gehen? Oje, jetzt schläft mir gerade der linke Fuß ein. Apropos schlafen: Habe ich meiner Kleinen den Schnuller für den Mittagsschlaf in den Kita-Rucksack gepackt - oh Mist, und mit Sicherheit nicht eingepackt habe ich die Anmeldung für den Elternabend, die sollte spätestens heute abgegeben werden... Das Ziel: Entspannt und selbstbestimmt Doch dann rufe ich mich im Stillen zur Ordnung. Schließlich bin ich nicht hier, um meinen Tagesablauf zu rekapitulieren. Sondern um zu lernen, mich selbst in einen Zustand zu versetzen, der mir die Geburt meines zweiten Kindes erleichtern soll. Hypnotherapie nennt sich das, oder, wie bei Fachärztin Christiane Dietrich: geburtsvorbereitendes Trance-Training. Und ich bin zwar etwas unentspannt, auf der anderen Seite aber auch sehr aufgeschlossen allem gegenüber, das diese Geburt hoffentlich zu einem anderen Erlebnis machen wird, als meine erste. Bei der war alles dabei, was ich nicht wollte, jede Menge Medikamente, ein Notkaiserschnitt und vor allem: große Hilflosigkeit. All das möchte Dietrich mit ihren Kursen vermeiden. Seit einem Jahr bietet die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe das Trance-Training in Gilead an. Schmerzfreiheit verspricht sie nicht. Aber: Die Möglichkeit, dem Schmerz der Geburt ganz anders zu begegnen. Ihr oberstes Ziel: "Ich möchte Frauen ermöglichen, ihre Geburten entspannt und selbstbestimmt zu erleben - und in einem guten Kontakt mit ihrem Baby." Dazu erarbeitet sie mit ihnen in vier Sitzungen Bilder und Bewusstseinszustände, die unter der Geburt abgerufen werden können, Kräfte mobilisieren, entspannen und physische Prozesse in Gang setzen sollen. "Viele Zahnärzte arbeiten damit" Das klingt alles gut und realistisch - trotzdem: Hypnose? Ich bin vor meiner ersten Sitzung nach wie vor skeptisch. Christiane Dietrich kennt die Vorbehalte. "Viele denken: Das ist nicht seriös, das ist esoterisch und mysteriös und man verliert dabei seine Selbstbestimmung, wird per Fingerschnipp ausgeschaltet." Dabei hat Hypnotherapie mittlerweile einen festen Platz in der Schulmedizin. "Das ist eine wissenschaftlich validierte Form der Therapie, Zahnärzte arbeiten sehr oft damit." Um ihren Patientinnen die Kraft der Gedanken ganz anschaulich zu machen, hat die Ärztin zwei simple Übungen parat - auch für mich. "Denk mal an eine richtig saftige, saure Zitrone, und wie du da reinbeißt." Mache ich - und spüre prompt, wie mir die Spucke im Mund zusammenläuft. "Siehst du", sagt Dietrich und lächelt. "Das war allein die Kraft deiner Gedanken, die das bewirkt hat." Auch das Pendel überzeugt mich. Ich soll es an seiner Kette hängen lassen und mir vorstellen, wie es sich im Uhrzeigersinn dreht. Fast sofort tut es mir den Gefallen. "Jetzt andersrum", sagt Dietrich. Auch das funktioniert umgehend. Ich gucke sie perplex an. "Du hast mit deinen Gedanken unbewusst winzige Muskelbewegungen in Gang gesetzt", erklärt Dietrich. "So funktioniert unser Körper und das nutzen wir in der geburtsvorberitenden Selbsthypnose." Keine Plätscherbrunnen, keine Räucherstäbchen Ich muss allerdings auch zugeben: Eigentlich haben sich meine Vorbehalte in Sachen Eso-Trip bereits mit dem Eintreffen im Kursraum in Gilead verflüchtigt. Das Zimmer ist bis auf dicke Gummimatten auf dem Boden völlig leer, fast steril, es gibt keine Plätscherbrunnen, keine Räucherstäbchen und auch keine Kerzen. Und dann ist da Christiane Dietrich, komplett in weiße Ärztemontur gekleidet, Chucks an den Füßen, sportliche