Die Bielefelderin mit tunesischen Wurzeln möchte ihren Namen nicht veröffentlichen. Ihre Kritik an der aktuellen Situation hat vielen Menschen aus der Seele gesprochen. - © Andreas Frücht
Die Bielefelderin mit tunesischen Wurzeln möchte ihren Namen nicht veröffentlichen. Ihre Kritik an der aktuellen Situation hat vielen Menschen aus der Seele gesprochen. | © Andreas Frücht

Bielefeld Arabischstämmige Bielefelderin äußert sich zu den Übergriffen in der Silvesternacht

Eine Bielefelderin mit arabischen Wurzeln äußert sich in einem bemerkenswerten Brief zur Flüchtlingsdebatte und den Vorkommnissen in der Silvesternacht - unter anderem am Bielefelder Boulevard. - © Sarah Jonek
Eine Bielefelderin mit arabischen Wurzeln äußert sich in einem bemerkenswerten Brief zur Flüchtlingsdebatte und den Vorkommnissen in der Silvesternacht - unter anderem am Bielefelder Boulevard. | © Sarah Jonek

Bielefeld. Die Bielefelderin Najla M. mit arabischen Wurzeln hat der NW einen bemerkenswerten Brief zur Flüchtlingsdebatte und den Übergriffen in der Silvesternacht geschrieben:

"Ich möchte ein wenig erzählen: Meine Eltern sind klassische Gastarbeiter aus Nordafrika. Auch sie sind als junge Menschen nach Deutschland gekommen.

Information
Wer sich zu dem Brief äußern möchte, schreibt uns gern eine E-Mail an bielefeld@nw.de


Meine Geschwister und ich wuchsen in einer deutschen Kleinstadt auf, wir besuchten die Schule und machten unsere Abschlüsse. So weit, so gut, so normal.

"Das Studium habe ich mir erkämpft"

Es war harte Arbeit. Die schulische Bildung, das Studium habe ich mir alleine erkämpft. Meine Eltern konnten mich nur moralisch unterstützen, aber nicht bei den Hausaufgaben. Es ist knallhart und man braucht einen starken Charakter und Disziplin. Man bekommt nichts geschenkt im Leben, auch in Deutschland nicht.

Ich bemerke, dass Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die ebenfalls einen "Migrationshintergrund" haben, die Flüchtlingsdebatte, die Ereignisse des letzten Jahres mit großer Sorge betrachten.

"Es fehlen klare Konzepte"

Mir fehlen konkrete Vorschläge, Programme für diese neuen Menschen, klare Konzepte. Und Forderungen an diese neuen Menschen. Unbedingt! Integration ist harte Arbeit! Fragt bitte die Integrierten. Es ist knallhart, das deutsche Schulsystem mit all seinen Widrigkeiten zu durchlaufen. Noch schwieriger ist es, eine adäquate Ausbildungsstelle zu finden.

Ich habe die Ereignisse des letzten Jahres immer noch nicht verarbeitet. All diese Menschen, so plötzlich, so viel! Wann hört das auf und wie soll das alles bewältigt werden? Dass die BürgerInnen verunsichert sind, kann ich gut nachvollziehen.

Politiker sprechen davon, dass sich die Flüchtlinge integrieren werden und somit auch helfen, den sogenannten Fachkräftemangel zu minimieren. Fachkräftemangel? Fragen Sie bitte die Personen, die sich seit Jahren von einem befristeten Vertrag in den nächsten hangeln, fragen Sie bitte die BürgerInnen, die trotz hoher und hart erworbener Qualifikation in einem prekären Arbeitsverhältnis leben über den "Fachkräftemangel"! Unerträglich!

Jedes Jahr wird eine neue Studie veröffentlicht (die der Bertelsmann Stiftung z.B.), die jedes Jahr aufzeigt, wie schwierig es ist für Kinder aus Einwandererfamilien sich in dem System Deutschland zu etablieren. Mein Gedanke dazu: Spart euch das Geld für die Untersuchung und stellt stattdessen lieber mehr Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten und ein und gebt ihnen vernünftige Arbeitsverträge!

"Warum reagiert Deutschland so langsam?"

Vielleicht werden wenige Flüchtlinge in die Arbeit gebracht, aber die Realität spricht eine andere Sprache! Das System Deutschland hat es verpasst für ein klares Einwanderungsgesetz zu sorgen. Das Modell Kanada wird schon jahrzehntelang als Alternative erwähnt. Warum reagiert Deutschland so schlecht, so langsam, wenn die Warnsignale ganz klar zu erkennen sind?

Auch meine Familie wurde auf Herz und Nieren geprüft bei der Einbürgerung! Vorzulegen waren Schulbescheinigungen, Zeugnisse, Arbeitsbescheinigungen, polizeiliche Führungszeugnisse, der Mietvertrag (Kannst du beweisen, dass du du selbst bist?) Und der Nachweis darüber, dass wir mindestens 8 Jahre lang ein lückenloses, gutes Leben in Deutschland geführt haben. In dem Gespräch, das damals in der Ausländerbehörde stattgefunden hat, konnte man unser Deutsch überprüfen.

