Die stolze Geschichte der Niemeyer'schen Musikalienhandlung endet nach 97 Jahren. - © Wolfgang Rudolf
Die stolze Geschichte der Niemeyer'schen Musikalienhandlung endet nach 97 Jahren. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Eine Institution verschwindet: Musikhaus Niemeyer schließt

Nach 97 Jahren ist Schluss - Chef Klaus-Dieter Gehner hatte vergeblich nach einem Nachfolger gesucht

Dennis Rother

Bielefeld. Zeit für Moll-Töne unter den Musikbegeisterten in ganz OWL: Niemeyer macht am 31. März zu, für immer. Nach 97 Jahren endet damit eine Ära. Inhaber und Geschäftsführer Klaus-Dieter Gehner zieht den Schlussstrich aber nicht etwa wegen schlechter Zahlen. Der 61-jährige Unternehmer fand trotz zwei Jahre langer bundesweiter Suche schlicht keinen Nachfolger. „Das hat mich selbst überrascht", sagt er. Der Ausverkauf der Instrumente soll noch in den kommenden Tagen starten, die 600 Quadratmeter Fläche werden neu vermietet. Von Flöte bis Klavier, von Taktstock bis Notenbuch, früher sogar Platten und CDs: Niemeyer galt und gilt als Anlaufstelle Nummer eins für diejenigen, die alles aus einer Hand wollen. Zwölf Mitarbeiter beschäftigt Gehner, darunter Honorarkräfte, die im Kellergeschoss Musikunterricht anbieten. Einige Angestellte gehen in Ruhestand, sagt Gehner, andere suchen noch Stellen. Der Unterricht soll in Kooperation mit der Musikschule Pow wenn möglich unverändert weiterlaufen. Seit drei Generationen befindet sich Niemeyer in Familienhand. Fritz und Karl Niemeyer legen 1919 den Grundstein für den Traditionsbetrieb, 1926 übernehmen Robert Gehner und seine Ehefrau Erna das Geschäft. „1944 wird das Ladenlokal in der Obernstraße im Bombenhagel zerstört", sagt Robert Gehners Enkel Klaus-Dieter. Robert Gehner fällt im Krieg, Erna Gehner und Sohn Dieter starten einen Neuanfang. 1950 beziehen sie das neu errichtete Haus an der Niedernstraße 41, mittlerweile Starbucks-Filiale. In den 60ern und 70ern folgt „stürmisches Wachstum", sagt Dieters Sohn Klaus-Dieter Gehner. Er ist schon als Kind vor Ort, tummelt ich als Ratsgymnasiast beim Papa im Laden, spielt selbst Klavier. Musik prägt die Familie beruflich wie privat. Als Dieter Gehner 1978 stirbt, übernimmt der Sohn die Geschäftsleitung. Insgesamt 38 Jahre an der Spitze sollen es für Klaus-Dieter Gehner werden. Ab 2000 wird der Schallplattenhandel im Erdgeschoss an JPC verpachtet, Niemeyers Instrumente gibt’s eine Etage drüber. Im Jahr 2010 geht es schließlich ins repräsentative Altstadt-Gebäude an die Ritterstraße, ehemals Sitz von Ofen Heine. Der heutige Standort wird auch der letzte sein. Dessen ist sich Klaus-Dieter Gehner immer mehr bewusst. „Natürlich bin ich wehmütig. Andererseits bin ich froh, aus der täglichen Tretmühle rauszukommen." Sechs-Tage-Wochen, wenig Urlaub – das schlaucht. Dass er kürzertreten will, habe er 2014 entschieden, als er wegen einer Augen-OP außer Gefecht war und Zeit zum Innehalten hatte. Weil es in der Familie keinen Nachfolger gab, ließ er einen Unternehmensberater suchen. Weil das Geschäft wirtschaftlich stabil sei, dachte er, dass das eigentlich klappen müsste. Zumal Niemeyer als „Vollsortimenter" und größter Fachhändler Alleinstellungsmerkmal in der Region hat. „Das nächste Geschäft dieser Art gibt’s in Hannover oder Dortmund", betont Gehner. Sogar einen eigenen Online-Shop betreibt Niemeyer. Die Suche sei trotzdem erfolglos gewesen. Kurzfristig ist ein letzter Interessent abgesprungen, so Gehner. Potentielle Nachmieter hätten sich indes schon gemeldet. Das Gebäude lockt mit vielen Schaufenstern. Klar ist bislang aber nur, was dort bald nicht mehr steht: Instrumente.

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