Im Gespräch: Ulrich Pohl, Johanna Will-Armstrong und NW-Redakteurin Andrea Rolfes. - © Wolfgang Rudolf
Im Gespräch: Ulrich Pohl, Johanna Will-Armstrong und NW-Redakteurin Andrea Rolfes. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Sekundarschule: Bethel sieht Verantwortung für Schulerhalt auch bei der Stadt

Vorstände Ulrich Pohl und Johanna Will-Armstrong äußern sich zu ihrer 
Entscheidung, die Sekundarschule zu schließen

Andrea Rolfes

Herr Pohl, Frau Will-Armstrong, Bethel gilt als renommierter Schulträger. Mit dem Entschluss die Sekundarschule zu schließen, sind Sie gerade dabei, diesen guten Ruf zu verspielen. Sie riskieren einen Vertrauensbruch. Warum? Ulrich Pohl: Bei dem Ruf, den wir genießen, müssen Sie zweierlei sehen. Wir sehen Bielefeld, wir haben aber auch Schulen in Hannover und Berlin. Wir sind in acht Bundesländern vertreten, leisten Behindertenhilfe hier in NRW und woanders. Wir müssen das Gesamtunternehmen betrachten. Uns ist völlig klar, dass wir in Bielefeld ein Stück von unserem Ruf riskieren. Aber Tatsache ist auch, dass wir Spender haben, die uns unterstützen, weil wir vor allem Behindertenhilfe leisten. Ihnen sind über 7.000 Unterschriften zur Erhaltung der Schule überreicht worden. Hat Sie das nicht beeindruckt? Pohl: Doch, das ist sehr beeindruckend. Unterschrieben haben ja nicht nur Eltern und Verwandte, sondern Menschen aus ganz Deutschland. Das war eine sehr engagierte Leistung. Wir nehmen das auch zur Kenntnis – aber auch als positives Signal gegenüber der Stadt. Denn wenn 7.000 Eltern unterschreiben, ist das ein Zeichen, dass die Sekundarschule offenbar sehr gewünscht ist. Deswegen kam die Entscheidung für viele ja auch so unerwartet. Und dann noch unmittelbar vor der 150-Jahrfeier im nächsten Jahr. Pohl: Der Zeitpunkt ist bestimmt durch die neuen Berechnungen. Wir haben ein Gutachten der Firma Assmann bekommen, das deutlich andere Zahlen aufweist als vorherige Berechnungen. Da brauchte es eine Reaktion, die nicht lange warten konnte. Warum spielte das Gutachten und der Investitionsstau von 20 Millionen Euro bei den Schulgebäuden in der Bilanzvorstellung Ende August keine Rolle? Damals wurde die positive Nachricht verkauft, im Vergleich zum Vorjahr höheren Umsatz und Gewinn gemacht zu haben. Pohl: Das Gutachten lag uns vor, wir waren aber noch in der Auswertung. Der Vorstand und der Verwaltungsrat hatten noch nicht geurteilt. Der Verwaltungsrat tagte erst am darauffolgenden Freitag. Wir konnten nicht vor dem Verwaltungsrat irgendjemanden irgendetwas gegenüber öffentlich machen. Das wäre nicht denkbar gewesen. Haben Sie deshalb erst so spät mit der Stadt gesprochen? Will-Armstrong: Wir haben im Vorfeld der Entscheidung in der Sitzung des Kuratoriums Schulen die Stadt und politische Vertreter, die zu diesem Kuratorium gehören, sowie die Landeskirche informiert. Wir haben mitgeteilt, dass die Auflösung der Schule die Entscheidungsoption ist, mit der wir uns im Verwaltungsrat als Bethelvorstand positionieren werden. Wann war das und wie läuft die Kommunikation zwischen Stadt und Bethel? Will-Armstrong: Das war vier Tage vor der Öffentlichmachung. Die Frage nach der Kommunikation zwischen dem Schulamt und den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel mit Blick auf das Thema Sekundarschule ist in zweierlei Richtungen zu stellen. Den Beschluss, dass der Rat die Sekundarschule am Brodhagen als erste städtische Sekundarschule in Bielefeld errichten will haben wir erst in der letzten Woche bekommen. Da scheinen an manchen Stellen die Dinge kommunikationsschwach zu sein. Sollten nicht beide an einer besseren Kommunikation interessiert sein? Will-Armstrong: Ja. Die müssen wir in Zukunft von beiden Seiten deutlich verändern und intensivieren. Haben Sie Hoffnung, dass die Stadt Sie finanziell unterstützen wird? Pohl: Wir sind in Gesprächen. Diese werden auf allen Ebenen geführt. Bei der Stadt überlegt man sich nun, was man machen will. Auch mit Blick auf die Sekundarschule am Brodhagen, die die Stadt 2018 gründen möchte. Wir merken natürlich, dass es da unterschiedliche Auffassungen gibt. Sowohl in der