Razzia: Polizeikontrolle an der "Tüte" vor der Stadthalle. Die Drogen- und Trinkerszene trifft sich dort am Stadtbahneingang - zum Missfallen von Stadt, Politik und vielen Bürgern. - © Christian Weische
Razzia: Polizeikontrolle an der "Tüte" vor der Stadthalle. Die Drogen- und Trinkerszene trifft sich dort am Stadtbahneingang - zum Missfallen von Stadt, Politik und vielen Bürgern. | © Christian Weische

Bielefeld Stadt will die Szene von der Tüte in den Park drängen

Serie Sicherheit (2): Die Drogenkriminalität stieg 2016 um 36,7 Prozent, 18 Prozent aller Raubüberfälle verübten Konsumenten harter Drogen

Jens Reichenbach

Bielefeld. Obwohl die Drogenkriminalität laut Polizeibilanz in Bielefeld im vergangenen Jahr von 790 Taten auf 1080 Taten stieg - immerhin ein Plus von 36,7 Prozent -, ist der als "Tüte" bezeichnete Treffpunkt von Trinker- und Drogenszene kein Ort erhöhter Kriminalität. Trotzdem fühlen Passanten und Fahrgäste am Stadtbahneingang "Hauptbahnhof" oft ein großes Unwohlsein. Manche haben sogar Angst. Jetzt soll möglicherweise die Verbreiterung des Pflasterweges direkt neben der Tüte eine Versetzung der Randgruppen nach hinten bewirken. Die Stadt ist seit 2009 darum bemüht, dem Treiben (Müll, Exkremente, Drogen) im Stadthallenpark und direkt an der "Tüte" Einhalt zu gebieten. Aber nie mit anhaltendem Erfolg. CDU-Ratsherr Michael Weber kritisiert, dass die zahlreichen Maßnahmen der Stadt eingeschlafen seien: "Es passiert hier nichts mehr. Sonst hätten wir hier doch nicht so eine Szenerie, die so dramatisch und eskalierend ist." Rein statistisch haben die Vorbeigehenden von den Mitgliedern der Szene kaum etwas zu befürchten. Die Polizei registrierte zwischen Hauptbahnhof und Tüte im vergangenen Jahr gerade Mal 20 Raubtaten und 63 Körperverletzungen. Taten, die zumeist innerhalb des Milieus begangen werden, weiß die Polizei. Allerdings waren Konsumenten harter Drogen für 18,1 Prozent der aufgeklärten Raubüberfalle in der Stadt verantwortlich, sagt die Polizeistatistik. "Es gibt teilweise fremdsprachige Gruppen dort, die wir sozialarbeiterisch anders erreichen müssen." Im Vorjahr lag diese Quote noch bei 9,8 Prozent. Trotzdem spricht SPD-Bezirkspolitiker Frederik Suchla von einer "überwiegend friedlichen Szene". Allerdings sollen die Belästigungen der Bürger zuletzt zugenommen haben. "Morgens sieht es dort wirklich schlimm aus - ein Schandfleck." Die Drogenszene scheint zu wachsen. Das zeigen auch die Zahlen der Drogenberatung, die an der Borsigstraße einen Drogenkonsumraum betreibt. Im Laufe des Jahres 2016 stieg die Zahl der Konsumvorgänge von gut 1.100 auf gut 2.100 im Dezember. Ein Trend, der sich im Januar (2.546) und Februar (2.418) fortsetzte. Das Drogenhilfezentrum platzt quasi aus allen Nähten. Ordnungsdezernentin Anja Ritschel betont aber, dass diese Zahlen auch zeigen, dass "die Hilfe von der Szene angenommen wird". Das sei wichtig, denn trotz der steigenden Zahl im Drogenhilfezentrum sei der harte Kern der Tütenbesucher stabil geblieben. Man müsse lediglich auf eine Veränderung in der Szene reagieren: "Es gibt teilweise fremdsprachige Gruppen dort, die wir sozialarbeiterisch anders erreichen müssen." Auch gebe es inzwischen etwa 40 Obdachlose, die die Stadt wohl nie in geschlossenen Wohnungen unterbringen wird. Sozialarbeiter sprechen von einer sichtbaren Verarmungsentwicklung, die für die meisten eine Rückkehr kaum wahrscheinlich mache. Anja Ritschel hat die frühere Idee eines Alkoholverbots in dem Bereich angesichts der zahlreichen Gerichtsurteile, die all diese Verbote wieder gekippt haben, endgültig verworfen. Sie setzt auf das Vermeiden von "Nutzungskonflikten". Stadtbahnfahrgäste wie auch die Stadthallenbetreiber haben mehrfach bemängelt, dass man an der Szene eng vorbei müsse. Deshalb habe der Runde Tisch jetzt die Idee entwickelt, den gepflasterten Weg, der rechts an der Tüte zur Stadthalle führt, zu verbreitern, die Fahrradbügel wegzunehmen und der Szene eine Aufenthaltsmöglichkeit etwas weiter weg von dem Stadtbahnabgang zu ermöglichen. "Dadurch wird sowohl der Zugang zu Stadtbahn als auch zur Stadthalle etwas freier", so Ritschel. Der Architekt der Grünanlage, Hinnerk Wehberg, habe diese Idee interessiert aufgenommen und wolle den Bereich nun mit seiner Tochter, die Landschaftsarchitektin ist, neu planen. Lange hatte sich das Gerücht gehalten, der Architekt bestünde auf dem Urheberrecht seines Entwurfs, so Ritschel. "Dieses Gerücht hat sich jetzt beim Ortstermin komplett aufgelöst." Jasmin Wahl-Schwentker (FDP) kritisiert: "Die Stadt hat sich damit abgefunden, dass die Szene dort bleibt. Das ist für das Eingangstor in unsere Stadt nicht hinnehmbar. Man will das Problem nicht abstellen."

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