Bielefeld Große Aufregung um 22-Meter-Eiche an der Renteistraße

Anwohner verärgert: An der Renteistraße werde rücksichtslos mit einem mächtigen Baum umgegangen. Eine Tiefgaragenzufahrt entsteht direkt neben dem Baum. Fachfirma betont, die Eiche sei „nicht beeinträchtigt“

Kurt Ehmke

Mitte. Die Eiche ist stattlich, sie dürfte mit ihren 22 Metern Höhe eine der größten im Innenstadtbereich sein. 40 Jahre bis 80 Jahre alt ist sie. Nun droht ihr das Aus: Neben ihrem Stamm ist straßenbreit und metertief der Boden ausgeschachtet. Martin Wörmann, Leiter des Umweltamtes, hat sich vor Ort ein Bild gemacht, er sagt: „Die Eiche hat schlechte Überlebenschancen." Zu stark seien die Wurzeln beschädigt. Auch ein direkt neben dem Baum abgestellter Container sei ein erhebliches Problem. Er findet das bedauerlich. Denn: „Bei der Bewertung, gerade in der Innenstadt, kommt es auf das Volumen des Baumes an – und das ist beachtlich, diese Eiche ist ausgewachsen." Anwohner sind mehr als unglücklich mit der Baustelle und der Bedrohung der Eiche. Verkehrspsychologin Anita Siegmund und ihr Partner Günter Hoffmeier fürchten, dass der Baum „ganz gezielt" geschwächt werde. Denn: „Abzusägen, das traut man sich vermutlich nicht." Aus der Stadt-Verwaltung ist hier sogar das Wort „Scheingefecht" zu hören – statt die Eiche abzusägen werde der Weg des geringsten Widerstands, also des langsamen Sterbens gegangen. Dagegen verwehren sich die Bauherren (Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold sowie Willi Ernst). Für die Volksbank betont Alfons Meyer: „Wir haben immer gesagt, dass wir den Baum erhalten wollen." Auch deshalb sei mit „Garten- und Landschaftsbau Krause" ein Experte beauftragt worden. Der teilte gestern über einen Mitarbeiter, einen Baumsachverständigen, mit: „Die Versorgung der Eiche wird nicht beeinträchtigt." Lediglich Feinwurzeln seien freigelegt worden. Für den Baum habe sich quasi nichts verändert, „weil in dem Bereich vorher schon eine Grundmauer stand". Deshalb sei auch die Standfestigkeit nicht verändert durch die neue tiefe Baugrube. Auch Hartmut Becker vom Architektenbüro „Enderweit& Partner" sagt mit Blick auf die Eiche: „Sie wird nicht berührt – und bautechnisch gibt es keine andere Lösung." Dass der Baum so bedrängt wird, hängt mit einer Tiefgarage zusammen. Diese ist unter dem im Oktober eingeweihten, eleganten Neubau an der Altstädter Kirchstraße 6 entstanden. Im Neubau residiert der Vermögensverwalter „Werther und Ernst". Die Fassade, die zum Park hinter der Nicolaikirche zeigt, wurde von vielen Seiten als gelungenes Beispiel eines markanten Neu-baus gewürdigt: Eines Neubaus, der sich gut einfügt in ein vorhandenes Ensemble. Bisher ist die Tiefgarage, in die Kunden von hinten einfahren sollen, nicht erschlossen. Anfangs war ein Fahrstuhl im Gespräch. Als sich aber die Kirche als Grundstückseigentümer mit den Bauherren einigte, war die Zufahrt gesetzt – weil sie als komfortabler angesehen wird. Siegmund moniert, dass auf der Zufahrt, direkt unter dem Baum, weitere Parkplätze entstehen – „weil das lukrativ ist". Siegmund und Hoffmeier verweisen immer wieder darauf, „dass alles getan werde sollte, um den Baum so schonend wie möglich zu behandeln". Davon könne nun keine Rede mehr sein. Beide verwundert, dass in Zeiten der intensiven Debatte um Feinstaub, Hitze und Lärm in Innenstädten „so wenig Rücksicht auf einen prägenden Baum genommen wird". „Und dann muss die Eiche irgendwann einmal weg" Hoffmeier fürchtet, dass er vom Büro aus nun dem langsamen Sterben des Baumes zusehen darf – „tja, und dann muss die Eiche eben irgendwann einmal weg." Siegmund hat deshalb im Umweltamt angerufen. Auskunft: Bei allem Bedauern handelten Eigentümer und Bauherr rechtlich korrekt. Es existiere eben keine Baumschutzsatzung und die Eiche sei auch kein Naturdenkmal. Auflagen seien nicht möglich. Aus Unterlagen geht hervor, dass das Bauamt dem Umweltamt mitteilt: „In Bauberatungsgesprächen konnte somit lediglich die Bitte ausgesprochen werden, Bäume zu erhalten und bei der Baumaßnahme schonend zu behandeln." Fakt ist: Es gibt eine Broschüre der Stadt, in der dargestellt wird, wie mit Bäumen bei Bauarbeiten umgegangen werden sollte. Titel: „Baumschutz auf Baustellen". Die vorhandene Baustelle darf eher als das Gegenteil der Ratschläge angesehen werden: Weder schützt ein Bauzaun den Baum weiträumig – noch sind angeratene Abstände eingehalten und steht der Container jenseits des Wurzelbereiches.

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