Bielefeld Interview: Warum Gorillas kleine Hoden haben und Vogel-Weibchen fremdgehen

Sexualleben bei Tieren: WISSENschaftler Klaus Reinhold erklärt

Ansgar Mönter

Herr Reinhold, was ist am Sexualverhalten der Tiere interessant für uns Menschen? Klaus Reinhold: Die vielen erstaunlichen und immer wieder neu entdeckten faszinierenden Verhaltensweisen und biologischen Eigenarten. Allgemein bekannt ist die auffällige Sexualität von Bonobos. Was ist bei unseren nächsten Verwandten los? Reinhold: Bei ihnen lässt sich beobachten, dass Reproduktionsstrategie und Morphologie abgestimmt sein können. Die größten Hoden im Verhältnis zum Körper haben unter den Menschenaffen die Bonobos, die Sex zu jeder Gelegenheit als soziale Interaktion nutzen. Das bedeutet für die Männchen, dass ihre Spermien eine sehr große Konkurrenz bei der Reproduktion haben. Deshalb wird Menge produziert. Anders ist es bei Gorillas, die im Vergleich die kleinsten Hoden haben. Sie schalten ihre Nebenbuhler vorher aus. Es gibt sehr wenig Spermienkonkurrenz, also ist die Menge nicht so wichtig. Dreht sich immer alles um die Streuung der Erbmasse, zumindest bei Männchen? Reinhold: Das ist die Regel. Und es ist erstaunlich, was zu beobachten ist. Bei der Rotrückenspinne etwa macht das Männchen während des Sexualakts oft einen Salto nach vorne, um sich dem Weibchen parallel dazu zum Fraß anzubieten. Dadurch erhöht es die Zeit der Spermienübertragung, weil das Weibchen dann die Kopulation nicht so schnell abbricht. Anderes Beispiel: Bettwanzenmännchen haben ein stilettartiges Geschlechtsorgan, mit dem sie ihre Samen bei Männchen und Weibchen injizieren. Vermutlich ist ihnen der Aufwand zu groß. Bei einer Untersuchung des Geschlechts eines anderen Tieres hat dieses eventuell Gelegenheit zu fliehen, was immer dann nachteilig für den Reproduktionserfolg wäre, wenn es sich um ein Weibchen handelt. Und eine Heuschreckenart entfernt die Spermien der anderen Männchen aus dem Weibchen. Bei Fruchtfliegen leben die Spermien teilweise deutlich länger als die Weibchen selbst; bei Skorpionfliegen haben die Weibchen ein Ventil, das es den Männchen schwer macht, Spermien zu übertragen, sie kopulieren deshalb stundenlang, und die Männchen haben in ihrem skorpionsstachelartigem Hinterleibsende eine Pumpe, mit der sie mühevoll wenige Spermien pro Minute übertragen. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem Balzverhalten von Feldheuschrecken. Warum? Reinhold: Weil man die Weibchen befragen kann, welche Signale sie beim Gesang der Männchen bevorzugen. Das ist möglich, weil sie antworten. Direkte, verständliche Reaktionen auf Balzverhalten gibt es im Tierreich selten. Dabei wird so viel gebalzt, oder? Reinhold: Und es sind fast immer Männchen. Nur sie singen bei den Vögeln. Ähnlich ist es bei optischen Signalen wie auffälligen Färbungen oder Federn, alles Männchen. Akustische Balzsignale haben den Vorteil, dass wir sie imitieren können. Wie das? Reinhold: Wir nehmen sie auf. Wir können sie beliebig manipulieren und beobachten, wie die Weibchen reagieren. Was wollen die Feldheuschreckenweibchen hören? Reinhold: Eine Gesangsphase mit einer kurzen Pause, das Verhältnis muss etwa 80 zu 15 Millisekunden sein, je nach Temperatur verschiebt sich das ein bisschen. Die Phase muss wiederholt werden, am besten 20 oder 30 Mal. Für die Signal-Lücke müssen die Männchen ihre Beine asynchron bewegen. Manche können das besser als andere. Schaffen sie es nicht, wird das von den Weibchen sehr negativ bewertet. Dann darf das Männchen nicht ran? Reinhold: So ist es. Versuchen sie dennoch, auf das Weibchen zu springen, bekommen sie in der Regel einen Tritt verpasst, so dass sie bis zu einen halben Meter weit wegfliegen. Die Weibchen sind kräftiger und größer. Geht es den Weibchen um gesundes Erbmaterial? Reinhold: Das ist eine Erklärung. Balzsignale können ebenso anzeigen, welche Ressourcen Männchen einbringen und welche Reviere sie verteidigen können. Ebenso können sie seine Vaterqualitäten ausdrücken; oder wie parasitenfrei er ist. Gibt es balzende Weibchen? Reinhold: In Ausnahmefällen, und zwar bei Vogelarten oder bei Seepferdchen, wo Männchen die Brut übernehmen. Lassen die Erkenntnisse