Präsenz zeigen: Ein Streifenwagen der Polizei hat kurz vor 3 Uhr nachts Position vor den Bushaltestellen eingenommen. Immer zur vollen Stunde treffen hier große Gruppen Nachtschwärmer aufeinander, nicht immer ohne Streit. - © Barbara Franke
Präsenz zeigen: Ein Streifenwagen der Polizei hat kurz vor 3 Uhr nachts Position vor den Bushaltestellen eingenommen. Immer zur vollen Stunde treffen hier große Gruppen Nachtschwärmer aufeinander, nicht immer ohne Streit. | © Barbara Franke

Bielefeld Eine Partynacht am Jahnplatz: Die NW checkt die Sicherheit

Serie Sicherheit (1): Fast alle Nachtbummler haben Angst vor Gewalttätern. Viele zeigen sich erfreut über regelmäßige Präsenz der Streifenwagen

Jens Reichenbach

Bielefeld. Die Öffentlichkeit diskutiert seit Jahren über die Gefahren, die Nachtschwärmern am Wochenende in der Innenstadt drohen. Pöbeleien, Schlägereien, Diebstähle. Nach den jüngsten Diskussionen optimierte Polizeipräsidentin Katharina Giere ihr Konzept "Sichere Innenstadt" und kündigte an, wie am Boulevard nun auch auf dem Jahnplatz dauerhaft einen Streifenwagen zu platzieren. Sonntag, 0.40 Uhr: Es ist ruhig am Jahnplatz, Polizeihauptkommissar Detlev Busse und sein Kollege René Strakeljahn rollen mit ihrem Streifenwagen auf den Platz. In wenigen Minuten fahren die ersten Nachtbusse, vor der Tür der nahe gelegenen Disko "Cafe Europa" bildet sich gerade eine Menschenschlange. "Dass der Jahnplatz das Auge des Hurrikans von ganz Ostwestfalen-Lippe ist, ist sicherlich niemandem verborgen geblieben", sagt auch Busse. "Durch die Nachtbusse, McDonalds, die Disko und den nahen Kesselbrink hat der Ort eine Riesenanziehungskraft für die ganze Region." Wenn dann viel Alkohol im Spiel sei, fielen die Hemmschwellen und dann sei das Risiko für Ärger groß. "Wer Streit sucht, findet ihn am ehesten dort, wo Betrunkene aufeinandertreffen", sagt Busse. Das gelte nicht nur am Jahnplatz, ab 3 Uhr etwa sei auch der Boulevard für die Polizei ein großes Thema. 0.55 Uhr: Busse und sein Kollege werden zur Unterstützung bei einer Festnahme gerufen. Sie verlassen mit Blaulicht den Jahnplatz. "Ich finde es sehr beruhigend, dass die Polizei hier jetzt immer steht", sagt eine Bielefelder Studentin (20), die gerade mit ihrer Freundin (21) auf dem Weg in die Disko ist. "Ich bin sehr ängstlich. Nachtbus fahre ich deshalb generell nicht." Ihre Freundin hatte an ihrem Studienort Bremen immer Reizgas in der Tasche. In Bielefeld fühlt sie sich sicher. Beide berichten aber von einer Freundin, die nach dem Tanzen bei McDonalds von einem Mann umarmt wurde - ohne Vorwarnung. "Um sie herum standen mehrere Männer, ihr Freund ist gleich zum Streifenwagen gelaufen. Die haben sich sofort gekümmert. Gestohlen wurde aber nichts." 2.30 Uhr: Ein junger Mann überquert mit einem Freund den Jahnplatz. Er meint, dass es vor sieben Jahren schlimmer hier war. "Allerdings hat sich die Szene vor McDonalds gewandelt." Früher hätten sich dort die Emos getroffen (eine von Melancholie geprägte Jugendsubkultur), jetzt seien dort eher "Junkies". Er meide den Jahnplatz, auch wenn er keine echte Angst habe. Hauptkommissar Busse erinnert sich an 2010: "Damals hatten wir hier eine relativ schlechte Phase." Die Polizei reagierte mit einer Verstärkung um fünf Streifenwagen im Innenstadtbereich, die bis heute Bestand hat. "Das hat sich rentiert", sagt Busse. "Die Partypeople haben bemerkt, dass wir zur Stelle sind, wenn die Nachtbusse abfahren." Anderswo in der City gingen die Körperverletzungen zurück, am Jahnplatz wurde 2016 mit 84 Taten wieder das Niveau von 2010 (81) erreicht - keine zwei Fälle pro Woche. Der Betreiber des stark frequentierten dortigen Drugstores arbeitet seit 1998 am "berüchtigten Jahnplatz". "Es gab dort immer schon Probleme. Aber vor fünf Jahren hat es angefangen schlimmer zu werden." Man müsse hier schon ein hartes Fell haben. Er spricht von Jugendlichen und jungen Männern, die ihrer Gang etwas beweisen müssen. "Die suchen Stress, die provozieren Leute, die einfach nur auf ihren Bus warten." Die kommen in keine Disko rein, hängen aber trotzdem dort ab. Er habe über die Jahre mit einigen von diesen Schlägern gesprochen: "Die haben vor zwei Polizisten keinen Respekt mehr. Neulich kamen zehn Streifenwagen, und trotzdem haben die den Besoffenen nicht unter Kontrolle bekommen. Das reizt diese Typen noch." 2.45 Uhr: Zwei der Streifenwagen kehren zum Jahnplatz zurück. Für die Beamten gab es im Stadtgebiet so viel zu tun, dass eine durchgehende Präsenz am Jahnplatz nicht zu gewährleisten war: Diebe, Ruhestörungen, Schläge am Boulevard, ein Platzverweis vorm Movie. "Hier ist gerade die Hölle los", sagt ein Beamter. "Aber es ist auch viel Kleinkram." Immer zur vollen Stunde füllt sich der Jahnplatz erneut mit Menschen, weil wenig später gleichzeitig die Nachtbusse abfahren. Das wissen die Beamten. Sie fahren direkt vor das Schnellrestaurant, stoppen ein paar Betrunkene, die bei Rot über die Ampel torkeln, wechseln rüber zum Café Europa. Ein Betrunkener beschimpft seine Freundin immer wieder, deutet Schläge an. Ihr gelingt es nicht, seinen Aggressionen zu entkommen. Später umarmen sie sich. Auch sie verlassen mit einem der Nachtbusse die City. 3.50 Uhr: Warum ist es heute so ruhig hier? Ein Beamter berichtet, dass sie einige bekannte Taschendiebe, die hier immer wieder für Stress sorgen, schon vorher des Platzes verwiesen habe. "Das ist mir lieber, als später sechs Diebstahlsanzeigen zu schreiben." Ein anderer Beamte sagt: "Es ist zu kalt. Im Juli ist es hier anders."

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