Paprika-Koalition, beim Bürgermeister, als auch bei den städtischen Bediensteten. Wir sind da im Grunde das letzte Glied in der Kette. Was müsste denn passieren, damit sich Bethel umentscheidet? Pohl: In der jetzigen Situation können wir uns das nicht vorstellen. Es müsste sich schulisch etwas verändern in Bielefeld, das heißt, die Stadt müsste bei uns in Bethel die Sekundarschule fördern. Das private Engagement der Eltern – so leid uns das tut – wird finanziell nie ausreichen. Eltern haben ein Zweitgutachten zu den Bau- und Sanierungskosten in Auftrag gegeben. Beeindruckt Sie das? Pohl: Wir werden auf Veränderungen reagieren. Wir unterhalten uns mit Unternehmern, die Renovierungen machen, ob sich preislich noch etwas machen lässt. Wir führen auch andere Gespräche. Nur wir führen diese Gespräche, nachdem wir beschlossen haben, die Sekundarschule auslaufen zu lassen. Wenn sich die Voraussetzungen nicht ändern, werden wir sie auch schließen müssen. Die Mitglieder der Bezirksvertretung Gadderbaum baten den Vorstand, den Beschluss zur Schließung um ein Jahr zu vertagen, um Alternativen zu finden. Kommt das für Sie in Betracht? Will-Armstrong: Ich war in der Sitzung dabei. Klar ist, es kann nicht um ein Schieben von Entscheidungen gehen, wenn die Rahmenbedingungen nicht geklärt sind. Eltern überlegen, wie diese Bedingungen geändert werden könnten. Sie diskutieren ein freiwilliges Schulgeld und suchen nach Alternativen beim Sanierungskonzept. Will-Armstrong: Ich achte das hoch, dass unsere Elternpflegschaft sich sehr einsetzt. Aber ich sehe im Moment nicht, dass wir durch diese großen Anstrengungen zu einer deutlichen Umkehr der Finanzstruktur im Hinblick auf die notwendigen Sanierungen und Neubauten kommen werden. Die Sekundarschule wurde erst vor drei Jahren gegründet. Warum haben Sie nicht schon damals die Gebäude einer Bestandsanalyse unterzogen? Pohl: Wir haben schon früher geprüft, nur wir haben die Firma Assmann erst mal nicht beteiligt. Erst auf Anregung der Stadt. Die Firma hat uns deutlich gemacht, dass die Kosten, die wir kalkuliert haben, jenseits dessen liegen, was realistisch ist. Das hat uns natürlich erschreckt. Hatten Sie schon im Vorfeld die Befürchtung, dass die Kosten so viel höher sein würden? Will-Armstrong: Ja. Man arbeitet in Bauprojekten zusammen mit externen Beratern und Firmen. In der Tat haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich der Kostenrahmen, mit dem wir 2013 gestartet sind, für die Renovierung und den Umbau an den Bodelschwinghschen Schulen insgesamt immer mehr ausgeweitet hat. Da gab es einen Punkt, an dem wir einen Blick aufs Ganze richten wollten. In der Bilanz sind fast 50 Millionen Euro Spenden angegeben, die Bethel 2015 bekommen hat. Warum kann dieses Geld nicht für die Sekundarschule mitverwendet werden? Pohl: Wir bekommen Spenden, aber keine für ganz normale Schüler, sondern für behinderte Kinder. Wir müssen überlegen, wofür wir das Geld ausgeben. Für die Sekundarschule oder für Behindertenwerkstätten und andere Dinge. Wir können natürlich Spenden für die Sekundarschule nehmen, weil sie von behinderten Kindern mitgenutzt wird. Wir kommen aber nicht in einen Bereich, in dem wir annähernd ein Drittel der Summe aus Spenden finanzieren könnten. Viele Eltern finden, dass das Verhalten des Vorstandes im Widerspruch mit dem moralischen Anspruch Bethels steht. Weil das Finanzproblem mehr wiegt als die Idee des gemeinsamen Lernens – ein von Bethel formuliertes Ideal. Will-Armstrong: Der gemeinsame Unterricht ist entstanden am Gymnasium und nicht an der Realschule. Das Gymnasium hat die inklusiven Konzepte für Bethel entwickelt und getragen. Es ist für uns sehr gut vorstellbar, die Frage von Inklusion und gemeinsamen Unterricht am Gymnasium wieder weiterzuentwickeln. Sie werden also künftig nichtbehinderten Kindern, die keine Gymnasialempfehlung haben, kein Schulangebot mehr machen können. Pohl: Das ist der schmerzliche Teil des Ganzen, das lässt sich auch gar nicht bestreiten. Diese Schüler werden sich künftig außerhalb von Bethel andere Schulen suchen müssen.

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