Wird Altenpfleger: Hamza Allal Cherif hat einen Ausbildungsplatz in Bethel gefunden, auch dank der Hilfe von Kerstin Hellmich. - © Hamza
Wird Altenpfleger: Hamza Allal Cherif hat einen Ausbildungsplatz in Bethel gefunden, auch dank der Hilfe von Kerstin Hellmich. | © Hamza

Bielefeld Vom Glück und Unglück zweier Flüchtlinge in Bielefeld

Der eine wartet verzweifelt auf eine Asylentscheidung und fühlt sich von Behörden lahmgelegt, der andere ist als Asylbewerber abgelehnt worden und findet dennoch den Anfang eines neuen Lebensabschnitts

Ansgar Mönter

Hamza Allal Cherif sagt: „Ich bin wie neugeboren" Der Algerier hatte keine Chance – und hat jetzt trotz Ablehnung eine Ausbildung als Altenpfleger begonnen Mein Name ist Hamza Allal Cherif, ich komme aus Algerien und bin 32 Jahre alt. Ich bin seit Oktober 2015 in Bielefeld und fange gerade ein ganz neues Leben an. Man kann sagen, ich bin neu geboren. Meine ersten 32 Lebensjahre waren das erste Leben, jetzt hat ein neues angefangen. Seit Anfang Oktober bin ich in einer Ausbildung in Bethel als Altenpfleger. Und das, obwohl ich keine Chance auf Asyl habe. Mein Asylantrag ist abgelehnt worden. Aber ich habe gekämpft, ich musste kämpfen, um etwas Neues beginnen zu können. In Algerien war ich ausgebildeter Sanitäter beim Algerischen Roten Halbmond und bei der algerischen Feuerwehr. Davor habe ich als Kameramann und als Fotograf gearbeitet. Doch bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich als Sanitäter meine eigene Organisation gegründet, die „Association de Secuorestes Algériens La Vie". In Algerien haben wir zwar keinen Krieg, aber dafür sehr viele Probleme, die unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung existieren. So ist es unmöglich, eine Organisation wie meine zu führen, ohne mit der Politik in Berührung zu kommen. Ich muss sagen, ich habe Angst vor dem Staat Algerien. Deswegen habe ich mich entscheiden zu gehen. In Nürnberg wohnt ein Onkel von mir. Dorthin bin ich zuerst gegangen und habe von ihm sehr viel über das Land gelernt. Ich wollte unbedingt wissen, wie es hier funktioniert. Mein Onkel hat mir erklärt, was typisch Deutsch ist, zum Beispiel, dass man pünktlich zu Terminen geht und den Müll trennt. Allerdings habe ich den Fehler gemacht, mich nicht anzumelden. Dafür zahle ich noch heute eine Strafe. In meiner ganzen Zeit in Deutschland lerne ich die Sprache, wo es nur geht. Nie habe ich einen Deutschkursus besuchen dürfen, aber ich habe mir Bücher besorgt und gelernt, gelernt, gelernt. In Bielefeld habe ich beim Deutschen Roten Kreuz in der Unterkunft Schillerstraße geholfen wo es nur geht. Auch bei Übersetzungen vom Arabischen ins Deutsche. Ich bin ein Mensch, der sofort auf die Leute zugeht, der Kontakte sucht und Informationen sammelt. So habe ich schnell verstanden, was ich machen muss, um etwas zu erreichen in diesem Land. Dann hatte ich viele Deutsche, die mir geholfen haben, bei der AWO, in Bethel und allen voran Kerstin Hellmich vom DRK, die die Unterkunft Schillerstraße lange geleitet hat. Über sie bin ich zu meinem Ausbildungsplatz gekommen. Sie hat auch für mich gebürgt und dort gesagt, dass sie mich einstellen können. Jetzt stehen drei Jahre Ausbildung vor mir. Ich kann mindestens so lange in Deutschland bleiben, obwohl mein Asylantrag abgelehnt wurde. Ich werde weiter fleißig Deutsch lernen und mich integrieren. Ich habe festgestellt, dass die Sprache der Schlüssel zu allem ist. Ich habe nie Angst gehabt einfach so Deutsch zu sprechen. So habe ich viel gelernt. Damit bekomme ich Kontakt zu den Menschen, die hier sehr hilfsbereit, respektvoll und