Bielefeld Gewaltanalyse für die Innenstadt

Polizeipräsidentin Katharina Giere nennt erstmals eigene Deliktzahlen zu Jahnplatz, Boulevard, Tüte und Kesselbrink: "Wir haben Grund für erhöhte Präsenz, aber keine auffallend negative Entwicklung"

Andrea Rolfes
Jens Reichenbach

Bielefeld. Das Gefühl, dass es in der Bielefelder Innenstadt immer gefährlicher wird, treibt Bürger und Politiker seit Jahren um. Die Polizei beschäftigt sich seit neun Jahren mit den Gewalttätigkeiten in den Partynächten. Aktuell ist die Polizei am Wochenende mit zusätzlichen fünf Streifenwagen und einem Hundeführer im Innenstadtbereich unterwegs und will so Dauerpräsenz zeigen. Jetzt haben Ordnungsdezernentin Anja Ritschel und Polizeipräsidentin Katharina Giere erstmals im Hauptausschuss eine Sicherheitsanalyse für die fünf Brennpunkte Jahnplatz, Boulevard, Bahnhof inklusive Szenetreffpunkt "Tüte" sowie die Bahnhofstraße und Kesselbrink vorgestellt. Jahnplatz 2016 gab es hier 84 Körperverletzungen. Damit sei das Niveau von 2010 (81) wieder erreicht, so Giere. In den Vorjahren waren es 78, 74 und 66 Körperverletzungen. Die Zahl der Raubtaten lag bei 10, in den Vorjahren sogar darunter. "Das ist bei einem Platz, der nach Schätzungen pro Tag 200.000 Personenbewegungen erlebt, wirklich wenig." Dass sich an einem Samstag im Februar gleich drei Schlägereien zu untypischer Zeit - zwischen 17 und 21 Uhr - ereignet hatten und dass in einem Fall sogar ein Messer im Spiel war, sei eine Ausnahme, so Giere. In der Regel ereigneten sich die Auseinandersetzungen unter jungen Männern zwischen 23 und 6 Uhr. Daher sei diese Messertat geeignet, um Angst auszulösen, gab Giere zu. Die blanken Zahlen aber sprächen eine andere Sprache: Boulevard Hier zählte die Polizei 87 Körperverletzungen. In den beiden Vorjahren lag die Summe deutlich niedriger (59 und 68). Dennoch habe sich nicht viel verändert: "Wir haben hier häufig Delikte, die sich aus den Diskos heraus entwickeln und draußen ausgetragen werden." Erstaunlich die Zahl der Raubtaten: 2016 gab es hier nur einen Vorfall. Bahnhof/Tüte Her stieg die Zahl der Körperverletzungen (63) leicht, die der Raubtaten stagnierte auf niedrigem Niveau (20). "An der Tüte sieht es tatsächlich nicht schön aus", sagt Ralf Kaster, Leiter der Wache am Kesselbrink. "Aber nicht alles, was uns dort stört, hat mit Kriminalität zu tun." An diesen Stellen wird das Ordnungsamt aktiv. Ritschel betonte, dass dort, wo zwar keine auffälligen Straftaten passieren, aber eine subjektive Unsicherheit herrsche, es wichtig sei, präventiv zu handeln - mit Sozialarbeitern, Sicherheitskräften und Drogenberatungen. Das sei gelebte Praxis. Bahnhofstraße Hier gab es einen leichten Anstieg der Raubüberfälle von 12, 13 und 17 auf zuletzt 20. Die Zahl der Körperverletzungen stagniere - 2016 waren es 44. Kesselbrink Dieser Platz geriet laut Giere mit seiner Fertigstellung 2013 in den Fokus der Polizei. "2015 und 2016 wurde er zum Anlaufpunkt für Drogendealer. Aus dieser Gruppe heraus entstanden dann Streit und Schlägereien." 2016 zählte die Polizei hier 52 Körperverletzungen und elf Raubtaten. "Durch Razzien konnten wir dort zu einer deutlichen Beruhigung beitragen", so Giere Resümee "Ja, wir haben Grund, uns an diesen Orten besonders zu zeigen", betonte die Polizeipräsidentin. "Aber wir haben nicht den Eindruck, dass es eine auffallend negative Entwicklung gibt." Deshalb antworte Giere auf die Forderung nach Videoüberwachung mit einem "klaren Nein". Dass von politischer Seite sogar von "No-Go-Areas" gesprochen werde, halte sie sogar für "unverantwortlich". "Das geht an den Realitäten vorbei." CDU, FDP und BfB zeigten sich in der Sitzung nach wie vor skeptisch. Die Zahl der Straftaten sei immerhin so hoch, dass sich an jedem Wochenende an den bekannten Plätzen ein Vorfall ereigne und man Angst haben müsse, davon Zeuge oder Opfer zu werden, so Jasmin Wahl-Schwentker (FDP). Zudem pochten die Parteien darauf, dass es an der Tüte einen dringenden Handlungsbedarf gäbe. Dieser Ort sei die Visitenkarte der Stadt und dürfe so nicht bleiben. Trotz Sicherheitskonzept habe sich die Situation dort nicht verbessert, so Michael Weber (CDU).

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