"Wir müssen dem Terror die Grundlage entziehen, die im Koran selbst liegt": Lale Akgün, Islambeauftragte der SPD, war zu Gast in der Stadtbibliothek. Dort stellte sie ihre Vorstellung von einem liberalen, barmherzigen Islam vor. - © Foto: Andreas Frücht
"Wir müssen dem Terror die Grundlage entziehen, die im Koran selbst liegt": Lale Akgün, Islambeauftragte der SPD, war zu Gast in der Stadtbibliothek. Dort stellte sie ihre Vorstellung von einem liberalen, barmherzigen Islam vor. | © Foto: Andreas Frücht

Bielefeld Politikerin warnt vor den Islamverbänden

Die Muslimin und SPD-Islambeauftragte Lale Akgün hält eine Reform ihrer Religion für unausweichlich / Mehr als 100 Gäste beim Vortrag

Ansgar Mönter

Bielefeld. Die Muslimin und SPD-Politikerin Lale Akgün sagt Dinge, die viele Menschen nicht gerne hören wollen, jetzt wieder auf Einladung des "Vereins für ein zeitgemäßes Leben" vor mehr als 100 Gästen in der Stadtbibliothek. Beispiel: Die theologische Grundlage für Terror und Frauenunterdrückung im Namen des Islams liegt im Koran selbst; die Religion muss sich reformieren, nur dann kann sie Teil eines weltoffenen und demokratischen Deutschlands sein. Doch gegen eine Islamreform gibt es Widerstand von Verbänden, die ausgerechnet von der deutschen Politik hofiert werden. Akgün, in Istanbul geboren, seit 1981 deutsche Staatsbürgerin, war von 2002 bis 2009 Abgeordnete der SPD im Bundestag und ist Islambeauftragte ihrer Partei. Den Wulff-Satz, wonach der Islam zu Deutschland gehöre, hält Akgün bestenfalls für oberflächlich. "Das war vielleicht gut gemeint, aber er hat wohl kaum richtig darüber nachgedacht." Die zwangsläufige Frage, die sich anschließt, laute: Welcher? "Der Islam ist bunter, als ihn die Verbände darstellen", sagt sie. Was aber mache die Politik? Sie wertet die Vertreter auf, die für eine "hochkonservative bis fundamentalistische Auslegung der Religion stehen". Die meisten türkischen Organisationen seien stark vom islamistischen Weltbild der türkischen Regierung beeinflusst; der Zentralrat der Muslime - besonders aktiv in der Öffentlichkeitsarbeit - steht unter anderem den fundamentalistischen Muslimbrüdern nahe. Die Verbände repräsentieren laut Akgün maximal 10 bis 15 Prozent der Muslime, nähmen für sich aber in Anspruch, für alle zu sprechen. Lale Akgün warnt eindringlich davor, diesen selbst ermächtigten Islamvertretern die Deutungshoheit über die Religion zuzusprechen. Gesellschaft und Politik sollten sich nicht täuschen lassen von Show-Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. "Ihr wahres Gesicht ist eine rückwärtsgewandte Theologie mit Koranschulen für Kinder, schwarzer Pädagogik und einer konstruierten islamischen Identität." Akgün selbst ist Mitglied im Verband liberaler Muslime. Ihrer Auffassung nach ist es unvermeidlich, dass ihre Religion grundlegend reformiert werden muss. "Daran führt kein Weg vorbei; ohne können wir (Muslime und Nichtmuslime) in Zukunft nicht friedlich-demokratisch miteinander leben." Der Koran selbst liefere die Vorlage für eine liberale Sichtweise, sofern er historisch-kritisch als göttliches Menschenwort betrachtet werde, also mit "Vernunft". Ob Kopftuch, Halal-Speisen, Fasten oder Beten: Statt wortwörtliche Auslegung sei die 1.400 Jahre alte Schrift mit Verstand zu lesen. "Theologisch ist das begründbar", sagt Akgün. "Das Wort Vernunft kommt 