freundlich sind. In Deutschland habe ich überhaupt keine Erfahrungen mit Rassismus oder Ablehnung gemacht, im Gegenteil. Ich wusste, ich muss kämpfen. Ich habe gekämpft. Jetzt bin ich stolz und glücklich, es geschafft zu haben. Ehab Badwi: „Mein Leben steht still" Der Syrer möchte seine internationale Friedensarbeit weiterführen und sich weiterbilden – er darf nur nicht Mein Name ist Ehab Badwi, ich komme aus Homs in Syrien und bin 24 Jahre alt. Seit dem 22. Oktober 2015 bin ich in Bielefeld. Meine Flucht aus Syrien war ein erster Schritt in ein neues Leben. Jetzt aber habe ich, wie viele andere Flüchtlinge, ein Problem: Ich kann den zweiten Schritt nicht machen. Die Bürokratie stoppt alle Versuche. Das frustriert mich sehr. Ich habe eine sechsmonatige Aufenthaltserlaubnis, aber mein Asylantrag ist immer noch nicht bearbeitet worden. Warum? Ich weiß es nicht. Niemand gibt mir eine Auskunft. Niemand will dafür Verantwortung übernehmen. Ich habe beim Bundesamt, bei der Zentralen Ausländerbehörde, auch beim Sozialamt nachgefragt. Niemand weiß etwas. Sogar den Oberbürgermeister habe ich versucht zu fragen. Das habe ich gemacht, weil ich zu einem Friedenstreffen nach Holland wollte. Ich habe für die UNO in Genf, Straßburg und Istanbul gearbeitet und war Sprecher für die Weltjugend und engagiert in Friedensfragen. Für die Reise nach Den Haag brauche ich die Erlaubnis. Die wollte mir niemand geben. Zum Oberbürgermeister wurde ich nicht gelassen, stattdessen sagte man mir, dass eine Friedenskonferenz keinen Sinn ergebe, solange in Syrien Krieg herrsche. Das hat mich sehr getroffen. Was für mich gilt, gilt für viele andere Flüchtlinge mit guter Ausbildung: Wir sind zum Nichtstun verdammt. Ich bin Ingenieur der Elektromechanik. Ich will mich unbedingt weiter qualifizieren und etwas aufbauen. Könnte ich wenigstens schon die deutsche Sprache lernen, während ich warte, wäre es schon gut. Aber ohne Anerkennung kein Sprachkurs, keine Qualifikationskurse, nichts. Dabei kann man eine Sprache in einem Jahr beherrschen. Ich versuche trotz alldem Deutsch zu lernen, auf der Straße, über das Internet und jetzt auch über einen Kursus in einer Sprachschule, den ich selbst bezahle. Das mache ich, damit ich nicht noch mehr Zeit meines Lebens verliere. Ausbildung und Qualifikation ist für mich das Wichtigste. Sie entscheiden über meine Zukunft. Und was soll ich sonst machen? Nur zu Hause rumsitzen? Mein Leben steht still. Seit einem Jahr. Das schmerzt, das frustriert mich. Ich bin 2015 gekommen. Ich kenne viele, die 2016 kamen und deren Asylantrag bearbeitet wurde. Meiner nicht. Immer wenn ich frage, heißt es, es gibt zu viele. Liegt meine Akte immer nur unten? Ich will unbedingt den nächsten Schritt machen. Aus zwei Gründen: Zum einen könnte ich hier etwas für die Gesellschaft tun, zum anderen könnten wir unseren Familien, die noch in Syrien sind, helfen und ihnen unter anderem Geld schicken, weil das Leben dort sehr, sehr teuer geworden ist. Meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder leben noch in der zerstörten Stadt Homs. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, Hilfsprojekte für Flüchtlinge aufzubauen. Ich habe sehr viele Erfahrungen damit gesammelt, auch über meine Arbeit bei der UNO. Wir, die Flüchtlinge mit Bildung, verstehen die Menschen, wir könnten ihnen Kultur, Leben und Regeln hier erklären. Das wäre sehr nützlich. Aber ohne die nötigen Papiere geht eben nichts. Bitte nutzt doch unser Potenzial! Ich habe das Gefühl, ich verliere meine Chancen. Diese Bürokratie hält mein Leben an.

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