Bielefeld Frauenpreis: Rena Tangens hat Bielefelds Ruf als Datenschutz-Hauptstadt begründet

Kämpferin gegen Datenkrake

Heidi Hagen-Pekdemir

Bielefeld. Dass es Bielefeld wirklich gibt, dürfte sich selbst bis Altkötzschenbroda rumgesprochen haben. Die Bedeutung als Hauptstadt des Datenschutzes ist dagegen längst nicht allen Bielefeldern bekannt. Diesen Ruf begründet hat Rena Tangens, die Datenschutzaktivistin aus der Marktstraße. Jahre bevor das Internet seien rasanten Aufstieg erlebte, haben die Künstlerin und ihr Mitstreiter Padeluun mit dem Chaos Computer Club 1985 die Washington Post gehackt und dabei die Nachrichten des nächsten Tages gelesen. "Wir erkannten eine tolle neue Welt, die sich entwickelte, die wollten wir nicht nur nutzen, sondern auch gestalten", erzählt Tangens. Wenig später gründete sie mit Padeluun und einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter den Verein FoeBuD, heute bekannt als Digitalcourage. Gelbe Ordner füllen die Regale im Büro der Datenschützerin, nach Themen sortiert wie Google und Facebook. In der oberen Reihe stehen Sammelbüchsen. Bei Demonstrationen kommen die meist zum Einsatz. Der Verein mit heute mehr als 1.000 Mitgliedern finanziert sich aus Beiträgen und Spenden. Digitalcourage engagiert sich bundesweit. Stolz ist Tangens etwa auf das Verhindern des Radio-Frequency-Identity(RFID)-Chips in der Payback-Karte. Damit wäre ein Kunde schon beim Betreten des Supermarkts zu identifizieren gewesen. Tangens: "Das Teil war total verwanzt." Nachdem sie 2004 mit Datenschützern aus den USA gegen das Pilotprojekt beim Metro-Konzern in Rheinberg interveniert hatte, zog das Unternehmen den Chip zurück. Ein Kampf wie David gegen Goliath. 60 Mitglieder hatte Digitalcourage damals. Die Metro dagegen ist mit ihren Unternehmen wie Real und Saturn  weltweit die drittgrößte Handelsgruppe. Mittlerweile hat sich die Bielefelder Initiative zu einem kleinen Unternehmen entwickelt, neun Mitarbeiter sind fest angestellt, Nachwuchs wird ausgebildet. Und aus allen Teilen Deutschlands kommen Studenten für ein Praktikum zu Digitalcourage. Einen triumphalen Erfolg konnten die Datenschützer 2010 feiern. Mit ihrer Beschwerde erreichten sie, dass das Bundesverfassungsgericht das Gesetz, das die Speicherung von Megadaten erlaubt, für verfassungswidrig erklärte. Vorausgegangen war ein bundesweiter Aufruf von Digitalcourage, dem 22.000 Bürger folgten. Die Unterschriften füllten einige Waschkörbe in der Bielefelder Geschäftsstelle. Die gesammelten Protestnoten brachte ein Kleinlaster nach Karlsruhe. Aktuell haben Tangens und ihr Team Apps und Smartphones  im Visier.  "Je mehr digitalisiert wird, desto mehr Daten werden gesammelt", sagt die Vereinsvorsitzende und warnt: "Wir müssen aufpassen, dass die Datenmacht nicht in die Hände der Konzerne gerät." Fitness-Apps etwa könnten die Gewohnheiten ihrer Nutzer speichern, Smartphones Erkrankung wie Parkinson ausmachen. Alles Informationen, die Krankenversicherer interessieren könnten. Die Position Bielefelds als Zentrum der Datenschützer festigt auch der Big-Brother-Award. Seit 2000 verleiht Digitalcourage diese Auszeichnung an Organisationen und Personen, die die Privatsphäre von Menschen beeinträchtigen oder persönliche Daten Dritten zugänglich machen. Der nächste "Oscar  für Datenkraken" wird am 22. April in der Hechelei verliehen. 2014 ging der Preis an Bundeskanzlerin Angela Merkel stellvertretend für das  Bundeskanzleramt wegen "geheimdienstlicher Verstrickungen in den NSA-Überwachungsskandal". Anders als beim Oscar kommt kaum jemand der Ausgezeichneten zur Preisverleihung. Sicherheit, mit diesem Begriff argumentiere der Staat gern für die Überwachung, erläutert Tangens. Doch absolute Sicherheit gebe es nicht. Ohne ein gewisses Maß an Risiko sei eine freie Gesellschaft nicht denkbar.

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