Für Monate unterwegs: Johannes Remling und Renate Röntgen sehen ein Buch mit Bildern der Patientinnen an. - © Andreas Zobe
Für Monate unterwegs: Johannes Remling und Renate Röntgen sehen ein Buch mit Bildern der Patientinnen an. | © Andreas Zobe

Bielefeld Eine Bielefelder Urologin will in Äthiopien helfen

Hilfe: Renate Röntgen operiert geburtsverletzte Frauen in Äthiopien, Ludger Bernd behandelt Kinder in Eritrea

Christine Warnecke

Bielefeld. Die Koffer voll mit medizinischen Utensilien - das verbindet zwei Bielefelder Ärzte, die nach Afrika reisen, um Kinder und Frauen zu behandeln. Ludger Bernd fliegt nach Eritrea, Renate Röntgen ins Nachbarland Äthiopien - zwei verfeindete Staaten mit ähnlichen Problemen. Bis Juni ist Renate Röntgen im Hamlin-Fistula-Hospital in Äthiopien im Einsatz. Dort werden Frauen behandelt, die bei der Geburt schwer verletzt wurden, erzählt sie. Das sei ein verbreitetes Problem: "Viele sind mangelhaft ernährt und werden dann auch noch jung verheiratet", erklärt die Urologin. "Oft ist das Wachstum noch nicht abgeschlossen, wenn die Mädchen schwanger werden." Wenn der Geburtskanal zu klein ist, können die Wehen über Tage andauern. Die eigentlich notwendigen Kaiserschnitte würden nicht gemacht, erklärt Röntgen. Fisteln sind die Folge: "Das sind offene Verbindungen zwischen verschiedenen Organen, die zu schwerer Inkontinenz führen", so Röntgen. Zu den körperlichen Leiden kommen seelische: "Die Frauen werden nicht selten von ihren Familien verstoßen und sind vom gesellschaftliche Leben ausgeschlossen." Es wird geschätzt, dass es in Äthiopien rund 9.000 Geburtsverletzte pro Jahr gibt. An die Klinik angegliedert ist unter anderem eine kleine Schule, "wo die Frauen wenigstens ein bisschen lesen, schreiben und rechnen lernen". Sie können zum Beispiel auch eine Ausbildung zur Frisörin machen. "Wichtig ist, dass sie lernen, sich selbst zu versorgen", sagt Röntgen. Ihr Lebenspartner Johannes Remling unterrichtet an einer Grundschule Englisch und Musik. Weil es keine äthiopischen Urologen oder Gynäkologen gibt, will das Klinikum auch Äthiopier ausbilden und im Land halten. "Äthiopien ist umgeben von zerfallenden Staaten: Südsudan, Eritrea, Somalia", zählt Remling auf. "Krieg und Hunger sind allgegenwärtig in der Region - auch wenn Äthiopien ein recht sicheres Land ist und wir in der Drei-Millionenstadt Addis Abeba recht 'normal' leben." Ludger Bernd ist seit drei Tagen von einer einwöchigen Reise nach Eritrea zurück. Auch dort sei die Sicherheitslage gut, sagt der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. "Bei der medizinischen Versorgung gibt es aber großen Bedarf: Orthopäden, die etwa Klumpfüße oder Fehlbildungen des Skeletts behandeln können, gibt es nicht." Ludger Bernd hilft daher über die Organisation Archemed einerseits, Kinder zu behandeln und andererseits Fachärzte vor Ort auszubilden. Archemed lobt er aus vollem Herzen. "Ich bin seit etwa dreißig Jahren im Einsatz in Entwicklungsländern, war auch in Afghanistan, Pakistan und Indien. Manche Projekte haben nicht funktioniert, aber Archemed ist tatsächlich vorbildhaft." Die Ausstattung der Klinik in der Hauptstadt Asmara sei europäischen Verhältnissen noch nicht ebenbürtig, aber schon sehr gut. Archemed ist ein gemeinnütziger Verein, der sich ausschließlich über Spenden finanziert. "Einen Teil der Sachspenden habe ich selbst im Koffer dabei", so Bernd. Jeden Tag standen für sein Team drei Operationen an. Zu behandeln gibt es auch Dinge, die in Deutschland nicht mehr vorkommen. "Rachitis zum Beispiel, eine Vitamin D-Mangelkrankheit", erzählt Bernd. Eritrea, das sich 1993 von Äthiopien unabhängig gemacht hat, hat eine diktatorische Regierung. Es besteht unter anderem Zwang zur Arbeit im "Nationalen Dienst", der zeitlich unbegrenzt ist. Es gibt keine Presse- und Meinungsfreiheit, dafür aber eine hohe Dunkelziffer an politischen Gefangenen. "Wir können nicht alle Probleme lösen", dessen ist sich Bernd bewusst, "aber wir können Entwicklungen in Gang bringen." Dass er weitermachen wird, ist klar: "Man bekommt auch so viel zurück, die Freundlichkeit der Menschen, die kulturellen Erfahrungen. Und man sieht den Luxus in Deutschland mit dankbareren Augen."

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