Die Zauneidechse. - © Pixabay
Die Zauneidechse. | © Pixabay

Bielefeld Wenn kleine Tiere große Bielefelder Bauvorhaben bremsen

Christine Panhorst

Bielefeld. Sie ist knallgrün geschuppt, ein selten gesehener Zaungast und ein Tier, das deshalb Bauplaner erzittern lässt - die Zauneidechse (Foto). Das flinke Tier, das auf lateinisch hübsch "Lacerta agilis" heißt, zählt zu den sogenannten "planungsrelevanten Arten". Damit ist die Echse eines der Tiere, die durch ihre bloße Existenz ganze Bauprojekte beeinflussen und sogar zum Stillstand bringen können - auch in Bielefeld. Eine Hitliste kleiner Tiere, die großen Einfluss nehmen: ZAUNEIDECHSE - LÄRMSCHUTZWÄNDE Die Zauneidechse ist gerade - unwissentlich - am Design von diversen Lärmschutzwänden im Bielefelder Norden beteiligt: Neben den Brückensanierungen ab 2018 ist das eine weitere Maßnahme, mit der die Bahn in den kommenden zwei Jahren ihre Infrastruktur wieder auf Vordermann bringen will. Doch bei der Umsetzung hat die Zauneidechse als seltene Art Mitspracherecht. Sie braucht Löcher. Die untere Naturschutzbehörde empfiehlt deshalb in einer ersten Stellungnahme zu den Planungen "zum Schutz und Erhalt der Zauneidechsen in den Lärmschutzwänden Durchlässe im Abstand von circa 15 m in der Größe von 30 cm Breite und 10 cm Höhe zu errichten, um eine Barrierewirkung zu vermeiden". Doch damit nicht genug: Die Zauneidechse braucht auch in Zukunft "ein Risikomanagement". Das soll laut Vorlage so aussehen: "Über 6 Jahre nach Fertigstellung der Wände ist alle 2 Jahre (. . .) eine Begehung durch ein qualifiziertes Fachbüro durchzuführen, die Bestände der Zauneidechsen sind zu dokumentieren." KNOBLAUCHKRÖTE - GRÜNBRÜCKE AN DER A 33 Ein Tier, das sich mittlerweile in und um Bielefeld einen ganz eigenen Namen gemacht hat: Fällt das Wort "Knoblauchkröte" im Vorfeld eines Bauprojekts, möchten die Beamten der Verwaltung wohl nur noch Reißaus nehmen. Denn die Kröte, die beinahe das Aus für die A 33 bedeutete, ist legendär. Weil dieser Froschlurch der Gattung der Europäischen Schaufelfußkröten im Bundesnaturschutzgesetz den Status "streng geschützt" trägt, musste 2009 eine Grünbrücke her, damit das Tier weiterhin zum Laichen zwischen dem Senner Naturschutzgebiet Kampeters Kolk auf der einen und den Rieselfeldern Windel auf der anderen Seite der Autobahn hin- und herhüpfen konnte. Auch ein unterirdischer Tunnel am Lohmannsweg steht den Kröten zur Verfügung. 2015 wurde im Auftrag des Umweltamts die Frequentierung der ersten Grünbrücke in OWL und des Tunnels geprüft. Bergmolche, Erdkröten und Grasfrösche hopsten zahlreich von hüben nach drüben. Von der Knoblauchkröte war keine Rede. BECHSTEINFLEDERMAUS - SPARRENBURGSANIERUNG Gut 30 Fledermausarten leben in Deutschland, 14 wurden jüngst in Bielefeld gezählt, eine ist stadtbekannt: die Bechsteinfledermaus. 25 bis 30 Zentimeter groß mit einem Gewicht zwischen sieben und zwölf Gramm ist sie dennoch ein Schwergewicht. Die nächtlichen Jäger, die auf der Roten Liste bedrohter Tierarten stehen, haben unter anderem bei fast allen Vorhaben rund um die Sparrenburg Mitspracherecht. Weil sie deren Sanierung übelnahmen, musste Efeu auf die Mauern geplant werden. An den Fundamenten der Rondelle gibt es extra vergitterte Öffnungen als Einflugöffnungen in die Kasematten. Aber nicht nur beim Erscheinungsbild der Burg, auch bei den Baumaßnahmen selbst gaben die langohrigen Burgbewohner den Ton an - unter anderem mussten erschütterungsarme Maschinen eingesetzt werden. GRÜNSPECHT - STROTHBACHWALD Immer wieder nimmt die Politik Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen. Der Grünspecht und seine Schützer taten es im Fall der Spedition Wahl & Co nicht. Das Vergrößerungsvorhaben des Logistikers geriet zur Farce. Der Grund: Weil der kleine Strothbachwald, der die beiden Grundstücke des Unternehmers voneinander trennt, als Gebiet mit besonders hohem Bestand an Baumhöhlen in der Stadt gilt, durfte Wahl & Co sich hier nicht ausbreiten. Als dennoch ein Teilstück der Strothbachaue an das Unternehmen verkauft wurde, drohten Bielefelder Umweltverbände mit Klage und forderten die Renaturierung des Areals. Wahl & Co wollte sich dem Spektakel mit einem Umzug nach Steinhagen entziehen. Doch in einem Bürgerentscheid sprachen sich die Steinhagener dagegen aus. Das Unternehmen muss sich jetzt vorerst mit dem Grünspecht arrangieren. ROTMILAN - BAU VON WINDRÄDERN Windräder dürfen sich ihm nicht nähern. Der empfohlene Mindestabstand: 1.500 Meter. Wo und wie Windräder aufgestellt werden, darüber entscheidet auch der Rotmilan (lat. Milvus milvus). Weil er sich weigert auszuweichen. Ein Rotmilan ist sehr reviertreu und nutzt alte Horste oft über viele Jahre hinweg. Für Windkraftgegner ist der rotgefiederte Greifvogel deshalb ein idealer Verbündeter als "kollisionsgefährdeter Vogel". Soll der Bau eines Windkraftrades verhindert werden, kommt der Rotmilan zuverlässig als Baubremse auf die Tagesordnung. Weil die Bürgerinitiative Windrad Jöllenbeck "Jö sagt Nö" sich nicht mit den von der Stadt geplanten Windrad-Vorrangflächen in ihrem Stadtbezirk abfinden wollten, legte sie Einspruch ein - und pochte auf Schutzabstände für den Rotmilan. In Brake berief man sich auf den Uhu. Eine ganz große Vogeloper.

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