An seinem Arbeitsplatz: Bruno Stüwe vor dem Zustellstützpunkt der Post an der Nahariyastraße. Hier beginnt seine Tour in Richtung Eckendorfer Straße. - © Andreas Zobe
An seinem Arbeitsplatz: Bruno Stüwe vor dem Zustellstützpunkt der Post an der Nahariyastraße. Hier beginnt seine Tour in Richtung Eckendorfer Straße. | © Andreas Zobe

Bielefeld Immer weniger Arbeitnehmer entscheiden sich für die Altersteilzeit

Bruno Stüwe (63) arbeitet jetzt nur noch zwei Wochen im Monat bei der Post. In Bielefeld sind es gerade mal 
122 Arbeitnehmer, die Altersteilzeit machen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund übt Kritik

Ariane Mönikes

Bielefeld. Es ist jeden Tag derselbe Weg. Die Eckendorfer Straße runter mit dem Rad, dann geht’s rechts rein in die Finkenstraße. Im 5. Kanton, dem ehemaligen Arbeiterviertel zwischen Heeper und Herforder Straße, trägt Bruno Stüwe die Post aus. Seit April 2016 allerdings nur noch zwei Wochen im Monat. Der 63-Jährige ist in Altersteilzeit. Die Deutsche Post DHL Group hatte ihm das Angebot gemacht, seine Arbeitszeit um die Hälfte zu reduzieren. Lange überlegen musste er da nicht. 500 Euro weniger als vorher habe er jetzt, sagt Stüwe. „Aber ich komme zurecht." Stüwe ist seit 1968 bei der Post, fing als Postjungbote an. Die Arbeit ist anstrengender geworden, sagt Stüwe. Mehr Haushalte bekommen mehr Post und so seien auch die beiden großen Posttaschen, die er vorne und hinten auf dem Rad balanciert, schwerer geworden. Jetzt hat er längere Erholungsphasen – und seine Arbeitskraft bleibt erhalten. „Das ist doch für beide Seiten gut", findet Stüwe. So bleibt er in seinem Gebiet, ein Kollege fährt die Tour die anderen zwei Wochen. Er hätte auch halbe Tage arbeiten können. Das aber sei nichts für ihn, sagt er. Laut Rainer Ernzer, Pressesprecher der Deutschen Post DHL Group, sind mehr als 4.300 Beschäftigte bei der Post in Altersteilzeit. Sie erhalten eine Vergütung zwischen 79 und 87 Prozent ihres vorherigen Nettogehalts. Wer einer belastenden Tätigkeit nachgeht, aber weiterarbeiten möchte, profitiere. Laut Dirk Manthey von der Deutschen Rentenversicherung gab es deutschlandweit Ende 2015 rund 250.000 Beschäftigte in Altersteilzeit. Ende 2010 waren es noch 580.000. „Die Zahlen sind rückläufig", sagt Mathey. Auch in Bielefeld: 2015 waren laut Arbeitsministerium NRW 122 Bielefelder in Altersteilzeit, 2009 waren es noch 516. Viele Arbeitgeber würden ein Altersteilzeitmodell einfach nicht mehr anbieten. Das kritisiert Anke Unger, Gewerkschaftssekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) OWL in Bielefeld. „Viele Unternehmen haben das Modell zurückgefahren", sagt sie. „Weil sie nicht draufzahlen wollen." Früher wurde die Altersteilzeit auch noch von der Bundesagentur für Arbeit unterstützt. Das ist heute nicht mehr so. Arbeitnehmer würden diese Entwicklung bedauern, sagt Anke Unger. „Viele wünschen sich einfach einen sanfteren Ausstieg aus dem Beruf." Um in Altersteilzeit gehen zu können, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein, erklärt Dirk Manthey von der Deutschen Rentenversicherung. So müssen Arbeitnehmer das 55. Lebensjahr vollendet haben und innerhalb der letzten fünf Jahre vor Beginn der Altersteilzeit mindestens 1.080 Kalendertage versicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein. Für die Altersteilzeit gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: Halbtagsbeschäftigung oder Arbeit und Freistellung im täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Wechsel. Viele entscheiden sich auch für das Blockmodell, dann ist die Altersteilzeit in zwei Phasen aufgeteilt: Zunächst arbeitet man Vollzeit weiter, allerdings zum halben Lohn. Vom Arbeitgeber wird der Lohn dann um mindestens 20 Prozent aufgestockt. In der Freistellungsphase arbeitet man dann gar nicht mehr, bekommt aber weiterhin den halben Lohn. Während der gesamten Zeit zahlt der Arbeitgeber Beiträge zur Rentenversicherung. Die freie Zeit nutzt Bruno Stüwe jetzt, um Fahrrad zu fahren, auch weiter weg. An den Wochenenden schaut er sich auf den Bielefelder Fußballplätzen Spiele der Amateure an. „Das ist eine gute Vorbereitung auf die Rente", sagt er. Im März 2019 ist dann endgültig Schluss.

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