Spontane Feier: Noch ein wenig ungläubig, dafür aber umso begeisterter feierten gestern vor der Sekundarschule Bethel Eltern und Schüler die Rettung ihrer Schule. Mit dabei: die Sprecherinnen des Aktionsbündnisses, Frauke Leßmann (l.) und Antje Wörmann (r). - © Andreas Fruecht
Spontane Feier: Noch ein wenig ungläubig, dafür aber umso begeisterter feierten gestern vor der Sekundarschule Bethel Eltern und Schüler die Rettung ihrer Schule. Mit dabei: die Sprecherinnen des Aktionsbündnisses, Frauke Leßmann (l.) und Antje Wörmann (r). | © Andreas Fruecht

Bielefeld Sekundarschule Bethel wird gerettet

Einigung: Hinter den Kulissen hat die Stadt Bethel eine Investitionsbeteiligung von bis zu 3,8 Millionen Euro zugesagt. Dieselbe Summe muss auch Bethel investieren, neben seinen geplanten 10 Millionen Euro

Kurt Ehmke

Bielefeld. Was zwischenzeitlich kaum noch einer glauben mochte, ist eingetreten: Die Sekundarschule Bethel ist gerettet und bleibt sogar in der Trägerschaft Bethels. Sie wird ab übernächstem Schuljahr um eine Klasse pro neuem Jahrgang kleiner - sie ist dann zweizügig. Das Gymnasium bleibt wie gehabt dreizügig. Nach fünf Monaten voller Überraschung, Wut, Enttäuschung auf Seiten von Kindern, Eltern, Öffentlichkeit, Politik und Stadt konnten sich nun Bethel und die Stadt hinter den Kulissen einigen. Angefangen hatte alles mit der vollkommen überraschenden Mitteilung Bethels nach den Sommerferien, die 2013 gegründete Schule werde bis 2022 geschlossen. Begründet wurde das mit einem plötzlich festgestellten Gebäude-Investitionsbedarf von 20 Millionen Euro, von denen Bethel aber nur 10 Millionen Euro stemmen könne und wolle. Es folgten harsche Proteste - von der nicht informierten Politik, von Schülern, von Eltern, von Prominenten wie Wolfgang Thierse, ja sogar von Arminia Bielefeld. Der Druck wurde größer und größer, aber Bethel blieb bei seiner Linie. Und so geriet der Protest mitten hinein ins Jubiläumsjahr - und in diesem griffen nun sogar nationale Medien wie FAZ die Debatte um die Schule auf. Nun also die Einigung. Die sieht vor, dass Bethel seine 10 Millionen Euro wie geplant investiert, es aber auch weitere Investitionen für die Sekundarschule gibt. Diese sollen von den bisherigen 10 Millionen auf 6 bis 7 Millionen gedrückt werden - über die Verkleinerung der Sekundarschule. Die hier notwendigen Investitionen teilen sich Stadt und Bethel. Maximal will die Stadt mit 3,8 Millionen ein-steigen, zurzeit ist von erwarteten 3,1 Millionen die Rede. Zu hören ist, dass Oberbürgermeister Pit Clausen als Bedingung für einen Kompromiss vorgegeben hatte, dass die Unterstützung Bethels keine unbefristete dauerhafte Bezuschussung sein dürfe - er will die Haushaltskonsolidierung nicht durch erhöhte laufende Ausgaben gefährden. Damit konnte er sich durchsetzen. Deutlich wird, wie wichtig der Stadt der Erhalt der einzigen inklusiven Sekundarschule ist - schließlich soll über das Erfolgsmodell in Bethel ein positives Image auf mögliche weitere Gründungen abstrahlen. Nun soll alles sehr schnell gehen. So soll der Anbau F an der Bodelschwingh-Mensa so flott wie möglich entstehen. Das hochgradig sanierungsbedürftige Gebäude A dürfte abgerissen werden - sein Zustand soll weit schlimmer sein als mancher lange dachte. Auf Seiten des "Bündnisses Sekundarschule bleibt" gab es gestern kein Halten mehr, als die Nachricht öffentlich wurde.  Sprecherin Antje Wörmann kreischte kurz vor Freude, bevor sie um Worte rang. "Das ist großartig - wir haben unser Maximalziel erreicht: Die Sekundarschule bleibt als inklusive Schule erhalten; und das sogar in der Trägerschaft Bethels." Sie danke der Stadt für die Kompromissbereitschaft, und sie gehe jetzt mit einem guten Gefühl in die Zukunft - auch gegenüber Bethel. "Bethel besteht aus vielen, und es gibt noch immer bei vielen diesen besonderen Bethelgeist, das ist auch hier jetzt deutlich geworden." Sie hoffe nun, dass schnell für die bereits gegangenen Lehrer guter Ersatz eingestellt werde und die Schule "mit qualitativ gutem Unterricht" in ihr quasi zweites Leben starte. Extrem wichtig sei, dass die Rettung nun vor der Anmeldephase gekommen sei - denn vom 8. bis zum 10. Februar kann angemeldet werden. Für das Bündnis betont Wörmann, "dass jetzt starke Jahrgänge entstehen können und die Eltern eine Sicherheit haben". Das mache Mut für die Zukunft. In dieser könne mit dem Träger Bethel an Gymnasium und Sekundarschule nachhaltig das Konzept der Durchlässigkeit und Inklusion ausgebaut werden - "möglichst ohne allzu lange zurückzublicken", so Wörmann, die gestern Abend spontan mit Eltern und Kindern feierte. Endgültig beschlossen ist die Rettung, wenn der Rat der Stadt und der Verwaltungsrat Bethels zugestimmt haben - da die Nachricht gestern aber von Bethel und Stadt gemeinsam kam, ist das wohl Formsache. Der Rat tagt am 9. Februar. Kommentar: Ein bitterer Tag der Freude Es ist ein Freudentag – für ganz Bielefeld. Denn die Schullandschaft bleibt bunt, es bleibt ihr die Sekundarschule Bethel erhalten. Erhalten bleibt der Stadt die Option, weitere inklusive Sekundarschulen zu gründen, denkbar ist das von Jöllenbeck bis Heepen, von Baumheide bis Mitte (Brodhagen) – und auch im Süden. Ob das angenommen wird, ist offen, aber zumindest kann die Stadt nun weiterhin mit dem erfolgreichen Vorreiter in Bethel werben. Die Stadt gibt für diese Option viel Geld aus. Kritiker werden sagen, dass Bethel bekommen hat, was es wollte: öffentliches Geld. Doch so einfach ist es sicher nicht. Es darf Bethel durchaus geglaubt werden, dass im Schulbereich das Geld nicht unendlich verfügbar ist. Umso schöner, dass sich der christliche Träger nun wei-ter engagiert, denn: Nachgefragt ist Bethel als Schulträger. Aber: Es gab unendlich viele Beschädigungen und einen herben Imageverlust – und das im Jubiläumsjahr. Das ist das Bittere an dieser Geschichte. Hätte Bethel sich im Vertrauen an die Stadt gewandt und in voller Transparenz deutlich gemacht, warum es nur noch ein Jahr geht, wenn sich finanziell nichts ändert – was wäre wohl herausgekommen? Ziemlich genau die Einigung, die es jetzt gibt. Nur ohne Ängste, Zerwürfnisse, Streit, Vertrauens- und Imageverlust. Kontakt zum Autor

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