Bielefeld Gilead-Chefarzt Prof. Martin Driessen im Interview: ,,Burnout ist keine Krankheit"

Fragen an Gilead-IV-Chefarzt Professor Martin Driessen in Bethel

Chefarzt Martin Driessen: "Burnout ist ein Zustand, der ein Risiko für körperliche und psychische Erkrankungen darstellt." - © NN
Chefarzt Martin Driessen: "Burnout ist ein Zustand, der ein Risiko für körperliche und psychische Erkrankungen darstellt." | © NN

Bielefeld. Psychische Störungen des Menschen scheinen in einer Gesellschaft normal zu sein. Aber, wo ist die Grenze, wo droht Gefahr für den Leidenden selbst, seine Umgebung, die Gesellschaft? Bielefeld ist ein Zentrum der Hilfe, der Betreuung und der Forschung. Der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel im Evangelischen Krankenhaus, Professor Dr. Martin Driessen, antwortet auf Fragen von Wilfried Massmann.

Herr Driessen, 80.000 Menschen sollen in Bielefeld nach Schätzungen von Fachleuten an einer psychischen Erkrankung leiden - bei insgesamt 330.000 Einwohnern. Können diese Zahlen stimmen?

DRIESSEN: Tatsächlich ist dieses Problem da. Untersuchungen in Deutschland und Europa sagen, dass rund 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung einmal im Jahr mindestens unter einer psychischen Erkrankung leidet. Die Leiden haben unterschiedliche Schweregrade, von ganz leicht und vorübergehend und selbstabklingend, bis zu schweren Erkrankungen.

Information

Martin Driessen



  • Professor Martin Driessen (57) ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld. Sie ist die größte Klinik des EvKB. Sie versorgt psychisch Kranke aus dem Bielefelder Raum.
  • Hilfe finden dort Menschen unter anderem mit psychotischen Störungen, Manien, Schizophrenien, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, sowie Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit.

Wo ist die Grenze? Was ist denn noch normal in einer Gesellschaft, die immer differenzierter wird?

DRIESSEN: Die Weltgesundheitsorganisation - WHO - hat in ihrer internationalen Klassifizierung der Erkrankungen einen Katalog festgelegt, der genau definiert, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um von einer Erkrankung zu sprechen. Es werden nicht nur bestimmte Symptome abgefragt, sondern auch, ob die Symptome zu subjektivem Leiden und zu einer Einschränkung des normalen Funktionierens geführt haben. Erst dann kann ich von einer Erkrankung sprechen. Also, nicht nur einzelne Symptome sind gemeint, die kann jeder von uns mal haben.

Wenn der Chef tobt, ist er vielleicht ein Choleriker, führt sich ein Mitarbeiter so auf, ist er psychisch labil? Sind die Maßstäbe wirklich gleich und gerecht?

DRIESSEN: Die Maßstäbe sind gleich. Dass die Beurteilung von gesellschaftlichen Normen und Umständen abhängig ist, hat es leider schon immer gegeben. Wobei wir den Eindruck haben, dass auch das immer weniger wird.

Stellen Sie medizinisch eine Zunahme psychisch belasteter Menschen fest?

DRIESSEN: Entgegen einer breit verbreiteten Meinung ist dies nicht der Fall. Seitdem es fundierte Bevölkerungsstudien gibt, sind die Zahlen sehr konstant. Das Spektrum kann sich, kulturell bedingt, etwas unterscheiden. Auch bei den Suchterkrankungen hängt es davon ab, welche Substanzen, zum Beispiel welche Drogen, aktuell genutzt werden. Früher war es mehr Heroin, heute ist es vielleicht mehr Kokain oder es sind mehr Designer-Drogen. Das einzige, was statistisch wirklich zunimmt, sind altersgebundene Erkrankungen, zum Beispiel Alzheimer.

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