Ankunft ohne Sechs: Der Flixbus aus Hamburg kommt am Busbahnhof Brackwede an. Sechs seiner Fahrgäste ließ der Fahrer an der Autobahn 7 zurück. Darauf angesprochen sagt er: "Wer länger als fünf Minuten für die Toilette benötigt, sollte im Bus bleiben." - © Jens Reichenbach
Ankunft ohne Sechs: Der Flixbus aus Hamburg kommt am Busbahnhof Brackwede an. Sechs seiner Fahrgäste ließ der Fahrer an der Autobahn 7 zurück. Darauf angesprochen sagt er: "Wer länger als fünf Minuten für die Toilette benötigt, sollte im Bus bleiben." | © Jens Reichenbach

Bielefeld Fünf Minuten zum Pinkeln: Flixbus lässt junge Bielefelderinnen an der A 7 zurück

Fernbusanbieter muss wegen seiner defekten Toilette eine Raststätte ansteuern. Dann wartet er aber nicht auf sechs seiner Fahrgäste. In Bielefeld kommt es zu einem wütenden Wiedersehen

Jens Reichenbach

Bielefeld. Fernbus-Marktführer Flixbus hat schon wieder Fahrgäste zurückgelassen. Hatte einer der grünen Busse im Juli noch eine Mutter in Brackwede vergessen, woraufhin ihr Baby plötzlich allein nach Berlin unterwegs war, so waren am Sonntag gleich sechs Personen aufgeschmissen, als sie auf dem Weg von Hamburg nach Hause an der A 7-Raststätte Brunautal plötzlich ohne Bus dastanden. Fünf Minuten hatte der Fahrer seinen Fahrgästen für eine Pinkelpause zugestanden. Nach Ablauf der Frist war er abgefahren - ohne auf die drei Freundinnen Renée Doévi (17) und Julia aus Bielefeld sowie die Verlerin Tiesan-Yesim Atas (19) zu warten. Außerdem betroffen: eine Mitreisende mit ihrer Mutter sowie ein französisch sprechender Fahrgast. "Die Bordtoilette war kaputt. Deswegen sind wir überhaupt abgefahren", erklärt Atas. "Wir waren sogar die Ersten in der Damentoilette." Als die drei Freundinnen, die am Wochenende ein Holi-Festival in Hamburg besucht hatten, wieder aus dem Gebäude der Raststätte traten, war der leuchtend grüne Bus nicht mehr zu sehen. Ein Fahrgast sprintete sogar noch hinter dem Bus her - ohne Erfolg "Julia ist ums ganze Gebäude gelaufen, weil sie dachte, der Bus habe umgeparkt", erinnert sich Doévi. Der französisch sprechende Fahrgast war sogar noch hinter dem abfahrenden Gefährt hinterhergelaufen. Aber auch das blieb ohne Erfolg. So standen nun drei junge Frauen an der Autobahnraststätte und ihre Koffer fuhren ohne sie weiter - mit dem Endziel Bonn. Panik kam auf. "Ich hatte sogar mein Handy und meine Wertsachen im Bus", sagte Doévi. "Das mache ich nie wieder." Die Zurückgelassenen kontaktieren umgehend die Flixbuszentrale. Hofften sie doch, dass der Bus irgendwo auf sie warten könnte. Oder dass zumindest das Gepäck in Bielefeld bleiben könne. Aber im Flixbus-Callcenter war man wohl nicht an einer Sofortlösung interessiert. "Die haben uns geraten, ein Taxi zu nehmen. Wie denn ohne Geld?", fragt Atas. "Ich hatte gerade noch 30 Euro." Ein Autofahrer aus Bad Salzuflen wird zum Helden des Tages Auch das Angebot, sich schriftlich beschweren zu können, half dem entsetzten Sextett an der Autobahn 7 in dem Moment wenig. "Ich habe dann sogar die Polizei gerufen. Aber die konnten uns auch nicht weiterhelfen", so Doévi. Natürlich war auch im Bus der Verlust der sechs Mitreisenden aufgefallen: Zwei junge Bielefelder, die in Brackwede ausstiegen, berichteten, dass der Fahrer sich aber nicht für seine verlorenen Fahrgäste interessierte. Das ostwestfälische Trio hatte dann zumindest Glück im Unglück: Es fragte an der Tankstelle einen Autofahrer aus Bad Salzuflen, ob er die Drei nach Bielefeld bringen könnte. "Wer für die Toilette länger als fünf Minuten benötigt, sollte im Bus bleiben" "Er hat sofort Ja gesagt und für uns im Auto Platz gemacht. Das war wirklich nett", sagte Atas dankbar. Der Gentleman brachte die drei jungen Frauen sogar direkt zum Busbahnhof in Brackwede. Die Familien der jungen Frauen versprachen, sich nochmal gebührend beim Helden des Tages bedanken zu wollen.Dadurch, dass der Flixbus vorher noch Hannover ansteuerte, kamen sie sogar fast zeitgleich mit dem Fernbus in Bielefeld an. Dort wartete auch schon der Vater von Tiesan-Yesim Atas, um den Busfahrer zur Rede zu stellen. Doch der ließ alle Kritik an sich abtropfen: "Holen Sie das Gepäck raus und diskutieren Sie nicht mit mir", sagte er. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Der Fahrtenschreiber könne beweisen, dass er exakt die angekündigten fünf Minuten gewartet habe. "Wer für die Toilette länger als fünf Minuten benötigt, sollte im Bus bleiben", erklärte er lapidar. Für Renée Doévi war das definitiv die letzte Fahrt mit Flixbus. "Mit denen fahre ich nie wieder." Das Unternehmen war am Sonntag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

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