Ein Bild, das immer seltener wird: Zwei Menschen geben sich die Hand. Aus Angst vor der Übertragung von Keimen verzichten Ärzte aber immer öfter auf diese Art der Begrüßung. - © DPA
Ein Bild, das immer seltener wird: Zwei Menschen geben sich die Hand. Aus Angst vor der Übertragung von Keimen verzichten Ärzte aber immer öfter auf diese Art der Begrüßung. | © DPA

Bielefeld Viele Mediziner verzichten aufs Händeschütteln

In Praxen und Kliniken wird der Patient oft nur mit einem Lächeln begrüßt. Wirkung nicht belegt

Ariane Mönikes

Bielefeld. Neulich beim Facharzt: Ich sitze im Sprechzimmer und warte auf den Arzt. Er kommt rein, ich stehe auf, will ihm die Hand reichen. Aber der Arzt wehrt ab und erklärt, aus Angst vor Keimen schüttele er keine Hände mehr. Ich kann's verstehen, bin aber trotzdem irritiert und diskutiere das Thema mit Kollegen in der Redaktionskonferenz. Sie berichten von ähnlichen Situationen beim Arzt - ein Anlass für uns, mal genauer nachzufragen, wie Bielefeld es mit dem Händedruck hält. Ulrich Weller ist Sprecher der Bielefelder Hausärzte. Er gibt gerne die Hand, sagt er. "In der Infektionszeit aber reduziere ich das fast auf null." Die Patienten würden das akzeptieren, auch weil sie sich selbst schützen wollen, vermutet er. Wo aber der Händedruck erwartet wird, gibt er ihn auch. Vor allem Patienten, die schon lange zu ihm kämen, würden es nicht anders kennen. Es gibt Kliniken, in denen strikt auf den Händedruck verzichtet wird, weiß Johannes Kleideiter, Krankenhaushygieniker am Klinikum. So gibt es in Bochum das erste Krankenhaus in Deutschland, das den Händedruck per Dienstanweisung verboten hat. Im Klinikum sei es den Ärzten freigestellt, ob sie den Patienten die Hand geben, sagt Kleideiter. Immer dann, wenn der Arzt sie auch untersuche, könne er ihnen auch die Hand geben, sagt Kleideiter. Denn höre er die Lunge ab oder taste den Bauch ab, käme er automatisch mit Hautkeimen in Berührung. In unserer Kultur ist es ein Zeichen des Respekts, sich die Hand zu geben. Der Händedruck hat aber noch andere Funktionen: Bei Tumor-Patienten, die Zuwendung brauchen, sei er ein erster Schritt, um Vertrauen aufzubauen, weiß Kleideiter. Trotzdem: Die Ansteckungsgefahr durch Händeschütteln ist groß. Wichtig sei deshalb, dass die Hände regelmäßig desinfiziert werden. Hunderte Spender sind im Klinikum verteilt. "Man kommt nicht drumrum", sagt Kleideiter. Viele Ärzte hätten auch so genannte Kitteltaschenflaschen mit einer desinfizierenden Flüssigkeit bei sich, die sie immer griffbereit haben. Wer als Arzt aufs Händeschütteln verzichtet, sollte einen Aushang für seine Patienten machen, rät der Hygieniker. In einigen Ämtern der Stadtverwaltung gibt's viel Publikum - und dementsprechend viele Keime, die reingeschleppt werden. Eine einheitliche Regelung, ob Hände geschüttelt werden oder nicht, gibt?s nicht, sagt Sprecherin Gisela Bockermann. Bei individuellen Terminen, im Sozial- oder Jugendamt, sei es Usus, die Hand zu schütteln. In der Bürgerberatung oder Kfz-Zulassungsstelle eher nicht. Ruth Delius ist Leiterin des städtischen Gesundheitsamtes. Sie sagt: "Es gehört in Deutschland zum guten Ton, sich bei der Begrüßung die Hand zu geben." Allerdings hätte man schon einen gewissen Schutz, wenn man in der Erkältungssaison auf den Händedruck verzichtet. "Es muss letztendlich jeder selbst wissen, wie er es handhabt", sagt sie. Viel Kundenkontakt haben auch die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit. Denen ist es freigestellt, ob sie den Kunden zur Begrüßung die Hand geben. "Die meisten machen es aber", sagt Sprecher Matthias Matysiak. Laut Christian A. Jantos, Chefarzt des Institutes für Laboratoriumsmedizin, Krankenhaushygiene und Mikrobiologie am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB), gibt es keinerlei wissenschaftliche Studien über die Wirkung eines Händeschüttelverbots. Wenn die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Indikationsgruppen zur Händedesinfektion eingehalten werden, sei das Verbot nicht begründbar, sagt er. Dazu gehören die Händedesinfektion vor dem Patientenkontakt, nach aseptischen Tätigkeiten, nach Kontakt mit potenziell infektiösen Materialien, nach dem Patientenkontakt und nach dem Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung. Ein Verbot könne sich sogar kontraproduktiv auswirken, wenn sich nämlich Patient und Arzt in falscher Sicherheit wiegen und die Händedesinfektion vernachlässigen. Georg Rüter, Geschäftsführer des Franziskus-Hospitals, weiß von keinem Arzt im Klösterchen, der zur Begrüßung aufs Händeschütteln verzichtet. "Das Bewusstsein für Hygiene aber ist da", sagt er. "Hier werden mehr Keime rein- als rausgeschleppt."

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