Bielefeld Interview: Martin Enderle vom Verein pro Grün über die Diskussion „Städte im Stress“

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, 30. November, um 19 Uhr im Vortragssaal der Kunsthalle statt

Carsten Heil

Bielefeld. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) und der Verein Pro Grün laden unter dem Titel „Städte im Stress" zu einer Diskussionsveranstaltung ein. Es geht darum, wie Zu- und Abwanderung, neue soziale Strukturen, veränderte Demografie, Nachverdichtung und Zersiedlung, mehr Wohnen, mehr Bildung, weniger Industrien Städte verändern. Die NW hat vorher mit Martin Enderle vom Verein Pro Grün über das Thema gesprochen. Herr Enderle,"Städte im Stress", heißt die Abendveranstaltung des BDA Ostwestfalen-Lippe und pro Grün heute zur städtebaulichen Situation in OWL. Wie ist das gemeint? So schlecht geht es Bielefeld doch nicht? ENDERLE: Die Städte sind im Stress, weil sie vor enormen städtebaulichen und ökologischen Herausforderungen stehen. In Bielefeld wird aktuell von 180 Hektar Gewerbeflächenbedarf gesprochen. Und der Baudezernent fordert in kurzer Zeit 18.000 neue Wohnungen. Auch wenn der Bedarf eventuell überzogen erscheint, wird doch das Problem im Hintergrund deutlich: immer mehr Landschaftsverbrauch. Bei der Wohnraumentwicklung wurde zu lange gewartet. Der Presse kann man ja entnehmen, wie hier auch die Bevölkerung reagiert auf die Frage nach Standorten für günstigen und auch sozialen Wohnungsbau. Also kann man schon von einem hohen Druck sprechen, also konkret, wo sind die Flächen und wer stellt sie bereit, damit bezahlbarer Wohnraum und urbane Stadt entstehen kann. Welches Ziel verfolgen die Veranstalter mit dem Abend? ENDERLE: BDA und pro Grün suchen hier den Einstieg in eine Diskussion zu den zukünftigen vielfältigen Entwicklungen, gerade auch mit externen Fachleuten, um nicht im eigenen Brei stecken zu bleiben. Dazu gehört dringend das Voranschreiben von Stadtentwicklung. Dies benötigt in aller Regel Zeit. Unter hohem Druck entstehen aber oft nicht zu Ende gedachte Lösungen, die schon nach kurzer Zeit korrigiert werden müssen. Also dringender Handlungsbedarf. Wir brauchen eine Verständigung zwischen Stadtentwicklung und Ressourcenschonung. Ein Beispiel: in NRW wuchs zwischen 2002 und 2012 die Siedlungsfläche um eine Größenordnung an, die der doppelten Fläche von Bielefeld entspricht. Bielefeld rühmt sich, eine der grünsten Großstädte Deutschlands zu sein. Wir können doch nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen. In den vergangenen Jahren ist doch besonders in Bielefeld viel passiert. Lenkwerk, alter Schlachthof, hinter der Alten Gärtnerei sind teils modern bebaut worden und neu gestaltet. Wo gibt es weiteren Bedarf, also wo sind die Problemzonen? ENDERLE: Es gibt in Bielefeld zahlreiche positive Beispiele. Das Lenkwerk gehört dazu und auch die neuen pädagogischen Büro- und Wohnnutzungen an der Ripon-Kaserne. Es gibt aber auch kritische Entwicklungen, über die man reden muss. Dazu gehören die Gewerbebänder an der A 2 mit einer teilweise übermäßigen Bebauung bester landwirtschaftlicher Böden. Gibt es positive Beispiele von Stadtentwicklung? ENDERLE: Positive Beispiele in Bielefeld sind ganz aktuell die Ankergärten, zwar hochpreisig, aber immerhin die Nachnutzung alter Industriegebäude, die Entwicklung des Dürkopp-Geländes, wobei natürlich auch stark auf die Bezahlbarkeit geachtet werden muss. Ein sozial ausgewogenes positives Beispiel ist der Wohnpark Harrogate. Zu Stadtentwicklung gehört auch Infrastruktur wie der Nahverkehr. Für die Verlängerung der Stadtbahnlinie 4 waren die Bürgerinnen und Bürger aber nicht zu haben. ENDERLE: Es geht den Kritikern vor allem darum, dass mit der Verlängerung der Linie 4 entlang der Trasse auch in erheblichem Ausmaß in die freie Landschaft hineingebaut werden soll. Und es gibt zahlreiche Bürger, die sehen vollen, dass man zu solchem Flächenverbrauch verträgliche Alternativen entwickelt. Das ist also nichts anderes als der Ruf nach nachhaltiger Stadtentwicklung. Müssen wir uns nicht zuerst die Frage stellen: Was wollen wir mit der Stadt und in der Stadt? ENDERLE: Ja, das ist die Kernfrage. Vor allem muss uns bewusst werden, dass wir mit dem Leben in der Stadt sehr viele Vorteile gewinnen: Urbanität, kurze Wege, ein kulturelles Angebot, sozial funktionierende Quartiere, eine angemessene Grünversorgung, eine wirtschaftlich ausgelastete Infrastruktur. Die Fragen stellte 
Carsten Heil

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