Vorsitzender Richter: Carsten Nabel ist seit 19 Jahren Richter. Seit mehr als fünf Jahren leitet er die III. Große Strafkammer des Landgerichts. - © Wolfgang Rudolf
Vorsitzender Richter: Carsten Nabel ist seit 19 Jahren Richter. Seit mehr als fünf Jahren leitet er die III. Große Strafkammer des Landgerichts. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bielefelder Richter: „Die Jugendlichen ziehen heute öfter ein Messer“

Interview: Carsten Nabel, Vorsitzender Richter einer Jugendstrafkammer des Landgerichts, spricht über die Ursachen von Jugendkriminalität und die psychische Belastung durch Missbrauchsverfahren

Nils Middelhauve

Herr Nabel, Sie sitzen der III. Großen Strafkammer des Landgerichts vor. Die Kammer fungiert als Jugendstraf- und Jugendschutzkammer. Was bedeutet das? Welche Fälle verhandeln Sie? Carsten Nabel: Bei uns landen grob gesprochen drei Sorten von Verfahren. Zunächst einmal geht es um Jugendliche und Heranwachsende, die straffällig geworden sind und die wegen des Umfangs der Sache oder der Schwere des Delikts vor dem Landgericht angeklagt werden. Als Jugendschutzkammer verhandeln wir, wenn Kinder oder Jugendliche Opfer von Straftaten, zumeist Missbrauchsfällen, geworden sind. Und darüber hinaus finden bei uns die nächstinstanzlichen Verhandlungen statt, wenn gegen ein Urteil des Jugendschöffengerichts des Amtsgerichts Berufung eingelegt wurde. Befassen wir uns zunächst mit jugendlichen Straftätern: Gibt es den typischen jugendlichen Delinquenten? Nabel: Wir sehen Jugendliche aus allen Bereichen. Sicherlich etwas verstärkt solche, die aus schwierigen Verhältnissen stammen – aber nicht nur. Drogenkriminalität beispielsweise zieht sich durch sämtliche Schichten. Und das Interesse, ein teures Auto zu klauen, kann durchaus auch bei Kindern aus bürgerlichen Familien auftauchen. Welche Rolle spielt die zunehmende Kinder- und Jugendarmut? Nabel: Sicherlich gibt es Kinder, die aufgrund ihres familiären Hintergrunds etwas abseits und ausgegrenzt dastehen. Das bedeutet aber nicht, dass diese auch gleich alle straffällig werden. Das darf man auf gar keinen Fall als einen Automatismus werten. Es ist jedoch wichtig, dass ein Kind in der Familie Angebote bekommt, dass es betreut wird. Allerdings muss man hier sehr vorsichtig sein, denn dies ist ein Bereich, der sehr gerne von der Politik populistisch aufgegriffen wird. Hat sich Ihrer Ansicht nach die Art der Jugendkriminalität in den vergangenen Jahren verändert? Nabel: Das ist schwierig zu beantworten. Möglicherweise haben Jugendliche heute häufiger als früher ein Messer dabei, das dann auch aus nichtigen Anlässen eingesetzt wird. Das kommt meiner Ansicht nach – bei aller Vorsicht – heute häufiger vor. Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke im Zusammenhang mit Jugenddelinquenz? Nabel: Ich glaube, dass die durchaus einen großen Einfluss haben. Es gibt Fälle, da geht es zwischen Leuten, die sich kaum kennen, mit Beleidigungen im Netz los. Man trifft sich zum vermeintlich klärenden Gespräch und schließlich werden die bereits angesprochenen Messer eingesetzt. Und prompt reagiert die Öffentlichkeit mit Rufen nach härteren Gesetzen ... Nabel: Diese Forderungen gab es doch schon immer. Da überschätzt man vielleicht auch ein wenig die Wirkung. Nicht umsonst befassen wir uns gerade im Jugendstrafrecht stunden- und tagelang mit dem Lebensweg des Angeklagten – auch, um den Hintergrund einer Tat zu verstehen. Und dass ein Jugendlicher besser aus dem Gefängnis herausgeht als er hineingegangen ist, ist ja auch noch lange nicht gesichert. Das Jugendstrafrecht misst dem Erziehungsgedanken ja auch einen hohen Stellenwert bei. Nabel: Und das zurecht. Gerade in einer so prägenden Lebensphase kann eine Sozialisation im Gefängnis kontraproduktiv sein. Das bedeutet nicht, dass für den ein oder anderen gerade eine frühe Gefängnisstrafe, auch aus erzieherischer Sicht, das Richtige sein kann. Da muss man aber sehr differenzieren. Können Sie als Richter positiv auf den weiteren Weg eines Angeklagten einwirken? Nabel: Manchmal ja, zumindest geben wir uns viel Mühe. Wir müssen uns unserer Grenzen aber bewusst sein. Das Umfeld des Angeklagten hat da einen viel 
größeren Einfluss. Wir können in einem zeitlich begrenzten Rahmen nicht die Erziehungsarbeit von Jahren leisten. Perspektivenwechsel: Als Jugendschutzkammer verhandeln Sie Fälle, in denen Kinder und Jugendliche Opfer von Straftaten, zumeist sexuellen Missbrauchs, geworden sind. Auch hier die Frage: Gibt es den typischen Missbrauchstäter? Nabel: Den gibt es nicht, die Täter kommen aus allen Schichten. Allerdings wird die überwiegende Zahl der Taten im direkten Umfeld des Kindes begangen. Dass fremde Täter auf Kinder zugehen, ist sehr selten. Wenn das vorkommt, dann erfolgt die Anbahnung zumeist über das Internet. Das ist sicherlich eine neue Gefahr für Kinder. Wie gehen Sie mit Kindern um, die über ihre Erlebnisse als Zeugen berichten müssen? Nabel: Das läuft gänzlich anders als bei Erwachsenen. Wir bieten den Kindern an, uns vor der Verhandlung kennenzulernen, zeigen ihnen den Gerichtssaal. Dann weiß ich auch, wie ich mit dem Kind in der Verhandlung reden kann. Jedes Kind ist anders. Gibt es in der Vernehmung von Kindern Unterschiede zu der eines Erwachsenen? Nabel: Ja, sogar erhebliche. In derartigen Vernehmungen versuche ich, einen abgeschlossenen Gesprächsraum für das Kind zu schaffen: Ich setze mich alleine und ohne Robe zu ihm an den Tisch. Ich lege Wert darauf, dass der Angeklagte dabei ebenfalls im Saal ist. Er soll auf jeden Fall hören, wie sich die Taten aus der Sicht des Kindes dargestellt haben. Sie befassen sich mittlerweile seit Jahren mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Belastet Sie das manchmal auch noch nach Feierabend? Nabel: Ich versuche schon, Privat- und Berufsleben zu trennen. Aber klar, manche Sachen bleiben auch über einen längeren Zeitraum hängen. Die Belastung ist bei manchen Taten auch nach Jahren noch gleich, es gibt da keine Gewöhnung. Gibt es in derartigen Prozessen auch positive Erfahrungen? Nabel: Ja, auf jeden Fall. Dazu gehört das Gefühl, ein Kind gut durch eine Verhandlung gebracht zu haben. Wir können das Geschehene nie ungeschehen machen. Wir wissen auch, dass wir Kindern als Zeugen einiges zumuten. 
Aber wenn wir sehen, dass ein Kind nach seiner Vernehmung erleichtert und stolz darauf ist, endlich einmal alles gesagt zu haben, endlich einmal aus der Opferrolle herausgekommen zu sein – das ist etwas, was unserer Tätigkeit Sinn verleiht.

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