Ständig voll: Die Stapenhorststraße ist der Hauptverkehrsweg nach Dornberg und zur Uni. Enderle bezweifelt, dass sie weiteren Verkehr aufnehmen kann. - © Sarah Jonek
Ständig voll: Die Stapenhorststraße ist der Hauptverkehrsweg nach Dornberg und zur Uni. Enderle bezweifelt, dass sie weiteren Verkehr aufnehmen kann. | © Sarah Jonek

Bielefeld Ex-Baudezernent zweifelt an Boom-Prognose für Bielefeld

Martin Enderle: Früherer Umwelt- und zeitweilig auch Baudezernent der Stadt hält 500 Hektar als Neubaugebiete nicht nur für unrealistisch, sondern auch für nicht wünschenswert

Arno Ley

Bielefeld. Mehr als zwei Jahrzehnte war ein Professor an der Bielefelder Universität tätig, der die Diskussion über die Entwicklung der Region stark geprägt hat. Herwig Birg (76) warnte vor den Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung. Gedanken um den Abriss ganzer Stadtviertel machten die Runde. Nun plötzlich soll alles anders sein. Aus dem Landesbauministerium kommen Zahlen, die Bielefeld Wachstum vorhersagen (NW vom 27. Februar). Aus Pessimismus wird Euphorie. "Beides gibt nicht die Wirklichkeit wieder", meint Martin Enderle (60), früherer Umwelt- und zeitweilig auch Baudezernent der Stadt. "Man muss schauen, woher die Zahlen kommen. Dann kann man die Absichten besser verstehen", sagt Enderle. Die Studie mit den Wachstumsprognosen aus dem Bauministerium wurde in Zusammenarbeit mit der NRW-Bank verfasst. Deren Schwerpunkt ist es, die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Bundesland zu fördern. "Dazu gehört auch die Baufinanzierung", sagt Enderle. Hat das die neuen Vorhersagen beeinflusst? Enderle kehrt die Prognose nicht in ihr Gegenteil. "Bielefeld ist eine attraktive Stadt", sagt er. "Aber selbst wenn wir 500 Hektar Siedlungsfläche benötigen würden: Woher soll die Baugrundstücke denn kommen?" In CDU, SPD und bei den Grünen gibt es Lobbyisten, die sich für den Ausbau der Langen Lage einsetzen: Weiteres Bauland für Hochschulen und Wohnungen zwischen Wellensiek und Babenhausen. "Es wäre ja zu schön, wenn die Menschen dann später alle mit der Stadtbahn fahren würden", sagt Enderle. "Aber wir wissen doch, dass in absehbarer Zukunft der Verkehr weiterhin vor allem aus Autos bestehen wird." Davon gebe es jetzt schon zu viele im Bielefelder Westen. Die Hauptzufahrt für die Universität ist die Stapenhorststraße. Auch Jöllenbecker und Schloßhofstraße sind keine leistungsfähigeren Ausweichrouten. "Wer Siedlungsflächen pro-pagiert, muss auch für Erschließungsstraßen sorgen", erklärt Enderle. "Eine Stadtgesellschaft muss sich über die Folgen weiterer Baugebiete im klaren sein." Zu den 500 Hektar Bauland, die angeblich erforderlich sind, komme als nächstes ein Wunsch nach Gewerbeflächen. "Das sind bestimmt weitere 250 Hektar", vermutet der frühere Dezernent, der keiner Partei angehörte, als er nach Bielefeld kam. Zusammen entspräche der prognostizierte Baulandbedarf fast der Fläche des Stadtbezirks Gadderbaum von der Bodelschwinghstraße bis zum Tierpark Olderdissen. "Wer in solchen Dimensionen denkt, denkt über eine vollständige Veränderung der Bielefelder Infrastruktur nach", sagt Enderle. "Eine Stadt ist nicht nur gesund, wenn sie wächst, sondern auch weil sie ihren Bewohnern Natur- und Landschaft für die Erholung bietet", betont er. "Ich rede nicht gegen jedes Neubaugebiet. Ich bin ausgebildeter Landschafts- und Städteplaner", erklärt Enderle. Ihn erschrecke die Größenordnung, "die sich in Bielefeld nicht verwirklichen lässt." Das macht er deutlich mit einem Hinweis auf das "Zielkonzept Naturschutz", das Ende 2013 in den politischen Gremien beraten wurde. Auf der Karte sind bebaute Flächen zu erkennen und Naturschutzgebiete. Den geringsten Teil machen Bereiche aus, die als Wiesen, Äcker oder Wälder genutzt, aber nicht als besonders schützenswert gelten (rot auf der Karte dargestellt). Ein Teil ist inzwischen zu Bauland gemacht worden. Viele Gebiete aber liegen weit weg von den Hauptstraßen. Verlockend der Blick auf "Brake West", die Äcker um die Siedlung Grafenheide. Dort hin soll zukünftig der Autobahnzubringer Altenhagen führen. Vor Jahren gab es schon mal die Idee, die Straße bis Dornberg zu verlängern. Kommen diese Pläne nun wieder aus der Schublade?

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