"Ich bin gern deutsche Staatsbürgerin"

Damals habe ich nicht ganz nachvollziehen können, dass wir, die ja hier seit Jahrzehnten leben, deren Kinder hier geboren sind, sich dieser Prüfung unterziehen mussten. Heute denke ich, dass Deutschland auf das Einbürgerungsverfahren nicht verzichten sollte.

Ich bin gerne deutsche Staatsbürgerin, sehe mich als Europäerin, demokratische Bürgerin. Schon aus beruflichen Gründen habe ich insgesamt 5 Mal einen staatlichen Eid ablegen müssen. Aus dem prekären Arbeitsverhältnis in den Beamtenstatus! Ich bin mit Deutschland verheiratet und auch wenn diese Ehe sich oft wie eine Hassliebe anfühlt, möchte ich nicht, dass diese Ehe geschieden wird.

"Ich liebe die Freiheit, die Musik, Festivals"

Ich liebe und lebe die Freiheit und mache sehr viele Dinge, die mir gut tun. Viele Menschen wundert das, da ich doch "aus einem anderen Kulturkreis stamme" und diesem "schwierigen Religionsverein" zugehöre. Also rechtfertigt die moderne Frau sich in alle Richtungen.

Ich liebe und mache Musik seit mehreren Jahren. Ich liebe die Literatur, den deutschen Poetry Slam. Ich besuche Festivals, Lesungen, Kulturveranstaltungen. Auf all das möchte ich nicht verzichten. Es ist mein gutes Recht. Ich will nicht zulassen, dass man mir das wegnimmt! Das ist ein schönes Land, hier werden viele schöne Angebote für die BürgerInnen gemacht. Es lebe die Freiheit!

"Jetzt wird mir ganz schlecht"

Jetzt wird mir ganz schlecht dabei, wenn ich auf das Jahr 2015 zurückblicke und zähle, wie oft ich auch nachts mit dem Zug unterwegs war. Alleine, als Frau! Dabei habe mich immer sicher gefühlt, waren doch andere Menschen unterwegs, die ebenfalls fröhlich ihr Leben genossen haben.

Das Jahr 2016 fängt mit einer Tragödie, mit einer Katastrophe an! Unerträglich! Die Ereignisse in Köln und Co. werden alles verändern. Das werden wir, die Kinder der Gastarbeiter im Alltagsrassismus zu spüren bekommen und somit doppelt bestraft werden.

Unerträglich, was sich dort abgespielt hat. Unerträglich, dass man diese kriminellen Subjekte (Personen) nicht packt, in den nächsten Flieger setzt und dafür sorgt, dass sie nie wieder einen Fuß auf europäischen Boden setzen. Nun wird diskutiert und geprüft, wann man diese Kriminellen bei welchem Strafmaß abschieben darf.

"Egal, wer diese Männer sind"

Mir ist es egal, ob diese "Männer" Flüchtlinge sind oder Illegale oder seit 2 Jahren sich hier in Deutschland aufhalten, sie gefährden den inneren Frieden, die Ordnung und die Sicherheit in meinem demokratischen Deutschland! Sie gehören nicht hierher und werden es auch nicht im Ansatz schaffen, sich zu integrieren.

Wer hier Schutz und eine neue Heimat sucht, so großzügig aufgenommen wird, aber auf der anderen Seite nichts Besseres zu tun hat, als Frauen zu verachten und sie anzugehen, sie beleidigt und wie ein Tier, wie ein Monster begrabscht, sie verletzt, hat es nicht verdient auch nur einen Tag länger in Deutschland zu bleiben. Für mich, als Steuerzahlerin ist es unerträglich, dass diese Kriminellen hier bleiben dürfen.

Diese Kriminellen haben das System Deutschland nicht verstanden! Diese Kriminellen haben Deutschland nicht verdient! Nein, ich laufe nicht bei Pegida mit und habe große Sorge, dass die rechten Parteien die nächsten Wahlen gewinnen werden.

"Befürchten neuen Alltagsrassismus"

Wenn mein Deutschland nicht schnellmöglich reagiert und diese kriminellen und gefährlichen Menschen schnellmöglich ausweist, geht der Frieden in Deutschland kaputt. Meine FreundInnen, die ebenfalls Kinder eingewanderter Arbeiter sind, und ich befürchten einen erneuten Alltagsrassismus.

Die Vorfälle am Boulevard hatten die Bielefelder erschüttert. - © Sarah Jonek
Die Vorfälle am Boulevard hatten die Bielefelder erschüttert. | © Sarah Jonek

Ich erkenne mein Deutschland jetzt schon nicht mehr! Sollte es Deutschland nicht schaffen, für eine schnelle Lösung zu sorgen wird sich Deutschland in der Welt lächerlich machen! Komplett lächerlich, weil handlungsunfähig!

Wir brauchen eine ehrliche und offene Gesprächskultur. Diese wird knallhart und unbequem sein. Wir müssen wieder über die Leitkultur sprechen und ganz genau überprüfen, wer hier neu ins Land darf. Das sage ich, ein Gastarbeiterkind und Demokratin!

In meinen Reisen in die arabische Welt habe ich viele Menschen kennengelernt. Sie alle würden sich für das übergriffige Pack aus Köln und Co. schämen, weil diese Personen das Ansehen der friedfertigen Bevölkerung in der Heimat besudeln."

(Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt)

Die Vorfälle am Boulevard hatten die Bielefelder erschüttert. - © Sarah Jonek

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