Größtes evangelisches Krankenhaus in Deutschland: Im EvKB in Bethel wurde ein neues, zentralisiertes Arbeitszeitmodell eingeführt. Das sorgte für viele Beschwerden der Pflegekräfte. - © Sarah Jonek
Größtes evangelisches Krankenhaus in Deutschland: Im EvKB in Bethel wurde ein neues, zentralisiertes Arbeitszeitmodell eingeführt. Das sorgte für viele Beschwerden der Pflegekräfte. | © Sarah Jonek

Bielefeld Evangelisches Krankenhaus: Massenprotest bei der Belegschaft

Ärger um Klinik-Dienstpläne

Martin Fröhlich

Bielefeld. In den meisten Krankenhäusern muss das knappe Personal extrem effizient eingesetzt werden, vor allem die Pflegekräfte. Geschäftsführungen versuchen dies über neue Arbeitszeitmodelle. Am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB) hat das zu viel Ärger geführt. Man wollte in Bethel nach eigener Aussage Dienstpläne standardisieren. Laut NW-Informationen ging es auch darum, dem massiven Aufkommen von Überstunden - zunächst vor allem bei den Ärzten - entgegenzuwirken. Personaldirektor Thomas Sopp führte ein neues Arbeitszeitmodell ein. Bei diesem werden Dienstpläne für die Pflegekräfte der Stationen zentral gesteuert, anders als im ärztlichen Dienst. Nicht mehr die Pflegedienstleitungen der Fachkliniken stellen die Pläne federführend zusammen, sondern Personaldisponenten, die zum Teil aus fachfremden Klinikbereichen kommen. Schnell regte sich Kritik in der Belegschaft. Den Anfang machte das Pflegeteam des Kinderzentrums, das an Bethel-Gesamtvorstand Ulrich Pohl schrieb. Der Brief liegt der Redaktion vor. Andere Abteilungen folgten. Sie monierten, die neuen Dienstpläne berücksichtigten etwa den Einsatz von Teilzeitkräften nicht. Einige Mitarbeiter hätten an vier Wochenenden im Monat gearbeitet. Andere überschritten die arbeitsrechtliche Grenze von 12 Arbeitstagen am Stück. Zudem verhindere das Modell notwendige Einarbeitung. Man könne kaum auf wechselnde Anforderungen reagieren. Qualifikation und Berufserfahrung seien nicht berücksichtigt. So arbeiteten in manchen Schichten ausschließlich Berufsanfänger. Die Personaldisponenten, so der Vorwurf, hätten kaum Erfahrungen mit den Abläufen. Pflegedirektion und Personaldirektor Sopp räumten in einem Schreiben, das der Redaktion vorliegt, ein, es habe bei der Umstellung Schwierigkeiten gegeben. Insgesamt aber sei das Modell verlässlich. Gegenüber der NW erklärte Geschäftsführer Rainer Norden: "Es ist nachvollziehbar, dass es zu Beginn Verunsicherung unter den Mitarbeitern gab." Man habe darauf mit Infoveranstaltungen und Gesprächen reagiert. Nach Informationen der NW kam es zu Engpässen. Teile von Stationen wurden vorübergehend geschlossen, Patienten abgewiesen. Die Geschäftsführung verweist auf Ausfälle wegen Krankheit als Grund. Die Kritiker sagen, die Krankheitsfälle seien Folge der Überlastung gewesen. Das Pflegepersonal sprach sich offen gegen das Arbeitszeitmodell aus, weil es um die "Kontinuität der Versorgung" und den "Ruf des Hauses" fürchtete, wie es an Pohl schrieb. Die Diskussion schlug hohe Wellen - auch, weil die Mitarbeitervertretung des EvKB dem Modell zugestimmt hatte. Am Ende unterschrieben 660 Mitarbeiter verschiedener Abteilungen am Standort Gilead einen Brief, in dem sie den Rücktritt der Mitarbeitervertretung (MAV) fordern. Der Vertrauensverlust sei zu groß, weil die Mitarbeiter bei Einführung und Umsetzung des Modells nicht genügend beteiligt worden seien. Die MAV lehnt es ab, ihr Mandat niederzulegen. Man wolle mit Hochdruck daran arbeiten, die Probleme zu beheben. Aus dem Antwortschreiben der MAV an alle Mitarbeiter geht hervor, dass die Geschäftsführung für 2016 Verbesserungen beim Arbeitszeitmodell angekündigt hat. Sollten diese nicht eintreten, werde man eine Kündigung der Dienstvereinbarung zum Ende des Jahres diskutieren, so die MAV. Im Zuge der Auseinandersetzung haben Mitarbeiter, darunter Führungskräfte, das Haus verlassen, wie die NW erfuhr. Aus der Belegschaft war zu hören, dass es weiter Unzufriedenheit mit dem Modell gebe und weiter Mitarbeiter das EvKB verließen. Die Geschäftsführung sagt, es gebe "kein Fluktuationsproblem". Derzeit befindet sich das Modell laut Rainer Norden noch in der Projektphase und ist noch nicht flächendeckend eingeführt. Später soll es für alle Kliniken gelten.

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