Im Gespräch: Werner Schmidt und Margret Borgstädt, v. l., berichten Kurt Ehmke vom Leben in der Kleingartenanlage; Roger und Mirca Loh (mit Johannes auf dem Arm) stehen für die neuen jungen Familien, Eva Pühse-Schmidt (senffarbener Pulli) und Ralph Junker sind Vorstände im Verein. Eingeladen in die Anlage am Schloßhof hatte Sabine Tjørnelund (vorne, rechts). - © Sarah Jonek
Im Gespräch: Werner Schmidt und Margret Borgstädt, v. l., berichten Kurt Ehmke vom Leben in der Kleingartenanlage; Roger und Mirca Loh (mit Johannes auf dem Arm) stehen für die neuen jungen Familien, Eva Pühse-Schmidt (senffarbener Pulli) und Ralph Junker sind Vorstände im Verein. Eingeladen in die Anlage am Schloßhof hatte Sabine Tjørnelund (vorne, rechts). | © Sarah Jonek

Bielefeld Serie: Junge Familien zieht es in die Kleingärten

Geklingelt bei: Die Welt der Schrebergärten ändert sich rapide – zwar gibt es noch immer prächtige Gartenzwerge, aber viel häufiger stolpern andere Zwerge in den Gärten herum

Kurt Ehmke

Bielefeld. Na klar, auf dem Rasen thronen Gartenzwerge, Rasenkanten werden perfekt abgestochen und vom Vorstand per Zollstock nachgemessen – und gibt es viele bedeutende Ausschüsse, an denen Kleingärtner verpflichtend teilnehmen müssen. BRAUNE LAUBEN Ach ja, und aus den Lauben erklingt nur Blasmusik, und die Farbe der Lauben darf nur zwischen hell- und dunkelbraun variieren. „Nee, nee", empört sich Margret Borgstädt, die seit 60 Jahren einen Garten in der Anlage am Schloßhof hat, „so ist das hier nun wirklich nicht." Weil sich Kleingärtner noch immer ab und zu mit solchen Vorurteilen herumschlagen, hat Sabine Tjørnelund die NW eingeladen: „Klingeln Sie, wir haben was zu erzählen." Und das tun sie dann auch, die versammelten Kleingärtner zwischen 1 und 82 Jahren, wobei für Johannes Loh (1) doch mehr Mama Mirca (36) und Papa Roger (41) sprechen. Vorstand der mit gut 170 Gärten größten und 107 Jahren ältesten Bielefelder Anlage neben der Alm sind Eva Pühse-Schmidt (57) und Ralph Junker (54). Sie betonen: „Mehr als die Hälfte der Gärten wird von jüngeren Familien genutzt." Dazu kommen natürlich die älteren Gartenfreunde sowie türkische und osteuropäische Kleingärtner. Die meisten Gartenzwerge hat übrigens ein Türke in seinem Garten stehen. Sinnbild des Wandels in der Anlage ist ein Graffiti, das eine Laube schmückte. Und auch eine Totholzhecke ziert den Eingangsbereich – „na, für die Idee hab’ ich mir aber anfangs was anhören dürfen", sagt Pühse-Schmidt und schmunzelt. GROSSER UMBRUCH Es tut sich seit Jahren was in den Anlagen. Junge Familien drängen hinein. Junker spricht vom „Generationswechsel". Und der ist am Schloßhof erwünscht. „Von zehn Gärten vergeben wir sehr bewusst mindestens sechs an junge Familien." Es ist ein Umbruch. In den vergangenen Jahren wechselten jedes Jahr etwa 20 Gärten den Pächter. Margret Borgstädt (82): „Ich komme kaum mit, all die neuen Leute auch kennenzulernen." Die Gemeinschaft muss sich neu (er-)finden. Und das klappt – nicht immer, aber meistens. An die neuen, bunten Hütten haben sich fast alle schon gewöhnt, an die neuen kleinen Kinder in der Anlage auch. Borgstädt: „Das ist doch herrlich." Sie hat festgestellt, dass es vieles gibt, das verbindet. So sind es nicht nur Ältere, die aus dem Garten auch Lebensmittel herausholen wollen, sondern auch Jüngere. „Natürlich sind gesunde Lebensmittel ein Antrieb – und wir wollen einfach auch etwas mit den Händen tun", sagt Mirca Loh. Im Freundeskreis werde sie nicht als Kleingärtnerin belächelt, im Gegenteil. „Freunde aus Hamburg und Düsseldorf finden das klasse und suchen nun auch bei sich nach einem Kleingarten." Vergeblich. Der Trend ist längst angekommen in den Metropolen. Mirca Loh: „Ganz klar, einen Kleingarten zu haben ist richtig ,in’." KLEINGÄRTNERN IST „IN" Für das junge Paar ist der Garten die Oase, die neben der Arbeit – beide sind Stadtplaner – wartet. Erst wohnten sie im Bielefelder Westen, jetzt im Osten; ohne Garten, ohne Balkon. „Hier herzukommen ist wie ein kleiner Urlaub", sagt Roger Loh, „wir freuen uns schon darauf, im Sommer mal unserem Sohn im Zelt im Garten zu übernachten." Der Garten gehört für beide auch ein bisschen „zum pädagogischen Konzept". TEIL DES VIERTELS Vorstand Junker hört all das gerne, er weiß, dass vieles gut läuft: „Der ökologische Gedanke ist eingezogen in den Verein und die Gemeinschaft ist gut." Er gibt aber auch zu: „Nicht alle sind aufgeschlossen für neue Ideen und junge Leute." Auch seien vor allem osteuropäische Kleingärtner schwerer zu integrieren, sie blieben doch eher unter sich. Das entspreche nicht dem Selbstverständnis des Vereins, sagt Sabine Tjørnelund: „Wir sind offen und verstehen uns als Teil des Viertels hier." Ein Viertel, zu dem auch Arminia gehört. „Mit Arminia-Fans hatten wir hier noch nie Ärger", sagt Junker, „vielleicht auch, weil wir alles sein wollen, nur nicht elitär."

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