Kurzhaar-Frisur, herzliches Lächeln, die Ruhe selbst. Auch ihre Stimme, von der ich ja in den Sitzungen das meiste mitbekomme, flößt tiefes Vertrauen ein. Da ist kein Platz mehr für Hokus-Pokus-Befürchtungen. Rund 30 Frauen haben in Gilead bislang mit Hilfe von Fertigkeiten aus Dietrichs Trance-Training entbunden. Die Rückmeldungen: durchweg positiv. Wie in dieser SMS: "Ohne PDA - dafür mit Lachen!" Außerdem haben bis auf eine alle Frauen Spontangeburten hingelegt - in diesen Zeiten hoher Kaiserschnittraten ein guter Durchschnitt. Am liebsten erzählt Dietrich aber die Geschichte einer schwangeren Methadon-Patientin, die sie Kati nennt. Deren Geburt stagnierte komplett, weil die werdende Mutter total verkrampft war, vor den Schmerzen und ihren Ängsten kapituliert hatte. "Der Muttermund wollte und wollte sich nicht öffnen, das Kaiserschnitt-Team stand schon bereit." Dann überredete Dietrich die Patientin, eine Trance auszuprobieren. Kati ließ sich auf den Versuch ein und setzte sich selbst kurzerhand auf eine Wolke, die bei jeder Wehe über eine Bergspitze fliegen musste. Das Ergebnis: "Innerhalb kürzester Zeit öffnete sich der Muttermund vollständig und Kati brachte ihr Baby auf natürlichem Wege zur Welt." Auf der Suche nach dem Wohlfühlort Auch mir fällt es nach den ersten Minuten in meinen Sitzungen erstaunlich leicht, mich auf die Anleitungen von Christiane Dietrich einzulassen - und schon kommen die Bilder. Gemeinsam finden wir zum Beispiel meinen imaginären Wohlfühlort. Das soll ein Platz sein, der mir vertraut ist, mit dem ich Positives verbinde und zu dem ich jederzeit gehen kann. Zwar lande ich an einem Ort, den ich wirklich nicht erwartet hätte. Aber dort fühle ich mich tatsächlich komplett geborgen, entspannt und ganz bei mir. "Wenn du jetzt bis zur Geburt übst, diesen Ort zu besuchen, diese Bilder abzurufen, dann kannst du das auch während der Wehen. Das wird dich beruhigen, entspannen - und stärken." Das glaube ich auch. Denn in Sachen Schmerzen merke ich schon jetzt, welche Wirkung die Trancen haben. Im Gegensatz zur ersten ist die zweite Schwangerschaft für mich kein Spaziergang. Ich kriege schlecht Luft, habe Probleme mit dem Becken und ständig einen knallharten Bauch. Oft tut mir das Liegen weh, irgendwas ziept und zerrt immer. Nicht aber in der Trance. Ich merke selbst, dass mir das Atmen dann leichter fällt, dass sich das Becken entspannt, dass die Schmerzen nachlassen. Dabei könnte ich eigentlich nicht sagen, dass ich richtig "da" bin. Ich schwebe irgendwo zwischen Wachen und Schlafen, verliere nie Dietrichs Stimme aus dem Bewusstsein, könnte aber auch längst nicht alles wiederholen, was sie mir sagt. Und vor allem könnte ich hinterher nie sagen, wie lange dieser Zustand gedauert hat. "Das ist ganz typisch für den Trance-Zustand", sagt Dietrich. "Er ist ein anderes Erleben des Ist-Zustandes. Und dann schafft man Ressourcen, die man aus einem bewussten Zustand heraus nie erreichen würde." Für mich steht nach meinen Sitzungen zumindest fest: Egal, wie diese Geburt ausgehen wird - reingehen werde ich mit ganz anderen Voraussetzungen als beim ersten Mal. Ich habe ein viel größeres Vertrauen in mich, einen besseren Zugang zu mir selbst. Ich habe das Gefühl, ein gutes Rüstzeug an der Hand zu haben, mit dem ich mir jederzeit selbst helfen kann. Den Rest wird man sehen. Aber deshalb heißt Schwangerschaft ja wahrscheinlich auch: guter Hoffnung sein.

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