Aushang: Der Gastronom Jimmy Korkmaz sucht seit einem halben Jahr erfolglos Leute für den Gästebereich im Lokal „3Eck" in der Innenstadt. - © Wolfgang Rudolf
Aushang: Der Gastronom Jimmy Korkmaz sucht seit einem halben Jahr erfolglos Leute für den Gästebereich im Lokal „3Eck" in der Innenstadt. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Immer weniger Bielefelder wollen in der Gastronomie arbeiten

Neben einem zweiten Ruhetag setzen viele Gaststätten auf ungelerntes Aushilfspersonal. Trotz einer Mindestvergütung in der Ausbildung entscheiden sich junge Menschen meist gegen die Gastrobranche

Christian Geisler

Bielefeld. Andreas Büscher ist Inhaber des Hotel-Restaurants Büscher in der Carl-Severing-Straße und Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA Ostwestfalen. Für das aktuelle Ausbildungsjahr hat er lange nach passenden Nachwuchskräften Ausschau halten müssen. „Das ist nicht so einfach. Teilweise melden sich Leute, die absolut nicht für die Gastronomie geeignet sind", sagt Büscher und ergänzt: „Manche sind nicht bereit, sich auf die Branche einzulassen. Man muss für die Gastronomie geboren sein." Nur wenige Bewerber seien für die ausgeschriebenen Ausbildungsplätze qualifiziert gewesen. Aufgrund flexibler Arbeitszeiten, einer schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie der vergleichsweise geringen Vergütung sei die Fluktuation im Bereich der Gastronomie hoch. „Das ist ein harter Berufszweig", so Büscher. Im direkten Kontakt mit Kunden sei stets gute Laune gefragt, schließlich erwarte der Gast von Mitarbeitern eines Gastronomiebetriebs eine positive Ausstrahlung sowie hochwertige Leistungen. „Es ist schon so, dass das Image der Gastronomie aktuell ramponiert ist", sagt Büscher. Deshalb plagen die gesamte Branche Personalnöte. Der Agentur für Arbeit Bielefeld zufolge sind in der Gastronomie und im Gastgewerbe aktuell 165 Stellen unbesetzt – 2012 waren es nur 74. Im Vergleich zum Vorjahr steigerte sich die Zahl der offenen Arbeitsstellen sogar um fast 45 Prozent. „Beschäftigte der Altersgruppe 15 bis 24 Jahre stellen neben der Gruppe 55 plus den geringsten Anteil an Fachkräften in diesem Bereich", sagt Chrissowalandou Apdarmani, Sprecherin der Agentur für Arbeit OWL. Der Sprecher der DEHOGA Ostwestfalen, Thorsten Hellwig, geht sogar von weiteren freien Stellen aus, die nicht offiziell gelistet sind. Um möglichst viel Geld einzusparen, führen immer mehr Gaststätten, wie beispielsweise der Kreuzkrug, weitere Ruhetage in der Woche ein. „Das ist ein einfaches Rechenspiel. Dem Personal sind so die zwei vorgeschriebenen freien Tage in der Woche garantiert", sagt Büscher und ergänzt: „Man kann nur gut arbeiten, wenn man sich zwischendurch auch ausruht." Er selbst habe sich „vor Jahren" dazu entschieden, den Sonntag als Ruhetag einzuführen. Auch das sei untypisch, würde sich nach Abwägung von Gewinn und Verlust aber rechnen. Für einige Gastronomen sei auch der Einsatz von ungelernten Aushilfskräften lukrativ. Sie gelten als geringfügig Beschäftigte und werden meist nach Mindestlohn bezahlt. Der Vorteil sei eine höhere Flexibilität als bei festem Personal. „Man kann sagen, dass Fleiß bestraft wird. Und das ist eine bedenkliche Entwicklung", so Büscher. Der Gastronom Jimmy Korkmaz sucht seit einem halben Jahr Leute für das Lokal „3Eck" – bisher ohne Erfolg. „Da kommen welche, die nur einen Stempel für das Arbeitsamt haben möchten, aber gar nicht arbeiten wollen." Rückwirkend seit dem 1. August gilt für Bielefelder Auszubildende in der Gastronomie die Mindestvergütung von 700 Euro im ersten Ausbildungsjahr bis hin zu 900 Euro im dritten Ausbildungsjahr, so Gaby Böhm, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) für die Region Bielefeld-Herford. Nichtsdestotrotz verliert der Berufszweig für junge Menschen an Attraktivität. Seit 2010 sank die Anzahl an eingetragenen Ausbildungsverträgen innerhalb der Gastronomieberufe von 119 auf 66 im Jahr 2015. Während die Auszubildendenanzahl an Fachleuten für Systemgastronomie im Verlauf der vergangenen fünf Jahre nahezu stabil blieb, sank die Zahl an Fachkräften im Gastgewerbe um mehr als 75 Prozent ab. Darüber hinaus „ist die Abbrecherquote bei den Köchen mit 50 Prozent sehr hoch", sagt NGG-Gewerkschaftssekretär Armin Wiese. Für viele junge Menschen werde die Freizeitorientierung immer wichtiger. Damit der Fachkräftemangel nicht überhand nehme, müssten neue Arbeitszeiten eingeführt werden. „Aktuell sind Überstunden an der Tagesordnung. Ohne Ausgleich und Bezahlung", so Wiese. „Zu einem besseren Image können uns keine Hochglanzbroschüren verhelfen, sondern nur bessere Arbeitsbedingungen."

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