Der Hauptkassierer einer Sparkasse soll immer wieder Bargeld für sich abgezweigt haben.  - © NW-Foto: Wolfgang Rudolf
Der Hauptkassierer einer Sparkasse soll immer wieder Bargeld für sich abgezweigt haben.  | © NW-Foto: Wolfgang Rudolf

Bielefeld/Schloß Holte-Stukenbrock 1,7 Millionen abgezweigt: Sparkassen-Kassierer gesteht Unterschlagung

Der Mann aus Schloß Holte-Stukenbrock soll über Jahre hinweg immer wieder Geld in die eigene Tasche gesteckt haben

Peter Johnsen

Gütersloh/Bielefeld. Als Hauptkassierer der Sparkasse Rietberg gehörte das tägliche Auffüllen der beiden Geldautomaten zu den Aufgaben des Bankkaufmanns Heiko G. (Name geändert) aus Schloß Holte-Stukenbrock. Das in ihn gesetzte Vertrauen soll der 46-Jährige missbraucht haben, indem er im Laufe von drei Jahren rund 1,7 Millionen Euro veruntreute. Vor der IX. Großen Strafkammer des Bielefelder Landgerichts legte er am Dienstag, 21. März, ein Geständnis ab. Die von Staatsanwalt Florian Wolfrum vertretene Anklage wirft Heiko G. gewerbsmäßige Untreue in 72 Fällen vor, begangen in der Zeit vom 5. Juli 2012 bis zum 23. Juli 2015. Um die Unregelmäßigkeiten zu vertuschen, soll er in acht Fällen die Signaturen von Kollegen gefälscht haben. In einer zweiten Anklage wird G. die Herstellung von 58 falschen 500-Euro-Scheinen mit einem Farbkopierer zur Last gelegt. Von den 1.704.720 Euro legte G. 265.000 Euro in den Tresor der Sparkasse zurück, so dass sich der effektive Schaden auf 1.439.720 Euro beläuft. "Ich bereue zutiefst" Nach der Erörterung seines Lebenslaufs äußerte sich der Angeklagte durch Verlesen einer schriftlichen Erklärung zum Tatvorwurf. Sie begann mit den Worten „ich bereue zutiefst, es tut mir unheimlich leid". Dabei hatte G. Mühe, vor voll besetztem Zuhörerraum die Tränen zu unterdrücken. Was dann folgte, war eine erstaunliche Geschichte. Der Angeklagte will das Geld nämlich nicht für sich verbraucht haben, sondern Opfer einer Erpressung geworden sein. Schon bei seinem früheren Arbeitgeber, der Kreissparkasse Wiedenbrück, habe er 2008 als Kunden einen Kosovo-Albaner und dessen Bruder kennengelernt. „Der konnte gut labern", schilderte G. die Überzeugungskraft seines neuen Freundes Muamed. Der erzählte von einem lukrativen Immobiliengeschäft im Kosovo. Er wolle dort ein Grundstück verkaufen, aber bis es so weit sei, müsse er immer wieder Gebühren und Steuern bezahlen, die der Angeklagte ihm leihen sollte. Aus den Bitten seien Forderungen und schließlich Drohungen geworden. Einwände habe Muamed nicht gelten lassen: „Ich kam überhaupt nicht zu Wort, der hat sofort gebrüllt". Aus Angst Forderungen nachgekommen Hinweise des Kosovaren, wie man mit anderen unbotmäßigen Personen umgegangen sei und das Vorzeigen einer Pistole verfehlten ihre Wirkung nicht. „Aus purer Angst bin ich seinen Forderungen nachgekommen", heißt es in der Erklärung. In dieser Sache ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen die Brüder. Immer wieder brachte Vorsitzender Richter Georg Zimmermann die Sprache auf die Sicherheitsvorkehrungen bei der Sparkasse. Was dabei heraus kam, dürfte die Vertreter des Kreditinstituts, die sich im Zuhörerraum eifrig Notizen machten, nicht erfreut haben. Die Kontrollmechanismen – sofern vorhanden – hatten offenbar versagt, so dass der Angeklagte vier- bis fünfstellige Beträge veruntreuen konnte, mit denen eigentlich die Geldautomaten aufgefüllt werden sollten. Der Prozess wird am Montag, 27. März, fortgesetzt.

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