Rückschlüsse auf Menschen zu? Reinhold: Ein Unterschied bei Menschen ist, dass sowohl Frauen als auch Männer wählen. Das ist selten im Tierreich. Es gibt eine Froschart, bei der es so ist. Das ist auch nur der Fall, wenn Männchen einen erheblichen Teil der Brut oder Aufzucht des Nachwuchses übernehmen. Menschen werden bei der Partnerwahl von ihrem Unterbewusstsein gesteuert, heißt es. Reinhold: Geruch spielt bekanntlich eine bedeutende Rolle. Vermutlich, um für ein gutes Immunsystem zu sorgen und um Inzucht zu vermeiden. Denn Inzucht erhöht das Risiko von Erbkrankheiten deutlich. Das ist empirisch nachgewiesen. Sie sind signifikant höher in Kulturen, in denen Heirat unter Cousinen und Cousins erlaubt ist. Intelligenz, sozialer Status, Religion und Attraktivität sind zudem soziale und biologische Faktoren, die bei der Partnerwahl eine Rolle spielen. Spielt der Vergleich zwischen Tier und Mensch bei ihrer Forschung eine Rolle? Reinhold: Eine meiner jüngeren Arbeiten handelt davon, weil der ehemalige Präsident der US-Elite-Universität Harvard biologisch erklärte, warum der Anteil der Frauen unter den Professoren in den Naturwissenschaften dort niedriger ist als der der Männer. Das Verhältnis ist etwa eins zu drei. Er sagte: Die Intelligenz der Männer zeigt eine höhere Variabilität im Vergleich zu Frauen. Das heißt: Es gibt mehr hochintelligente und wenig intelligente Männer, die Frauen sind dafür in der Mitte stärker vertreten. Er führt das darauf zurück, dass Erbeigenschaften wie Intelligenz eher gemittelt werden bei Frauen, weil sie zwei X-Chromosomen haben, Männer hingegen haben nur ein X-Chromosom, dort passiere das nicht. Ich habe die Hypothese Bezüglich der Körpergröße mit etwa 400 Tierarten getestet. Tatsächlich ist die Variabilität bei dem Geschlecht, dass zwei verschiedenartige Geschlechtschromosomen hat, bei Säugetieren also die Männchen, größer. Aber Chromosomen sind nur eine von mehreren Erklärungsmöglichkeiten. In den Schulen sind die Mädchen aber vorne. Reinhold: Auch da kommen viele Faktoren zusammen, unter anderem, dass Mädchen im Mittel motivierter sind, das zu tun, was die Lehrer von ihnen verlangen, sie sind in der Regel braver und fleißiger. Ihre biologischen Erkenntnisse stehen im Konflikt mit der soziologischen Idee, wonach Unterschiede zwischen Geschlechtern nur sozial begründet sind. Reinhold: Eine solche Reduzierung halte ich für absoluten Unsinn. Ganz viele Daten zeigen, dass das falsch ist. Von den Biologen wäre heute niemand mehr so unvernünftig, alles auf die Biologie zu reduzieren. Erziehung oder Genetik? Die Frage ist schon falsch. Es gibt ganz viele Genotyp-Umwelt-Aktionen. Sie bedingen sich, das zeigen sehr viele Untersuchungen. Es gibt kein Entweder-oder. Es ist klar, dass die Geschlechter unterschiedliche Genaktivitäten zeigen. Das lässt sich schon bei Embryos feststellen, wo männliche Föten im Mittel etwa bis zu 15 Prozent erhöhten Stoffwechsel haben – ohne Einfluss der Gesellschaft. Auch Alltagserfahrungen weisen auf verschiedene Fähigkeiten und Interessen hin. Reinhold: Sogar eine Kollegin, die sich sonst eher darüber beschwert, dass Biologen Unterschiede ansprechen, musste nach wissenschaftlichen Test zumindest drei signifikante Differenzen zwischen Frau und Mann eingestehen: die Fähigkeit, einen Ball weit zu werfen; die Neigung, Aggressivität körperlich auszudrücken; die Neigung, kurzfristige sexuelle Kontakte zu nutzen. Da weiß wohl jeder, welche Neigung dem Mann zuzuordnen ist. Gibt es Monogamie und Paarbeziehungen in der Tierwelt? Reinhold: Bei einigen Vogelarten hat man angenommen, dass es die gibt, bis sich herausgestellt hat, dass ein erheblicher Teil der Weibchen doch fremdgeht, und zwar so, dass das für die Brut gebrauchte Männchen nichts merkt und so nicht die Motivation für die gemeinsame Aufgabe verliert. Unter Raubvögeln und Pinguinen gibt es schon Paarbeziehungen ohne so genannte Kuckuckskinder. Bei einer Pinguinart ist allerdings bekannt, dass sich die Weibchen auch mit Nachbarmännchen paaren, Nachkommen werden dabei aber nicht erzeugt. Die Befruchtung klappt nur mit dem Nachwuchspartner. Niemand weiß, wie ihr das gelingt.

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