Verdrängungseffekt: Wo sich jetzt die Drogenszene trifft, soll ein Gehweg für Abstand sorgen. - © WES LandschaftsArchitekturBerlin
Verdrängungseffekt: Wo sich jetzt die Drogenszene trifft, soll ein Gehweg für Abstand sorgen. | © WES LandschaftsArchitekturBerlin

Bielefeld Neuer Fußweg soll die Situation an der Bielefelder „Tüte“ entschärfen

Oberbürgermeister Pit Clausen macht das Thema zur Chefsache und lädt zum Pressegespräch in großer Runde. Die Vertreter von Stadt und Polizei demonstrieren Geschlossenheit

Christine Panhorst

Bielefeld. Nahriyaraum im Alten Rathaus: Lagebesprechung vor Presse zur Dealer-Drogen-Trinker-Szene an der „Tüte", dem Stadtbahnabgang zwischen Hauptbahnhof und Stadthalle. In ehrwürdig-ernster Atmosphäre will man hier Schulterschluss zeigen. Auf den alten Lederstühlen sitzen in Reihe der Oberbürgermeister, die Spitzen von Polizei, Sozial- und Umweltdezernat. Die Botschaft: Die „Tüte" ist jetzt Chefsache, wir machen was. Oder wie es Pit Clausen (SPD) sagt: „Wir tun nicht nichts." An der „Tüte" soll umgebaut werden. Kontrollen und Angebote der Sozialarbeit sollen „entzerren" und „eindämmen". Doch trotz inszenierten Schulterschlusses bleibt vieles vage. Die Umbaupläne Die größte Neuigkeit: Sozialdezernentin Anja Ritschel hat einen Entwurf mitgebracht. Wo sich jetzt noch die Szene trifft, soll ein breiter Fußweg zukünftig als Abstandhalter zwischen Szene- und Pendlerpublikum dienen. „Die Fahrradbügel und drei bis acht Bäume werden dafür entfernt, so dass wir eine breite Zuwegung auf beiden Seiten der Tüte haben." Die Trinker- und Drogenszene soll so einige Meter in den Park hinein verschoben werden, weg vom Stadtbahnzugang. Eine kleine Mauer am Rande des Wegs zum Park hin soll ein alternatives Sitzplatzangebot schaffen. Der Stadthallenpark ist zwar als Teil des architektonischen Gesamtentwurfs zur Stadthalle urheberrechtlich geschützt, doch die Stadt hat die Zustimmung der Architektenerben für Neuerungen. Auch an der Wasserrinne, bei Pflasterung und Trampelpfaden werde es Änderungen geben, sagt Ritschel. So weit, so unkonkret. Denn den Gesamtentwurf will Ritschel erst Anfang Oktober in der Bezirksvertretung Mitte vorstellen. Bis wann die Entwürfe umgesetzt werden sollen, bleibt offen. Die Kontrollen Zunehmend harte Drogen, mehr Dealer von außerhalb, mehr Flüchtlinge, mehr Verwahrlosung, mehr Einsätze der Polizei, mehr Gewaltdelikte – die Szene an der Tüte habe sich vergrößert und vor allem verändert, fasst Kriminaldirektor Wolfgang Niewald beim Pressegespräch die aktuelle Lage noch einmal zusammen. Seit April und bis Juli habe es eine steigende Tendenz der Einsätze gegeben, die jetzt abflache. Die Razzien seien verstärkt worden, zeigten aber nur kurzfristig Effekt. Wie schon im März angekündigt soll die Stadtwache, die zurzeit aus sieben Polizisten und sieben Ordnungsamtskräften besteht, ab Oktober Verstärkung bekommen. Fünf Langzeitarbeitslose sollen als zusätzliches Ordnungsamtspersonal geschult und an der „Tüte" eingesetzt werden. Ritschel gibt den Zwischenstand durch: „Wir hatten fünfzehn männliche Bewerber, neun sind jetzt in der engeren Auswahl." Die Neulinge werden ab dem 1. Oktober bei den Zweierteams der Stadtwache zur Einarbeitung mitlaufen. Erst nach einer Qualifizierungsphase könne es dann langfristig mehr Teams und mehr Kontrollen der Wache geben, so Ritschel. Wann es so weit sein wird? Das lässt sie offen. Noch ein Aspekt zur Langfristigkeit: Projekt und Verträge der neuen Kräfte sind auf zwei Jahre befristet. Die Sozialarbeit Vor allem abends und an den Wochenenden treffen sich bis zu 45 Personen an der „Tüte" – dann wenn die entsprechenden Drogenberatungsstellen und Angebote in der Nähe schließen. Über deren Öffnungszeiten wolle man „nachdenken", sagt Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Auch werde der Drogenkonsumraum stärker genutzt. „Hier werden 160 Menschen pro Tag versorgt, doppelt so viele wie noch 2014." Man werde „die Drogenberatung stärken und den Drogenkonsumraum vergrößern müssen". Konkrete Zeiträume für Änderungen nennt auch Nürnberger nicht.

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