Katja Hornfeck - © Andreas Frücht
Katja Hornfeck | © Andreas Frücht

Bielefeld Missbrauch: Assistenzhund für Traumatisierte hilft Panikattacken zu verhindern

Spendenlauf: Katja Hornfeck läuft derzeit mit Sheltie Fianna 25 Marathonstrecken, um Betroffenen Mut zu machen

Jens Reichenbach

Bielefeld. Katja Hornfeck (41) hat in ihrer Kindheit unvorstellbare Qualen erlitten. Sie wurde sexuell missbraucht, gedemütigt und erniedrigt. Erst als Studentin konnte sie sich aus dem Teufelskreis der Scham und Angst befreien. Nach vielen Therapiejahren sagt sie, dass sie sich einen Großteil ihres Schmerzes von der Seele laufen konnte. Um anderen Betroffen Mut zu machen, bewältigt sie derzeit täglich einen knappen Marathon, um in 25 Tagen von Frankfurt/M. nach Hamburg zu laufen. "Ich will damit zeigen, dass es sich lohnt, für das Leben zu kämpfen", sagt die 41-Jährige. "Auch wenn sich das Betroffene oft nicht vorstellen können." Ihr ehrgeiziges Projekt "Laufstark fürs Leben" gegen sexualisierte Gewalt und zugunsten der Renate-Rennebach-Stiftung startete die Pfarrerin am 23. August in Frankfurt. Am 16. Tag ihres langen Spendenlaufs erreichte sie mit etwa 30 solidarischen Läuferinnen und Läufern den Jahnplatz. Nach der Ruhe im Teutoburger Wald ging es plötzlich mitten durch den wuseligen Weinmarkt. Menschenmengen bedeuten für Traumatisierte großen Stress Eine große Herausforderung für Katja Hornfeck, die ihr Leben lang an den Folgen des Missbrauchs leidet. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) äußern sich bei ihr auch heute noch in Panikattacken oder auftretenden Sehstörungen. Menschenmengen und körperliche Nähe durch Fremde bedeuten für die 41-Jährige großen Stress. Vor fünf Jahren hat sie sich deshalb intensiv der Ausbildung ihrer Sheltie-Hündin Fianna gewidmet. Heute ist Fianna ein PTBS-Assistenzhund, der Hornfeck dabei hilft, nicht in die bedrohliche Gefühlswelt ihrer Kindheit zurückzufallen. Wenn die 41-Jährige ein winziges Zeichen gibt, sucht Fianna ihre Nähe oder schirmt sie nach hinten ab. Ist durch Panikattacken ihr Sehvermögen beeinträchtigt, lotst die Hündin ihr Frauchen sicher aus dem Getümmel eines Kaufhauses. Sie bellt, wenn an der nächsten Ecke Menschen erscheinen und blockiert mit ihrem Körper Bordsteine, damit die 41-Jährige bei Panikattacken nicht vor Autos läuft. "Fianna ist mein Anker" Für Bürgermeisterin Karin Schrader und viele Helferinnen des Feministischen Netzwerks war es eine Ehre, die 41-Jährige am Jahnplatz unter großem Applaus in Empfang zu nehmen. Währenddessen wich die fünfjährige Fianna keinen Zentimeter von Hornfecks Seite. Auch bei ihren täglichen Marathonläufen wird Hornfeck von dem Sheltie und der mallorquinischen Straßenhündin Paula begleitet. Alle zehn Kilometer wechseln sich die Tiere ab. "Für die Hunde ist das wie Urlaub. Sie wollen laufen. Ihnen geht es gut und mir auch", betont Hornfeck, die zugibt, dass "die Laufstrecke irre klingt". "Aber was viele Betroffene in ihrem Leben leisten, verlangt ihnen viel mehr ab, als so ein Marathon." Das gelte auch für die Pfarrerin: Aktuell benötige sie trotz 16 Etappen in den Beinen weniger Schlaf als im Alltag, der immer wieder zu Dauerpanikzuständen führe: "Überall sind Trigger. Ich bin eine Grenzgängerin zwischen den Welten. Fianna ist einer meiner Anker, der mir zeigt, dass das aufkommende Panikgefühl gar nicht hierhergehört. Sie hält mich in der Realität."

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