49 Mal im Koran vor." Sie nennt ein Beispiel: Mohammed habe seinerzeit den Frauen dazu geraten, sich zu bedecken, um sich so zu schützen vor Übergriffen der Männer. In der modernen Welt jedoch "gibt es unsere rechtsstaatlichen Gesetze, die die Frauen schützen, sie ersetzen das Kopftuch, das deshalb heute vor allem eine politische Botschaft ausstrahlt". Akgün plädiert dafür, die kriegerischen Koransuren, die sich gegen Andersgläubige und Ungläubige wenden - einige rufen sogar zum Töten auf - als historisch zu betrachten, nicht als theologisch. Weil sie in Kriegszeiten geschrieben wurden. Akgüns Islam ist der eines barmherzigen Gottes, nicht eines strafenden Gottes. "Die Religion ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Religion", sagt sie. Islamvertreter greifen sie dafür an. Auch nach ihrem Vortrag protestierten kopftuchtragende Musliminnen aus dem Publikum gegen ihre Aussagen. Die Vorwürfe: Sie ziehe über die Verbände her, schüre Angst, rede den Islam, der perfekt sei, schlecht. Akgün hat das schon öfter gehört. Sie ist auf Kritik und Widerstand eingestellt. Den Verbänden wirft sie jedoch vor: "Sie wollen jede innerislamische Diskussion verhindern." Stattdessen strebten sie mit ihrem rückwärtsgewandten Weltbild an, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden, um steuerlich begünstigt zu werden. "Der Koordinationsrat der Muslime, der alle Dachverbände vereint, ist auf dem besten Wege, eine Kirche zu werden." Dabei sei der Islam eine ganz persönliche Religion, erklärt Akgün. Der Politik rät sie, dem Drängen der Verbände nicht nachzugeben. "Sie sollten die Entwicklung abwarten." Derzeit gründen sich weitere liberale Islam-Bünde, die den erzkonservativen etwas entgegensetzen wollen. Sollte die Politik voreilig eine Anerkennung als Körperschaft aussprechen, sei das ein Fehler, der vielleicht 100 Jahre negativ nachwirken könne auf die Gesellschaft, warnt sie.Stärkt liberale Muslime von Ansgar Mönter Die Kritik Lale Akgüns an den Islamverbänden bewegt hoffentlich die Bielefelder Politiker – einige waren beim Vortrag – zu kritischerem Hinschauen. In der Stadt gibt es das Bündnis Islamischer Gemeinden, kurz BIG. Darin sind fast alle Moscheen der Stadt vereint. Viele davon – nicht alle – sind zugleich Mitglied in einem der theologisch meist stockkonservativen Dachverbände. Das BIG will als Vertreter aller Bielefelder Muslime wahrgenommen werden, obwohl nur eine Minderheit in ihren Moscheen Mitglied ist. Kommunalpolitiker, die „bunt und weltoffen“ sein wollen, geben ihnen gerne eine Bühne dafür. Dabei wird in deren Moscheen oftmals ein religiös begründetes Gesellschafts- und Familienbild gelehrt und gelebt, das statt bunt und weltoffen eher eng und streng ist. Gerne lassen sich Politiker von Fassaden blenden, wenn diese ihre Wunschwelt aufrecht erhalten. Die Gefahr in diesem Fall: Sie protegieren einen Islam, der wenig mit Gleichberechtigung der Geschlechter, freiheitlichem Denken und Pluralität im Sinne einer modernen, aufgeklärten Welt gemein hat. Und dieser Betonislam setzt auch noch die Muslime zunehmend unter Druck, die frei sein wollen von religiösen Blockierungen. Es wird immer Menschen geben, die innere und äußere Freiheit schwer aushalten. Ihnen sollte jedoch keine Deutungshoheit oder Macht zugesprochen werden. moent@nw.de

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