Abgestützt: Das historische Hinterhaus an der Welle 50 hat sichtbar gelitten. Ein großer Holzpflock sichert die von dem Unfall beeinträchtigte Fassade. - © Andreas Zobe
Abgestützt: Das historische Hinterhaus an der Welle 50 hat sichtbar gelitten. Ein großer Holzpflock sichert die von dem Unfall beeinträchtigte Fassade. | © Andreas Zobe

Bielefeld Einsturzgefahr: Lkw beschädigt Bielefelds ältestes Haus und reißt Gerüst mit sich

Unfall: Ein Lastwagen reißt das Gerüst vor dem sanierungsbedürftigen Hinterhaus von 1485 mit sich. 
Handwerker und Architekten müssen eiligst eingreifen. Denkmalschützer sollen jetzt den Schaden bewerten

Jens Reichenbach

Bielefeld. Während das „Müller’sche Haus" an der Obernstraße als ältestes Bürgerhaus der Stadt Bielefeld (1485) seit seiner Sanierung in den 1990ern einen guten Eindruck erweckt, fristet das dazugehörige Hinterhaus an der Welle 50 schon länger ein eher trauriges Schattendasein. In Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden soll das jetzt anders werden. Doch ausgerechnet dann rammte am Mittwoch ein Lastwagen das für die Sanierung aufgestellte Gerüst und brachte das geschichtsträchtige Haus fast zum Einsturz. Gegen Mittag erhielt der Gerüstbauunternehmer Willi Kasdorf einen Anruf des Lastwagenfahrers aus Lage: „Er sagte mir, er sei leicht vor das Gerüst gefahren." Doch als wenig später auch die Polizei durchklingelte, weil sie wegen Einsturzgefahr des Gebäudes die ganze Straße gesperrt hatte, war guter Rat teuer: Kasdorf schickte sofort alle Kolonnen zur Welle. „Der Fahrer des Mietlastwagens hat unser Gerüst mit dem Koffer erfasst und vier Meter nach vorne geschoben." Die uralte Giebelwand drohte dadurch herunterzubrechen, der Schornstein im Innern war gefährdet und von der hölzernen Verbindungsbrücke zwischen Haupt- und Hinterhaus fielen bereits Bretter zu Boden. So berichtete es die neue Besitzerin des Gebäudes, Rechtsanwältin Nicole Kapitza: „Wir hatten wirklich Sorge, dass uns das Haus einstürzt. Der Schaden wäre immens gewesen." »Wir haben mit Spanngurten die Giebelwand gesichert« Der für die Sanierung zuständige Architekt Manfred Kamp vom Büro „Crayen und Bergedieck" sprach von einem Stoß in die Bauhölzer und damit in die ohnehin nicht mehr gute Bausubstanz. „Wir haben sofort mit Spanngurten, die um Balken und Pfeiler im rückwärtigen Bereich geschlungen wurden, die Giebelwand gesichert." Am Donnerstag kam noch ein großer Stützbalken hinzu, der die Wand von außen abstützt. „So ist alles verkehrssicher", sagt Kamp. Trotzdem bleiben die Bauzäune rund um das Gebäude zunächst stehen. Für die neue Besitzerin des Hauses bedeutet der Unfall nicht nur einen punktuellen Schock. Der Vorfall dürfte ihr Vorhaben, das geschichtsträchtige Haus „wieder in ein Schmuckstück" zu verwandeln, im Zeitplan weit zurückwerfen. „Ich möchte das Haus wieder in einen ursprünglichen Zustand mit in Sandstein gefassten Wänden und Fenstern versetzen." Ein gutes Jahr dürfte das dauern. Ein Prozess, der nach Angaben der promovierten Juristin sowohl mit Herzblut aber auch mit viel Verstand angegangen werden müsse. Das Projekt werde daher in enger Absprache mit der Oberen und Unteren Denkmalbehörde durchgeführt. Historiker wie Bautechniker waren bereits mehrfach vor Ort. In Kürze erwartet Kamp die Bewertung der Holzbalken. „Davon hängt ab, welche Hölzer gerettet werden können und welche zu morsch sind. Aber jetzt muss zusätzlich noch die Statik geprüft werden." Doch nicht nur Nicole Kapitza und ihr Team hatten eine schlaflose Nacht. Auch Nachbar Jimmi Catsanos, Betreiber der Tapasbar „Jivino Enoteca" musste wegen des Vorfalls Einschränkungen hinnehmen. Sein Haupteingang wurde umgehend dichtgemacht. „Meine Gäste standen irritiert vor der verschlossenen Tür." Zum Glück habe er aber eine Seitentür, der Restaurantbetrieb geht weiter. In seiner Tapasbar befindet sich laut Catsanos übrigens noch der Ofen der Müller’schen Backstube, in der Apotheker August Oetker in den 1890er Jahren mit seinen Backpulvermischungen experimentierte.

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