Weckt Kinderträume: Die Dampflokomotiven der Baureihe 01 waren Schlepptenderlokomotiven der Deutschen Reichsbahn für den schweren Schnellzugdienst. Werner Bolte, der für seine 70-jährige Mitgliedschaft in der EVG geehrte wurde, fuhr auf diesen Dampfrössern erst als Heizer und später als Lokführer. - © Sarah Jonek
Weckt Kinderträume: Die Dampflokomotiven der Baureihe 01 waren Schlepptenderlokomotiven der Deutschen Reichsbahn für den schweren Schnellzugdienst. Werner Bolte, der für seine 70-jährige Mitgliedschaft in der EVG geehrte wurde, fuhr auf diesen Dampfrössern erst als Heizer und später als Lokführer. | © Sarah Jonek

Bielefeld Jubilarehrung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft

Werner Bolte ist seit 70 Jahren Gewerkschaftsmitglied

Jürgen Mahncke

Bielefeld. Weil sie schon 25, 40, 50, 60 oder sogar 70 Jahre Mitglied in der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sind, wurden 66 Jubilare aus Ostwestfalen feierlich im Hotel Büscher geehrt. Detlef Clever, stellvertretender Vorsitzender des Ortsverbands Hamm/Bielefeld, überreichte Urkunden. Rauol Machalet, Bereichsleiter EVG Region West, erinnert an 1896, als in Hamburg illegal die erste Eisenbahnergewerkschaft gegründet wurde. Karin Schrader, Bürgermeisterin, sprach von der großen Eisenbahnerfamilie und lobte den Einsatz der Gewerkschafter für bessere Arbeitsbedingungen und höheres Einkommen. Astrid Bartols vom Deutschen Gewerkschaftsbund schätzte die jahrzehntelange Gewerkschaftstätigkeit der Jubilare wert und das, was mit Mühe erstritten wurde. Aufmerksam hört in der vordersten Reihe ein älterer Herr den Reden zu. Er ist bereits seit 70 Jahren in der Gewerkschaft tätig, Werner Bolte. Und als der Leineweberchor zum zweiten Mal gesungen hatte und alle Reden gehalten waren, beginnt der Pensionär aus seinem langen, langen Arbeitsleben zu erzählen. Und dabei leuchten seine Augen. „Keine Brille, keine Kunstzähne, mindestens 1,65 Meter groß, das waren die Einstellungsvoraussetzungen, um 1946 als 14-jähriger Maschinenschlosserlehrling bei der Reichsbahn anzufangen", erinnert sich der heute 85-Jährige. Vier Jahre später stand er in Ottbergen, heute Ortsteil von Höxter, bereits als Reservelokführer auf der Güterzug-Dampflok, und wenig später war er Chef auf dem stählernen Koloss, wachte über Feuer im Kessel, nötigen Dampf, Signale und Weichen. „Meistens gingen wir abends auf Tour, Richtung damalige DDR. Von hier transportierten wir Braunkohle oder Eisenerz nach Belgien. Vor jeder Ausfahrt sprachen der Heizer und ich ein gemeinsames Gebet. Der Herrgott halte auch in dieser Nacht die Hand über uns. Und nachdem alle Achsen und Treibstangen ordentlich abgeölt waren, ging es in die dunkle Nacht. Das lodernde Feuer im Heizkessel war oft einzige Lichtquelle." Und der Heizer einziger Gesprächspartner. Ein Duzen an Bord kam überhaupt nicht in Frage. Siezen war angesagt, immer. „Und war das Ziel sicher erreicht", erzählt Bolte, „stieg ich von der Lok und streichelte ihren Stahl. Wir hatten eine tolle Beziehung." Natürlich gab es hier und da Probleme. Mal war die Heizkohle zu schlecht und der Zug blieb mitten auf der Strecke liegen, mal gab es zu viel Dampf, die schweren Räder drehten durch und der Güterzug kam nicht von der Stelle. Nach einem Missverständnis mit einem Fahrdienstleiter kippte bei Höxter auch mal die Lok samt Tender um. Glücklicherweise gab es nur Materialschaden. „Killefitt", auf gut Deutsch „Unsinn oder dummes Zeug", bezeichnet Bolte die Einführung von Diesel- und Elektroloks. Er wird schweigsam und geht, weil er hierüber nicht reden möchte, zum Buffet.

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