„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?“: Sabrina Zajak hat sich Pegida genauer angeschaut. - © Jörg Dieckmann
„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?“: Sabrina Zajak hat sich Pegida genauer angeschaut. | © Jörg Dieckmann

Bielefeld Professorin erklärt das Phänomen Pegida

58 Forscher befragten Teilnehmer in Dresden / Ergebnisse in der Universität Bielefeld vorgestellt

Ansgar Mönter

Bielefeld. Eigentlich war das Thema Pegida durch - dachten zumindest viele. Doch nun ist es wieder aktuell, weil für den 20. Juli erstmals ein "Pegida-Spaziergang" in Bielefeld angemeldet worden ist. Wer oder was hinter Pegida steckt, erklärte nun Sabrina Zajak auf Einladung der Arbeitsgruppe "Uni ohne Vorurteile" an der Uni Bielefeld. Die Bochumer Professorin hat Pegida untersucht. 58 Forscher hatten sich am 12. Januar nach Dresden aufgemacht. Sie befragten und beobachteten die Teilnehmer des Pegida-Spaziergangs. Damals war die Bewegung an ihrem Höhepunkt angekommen. Bis zu 25.000 Menschen nahmen teil und die Aufregung im Land war groß. Dann kam der Bruch. Mittlerweile beteiligen sich noch wenige Tausend Menschen an den montäglichen Demonstrationen in der sächsischen Hauptstadt. Die Forscher hatten es laut Professorin Zajak nicht leicht, mit den Pegida-Teilnehmern Kontakt aufzunehmen. "Sie verteilten Fragezettel, doch der Rücklauf war sehr gering", sagt sie. 123 Demonstranten machten mit, was einer Quote von unter einem Prozent aller Protestler entspricht. "Wir können deshalb keine Aussage über den Pegida-Demonstranten treffen", räumt Zajak ein. Immerhin gibt die Untersuchung, die durch eine zusätzliche Online-Befragung angereichert wurde, Anhaltspunkte, wie die Teilnehmer denken und welche Beteiligungsmotive sie haben. Demnach waren sie überdurchschnittlich hoch gebildet und vor allem männlich - fast 80 Prozent. Die Teilnehmer ordneten sich zur Hälfte der politischen Mitte zu, ein Drittel bezeichnete sich als Rechts, knapp unter zehn Prozent als Links. Parteien - wie auch andere staatliche Institutionen - genießen wenig Vertrauen unter ihnen, nur die AfD wird mit Wohlwollen betrachtet. Gefragt nach ihren Meinungen zu Ausländern, Asylpolitik und Muslimen, wichen die Meinungen der Demonstranten jedenfalls nicht extrem ab von der der Gesamtbevölkerung. Als Vergleich wurde die Leipziger Mitte-Studie zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland herangezogen. Viel deutlicher hingegen betonten Pegida-Teilnehmer ihr Nationalgefühl und die Sorge darum, dass dieses bedroht sei. Fast durchgängig attestierten die Befragten der Politik Versagen. "Sie machen Aussagen, die man auch bei Linken finden würde, nur aus einer anderen Perspektive", erklärte Zajak. Beobachtet haben die Forscher ein uneinheitliches Bild des Demonstrationszugs: Vorne sei die Atmosphäre mitunter aggressiv, ausländerfeindlich und ablehnend ihnen gegenüber gewesen, von "Lügenwissenschaft" sei gesprochen worden; weiter hinten sei die Stimmung hingegen friedlich, gesittet, ruhig und mitunter volksfestartig gewesen. Auf Plakaten und Bannern wurde Politikkritik geäußert, darunter befanden sich zudem Symbole aus dem rechtsnationalen Spektrum wie die Fahne der "German Defence League". Sabrina Zajak zieht ein kritisches Pegida-Fazit. Sie erkennt dort "rechtspopulistische und rechtsextreme Einstellungen" sowie durchaus eine "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", wie sie sagt. Der Begriff ist am Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung entstanden. Eine Zuhörerin kritisierte den Begriff als zu "emotionalen Begriff" für die Beschreibung von Pegida. Sie warnte vor "vorzeitigem Kategorisieren" und vor Überinterpretation der Aussagen zu nationalistischen Statements wie der häufig genannten Angst der Demonstranten, dass es der kommenden Generation in Deutschland schlechter gehen könne als der heutigen. Kurz: Die Verwendung des Begriffs solle nicht selbst "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" werden. Zajak erkannte beipflichtend "sehr viele widersprüchliche Aussagen" der Befragten. Fakt ist: Zwischen Pegida im Januar und Pegida im Juli hat sich viel geändert. Die Organisatoren haben sich entzweit. In Bielefeld wird, wenn überhaupt, ein überschaubares Häufchen Teilnehmer auftauchen, organisiert von der rechts stehenden Pro-NRW-Vereinigung. Übrig geblieben ist auch in Dresden eher der harte Kern, der unverblümt deutlich Rechtslastigkeit demonstriert.

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