Bielefeld Keine Großstadt in NRW wächst so schnell wie Bielefeld

Boomtown: Bielefeld braucht 500 Hektar Bauland für neue Wohnungen Zuwanderung aus Deutschland und dem EU-Binnenmarkt weit größer als der Flüchtlingszuzug

Arno Ley

Bielefeld. Gemessen an ihrer Bevölkerungszahl ist Bielefeld gegenwärtig die am schnellsten wachsende Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Das zeigen die Zahlen im Einwohnermeldeamt. "Boomtown Bielefeld" hat die Vorhersage der Landesstatistik fünf Jahre früher erfüllt. Vor einigen Monaten wurden 334.100 Einwohner für 2020 erwartet. Die Zahl ist längst erreicht. Und dass nicht nur wegen des Flüchtlingszustroms. Die deprimierenden Vorhersagen einer an Überalterung siechenden Stadt, die vor einigen Jahren die Schaffung eines offiziellen Amtes für Demografie begleitet haben, waren schlicht falsch. Eine solche Entwicklung droht gegenwärtig vor allem Dörfer in größerem Abstand von städtischen Ballungszentren auszuzehren. Bielefeld hat alles zu bieten, was die Zukunft einer Stadt ausmacht. Hier gibt es eine gemischte Wirtschaftsstruktur, ein vielfältiges Angebot von Kindergärten, Schulen und Freizeitgelegenheiten. Ob streng konfessionelle Erziehung oder freigeistig, ob klassische Kultur oder experimentell - in Bielefeld lässt es sich finden. Hier lohnt es sich, Busse und Bahnen in einem dichten Takt auch zu späteren Stunden und an Wochenenden fahren zu lassen. Die Hochschulen expandieren und locken kreative junge Menschen an. Für Junge und Alte hält die Stadt zudem verschiedenste Angebote der Fürsorge bereit, die in anderen, dünner besiedelten Teilen des Landes nur über weitere Wege zu erreichen sind. Auch das darf nicht verschwiegen werden: Wer sein persönliches Scheitern in dieser Gesellschaft verbergen will, kann sich hier in größerer Anonymität vor der sozialen Kontrolle zurückziehen als in ländlichen Milieus. Das begründet eine größere Zahl an Menschen, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Zusammengenommen trägt dies dazu bei, dass inzwischen mehr Menschen in diese Stadt streben, als sie selbst aufnehmen kann. Denn der Wohnungsbau ist dieser Entwicklung schon seit längerem nicht gefolgt. "Bis zu 18.550 neue Wohnungen müssten in Bielefeld bis 2020 gebaut werden, um die Nachfrage zu decken", hat Reiner Daams aus dem Bauministerium des Landes errechnet. Dafür würden rund 500 Hektar Bauland benötigt. Das entspricht in etwa der Fläche des Stadtbezirks Schildesche zwischen Jöllenbecker Straße und Viadukt. Diese Entwicklung ist nur zum geringen Teil eine Folge der Flüchtlingszuwanderung. An die 11.750 neue Wohnungen, so die Statistik, werden benötigt, weil es immer mehr kleinere Haushalte geben wird, vermehrt vor allem von Alleinstehenden. Zugleich ist Bielefeld ein attraktives Ziel für Menschen aus dem gesamten Binnenmarkt der Europäischen Union, in dem es keine Grenzschranken für den Zuzug mehr gibt. Auch wenn es mancher Einheimische in aller Bescheidenheit nicht wahrnehmen will: Bielefeld ist ein "Leuchtturm", der kräftig über die Grenzen hinausstrahlt. Dabei kommen viele Menschen mit großem Leistungswillen und hoher Qualifikation. Um diese an die Stadt binden zu können, bedarf es nicht nur neuer Wohnblocks, sondern in viel stärkerem Umfang auch dem Eigenheimbau. In anderen boomenden Zentren lassen sich die Folgen eines zu engen Wohnungsmarktes verfolgen. Profitiert haben von der Zuwanderung dort vor allem die Gemeinden im Umland. Die wohlhabenderen