Kultur Literaturtage: Shida Bazyar stellte ihren Debütroman vor

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein Familienroman der etwas anderen Art

Antje Doßmann

Bielefeld. Literatur zu unterstützen, die sich zwischen den Welten bewegt, zählt zu den besonderen Anliegen des Vereins der Freunde und Förderer der Stadtbibliothek. Ein Ansinnen, das auch der Erziehungswissenschaftler und emeritierte Professor der Universität Bielefeld Ludwig Huber bei seiner ebenso wertschätzenden wie kenntnisreichen Vorstellung des Literaturtagegastes Shida Bazyar betonte. Die Lesung mit der 1988 als Kind iranischer Eltern im rheinland-pfälzischen Hermerskeil geborenen Autorin zu moderieren, war am Ende eine verhältnismäßig leichte Aufgabe für ihn. Erwies sich die virtuose Erzählerin, die ihren Roman „Nachts ist es leise in Teheran" vorstellte, doch auch außerhalb ihrer Schreibstube als hochreflektiertes Gegenüber. Für einige ihrer souverän formulierten Ansichten, etwa über die Notwendigkeit einer offenen Gesellschaft, aber auch des politischen Engagements, gab es „Szenenapplaus" aus dem Publikum. Vorangegangen war dem Literaturgespräch mit wie immer zuverlässig reger Publikumsbeteiligung eine Art Zeitreise. Denn in ihrer ausschnittsweisen Lesung aus dem Roman streifte Shida Bazyar knapp vierzig Jahre iranischer Revolutions- und deutscher Revoltengeschichte. Ihr mehrfach preisgekröntes Debüt ließ nicht nur eine ganze Familie zu Wort kommen – Vater, Mutter, Tochter und Sohn –, sondern orientierte sich in seinen vier Kapiteln zudem an unterschiedlichen Jahreszahlen. So „gehörte" dem Vater das Jahr 1979, in dem die Familie vollkommen enttäuscht von der islamischen Revolution und zudem Verfolgungen durch das Mullah-Regime ausgesetzt, nach Deutschland floh. Zehn Jahre später lässt die Autorin dann die Mutter von ihrer Wahrnehmung der bundesdeutschen Realität und ihrer inneren Zerrissenheit berichten. Weitere zehn Jahre darauf die Tochter. Und 2009 schließlich den Sohn. Ein aufwendiges Erzählverfahren, wie die Autorin bekräftigte, aber auch eines, das den literarischen Gehalt dieses Romans ausmacht. Ihre Ausgangsidee wäre der Wunsch gewesen, sich literarisch mit der iranischen Revolution von 1979 auseinanderzusetzen. Mit der verzweifelten Enttäuschung, die auf die große Begeisterung folgte, mit Revolution und Restauration, und mit dem, was das Scheitern mit den Idealen von Menschen macht, mit ihrem Vertrauen in die Veränderbarkeit von Systemen. Themen, die sich auf andere Art und Weise – ziviler und vor allem weitaus harmloser in der individuellen Konsequenz – auch in der Bundesrepublik wiederfanden. Um dieses Spannungsfeld so gut wie möglich auszuleuchten, so die Autorin, hätte sie im Vorfeld jede Menge recherchiert, vor allem viele Menschen befragt. Auch die eigenen Eltern. Herausgekommen ist schließlich ein Familienroman der etwas anderen Art. In dem es sozusagen um Vaterzeiten geht und um Mutterzeiten. Jetzt sind die Kinder dran. „Habt keine Angst. Wir sind alle gemeinsam hier", hieß es 2009 in den Straßengesängen der jüngsten Protestbewegung im Iran, der sogenannten „Grünen Revolution". Es war gut, daran erinnert zu werden.

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