Neubürger fanden die von ihnen gewünschten Wohnungen eher außerhalb der Stadtgrenzen. In den Zentren selbst explodierten die Grundstückspreise und Mieten - und die Kosten für die Sozialleistungen, weil überdurchschnittlich viele Menschen dort darauf angewiesen sind. Wenn Bielefeld diese Entwicklung vermeiden will, die in Ansätzen bereits seit Jahren zu beobachten ist, dann muss rasch gehandelt werden. Baudezernent Gregor Moss (CDU) wurde während einer Einwohnerversammlung in Jöllenbeck gefragt: Wie viele Quadratmeter Bauland für neue Wohnungen hat die Stadt denn aktuell noch zur Verfügung? Seine Antwort war so präzise wie erschreckend: "Null." In den vergangenen Jahren hat die politische Mehrheit vor allem auf so genannte Verdichtung gesetzt. Es wurden Neubauten auf Hinterliegergrundstücken und in Baulücken ermöglicht. "Da stoßen wir inzwischen an erhebliche Grenzen", sagt Moss. Nicht nur gebe es immer weniger solcher Grundstücke. "Es gibt erhebliche Reibungen unter den Nachbarn, wenn denen ein weiteres Haus vor die Aussicht gesetzt wird", sagt er. Versuche, darüber nachzudenken, weitere Siedlungsflächen zu finden, wurden bisher im Stadtrat abgelehnt. Stichworte sind dabei die Gebiete Brake-West oder uni-nah die Fortsetzung der Langen Lage bis zur Babenhauser Straße. Eine weiteres mögliches Siedlungsgebiet deutete Moss selbst in Jöllenbeck an. "Die Verlängerung der Linie 3 rechnet sich nur, wenn es mehr Wohngebiete an der Trasse zwischen Gellershagen, Theesen und Jöllenbeck gäbe." Kommentar Magnetwirkung mit Folgen Von Andrea Rolfes Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast, sagt eine Redensart. Noch im Juni hatte die Bertelsmann Stiftung Zahlen veröffentlicht, nach denen die Stadt Bielefeld bis 2030 1,2 Prozent ihrer Einwohner verliert. Beim Blick auf die aktuellen Einwohnerzahlen ist das schwer zu glauben. Die Stadt ist auf Wachstumskurs, hat so viele Einwohner wie nie zuvor in ihrer 802-jährigen Geschichte. Tendenz steigend. Großstädte, die umgeben sind von einer eher ländlichen Struktur ziehen Menschen an wie ein Magnet, weil sie dort Bildung, Arbeitsplätze, ein breites Einzelhandels- und Kulturangebot finden. In Bielefeld ist diese Entwicklung besonders stark. Bielefeld, die beliebte und pulsierende Metropole. Das klingt toll. Aber die Stadt zieht gleichzeitig Probleme an. Steigende Anteile ärmerer Bevölkerung konzentrieren sich in wenigen Stadtteilen. Kranke und bedürftige Menschen kommen, die auf dem Land keine passende Versorgung mehr vorfinden. Der Zuzug und der Trend zur Vereinzelung sorgen für Wohnungsknappheit. Die Sozialausgaben werden weiter steigen. Schon jetzt sind sie in Bielefeld getrieben durch Rechtsansprüche, die sich aus Bundesgesetzten ergeben. Sie bestimmen, dass für Leistungsberechtigte die Kosten für Unterkunft und Heizung übernommen werden. 70 Millionen Euro zahlt die Stadt dafür im Jahr. Für den Wohnungsmarkt dürfte die Zuwanderung fatale Folgen haben. Weil der Neubau nicht mithält, wird das Angebot günstiger Mieten schrumpfen und Kaufpreise für Immobilien dürften weiter klettern. Gut, dass die Stadt schon jetzt viel unternimmt, um gegenzusteuern. Doch das wird längst nicht reichen. Sie muss auch denen Wohnraum und Lebensqualität bieten, die zahlungsfähig sind. Junge Familien ziehen sonst aufs Land, weil dort das Grundstück nur die Hälfte kostet. Das muss Bielefeld verhindern. Kontakt zum Autor

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