Kampf gegen Genitalverstümmelung: Annette und Rüdiger Nehberg, Gründer des Vereins Target, mit Mädchen in Afrika. - © Rüdiger Nehberg
Kampf gegen Genitalverstümmelung: Annette und Rüdiger Nehberg, Gründer des Vereins Target, mit Mädchen in Afrika. | © Rüdiger Nehberg

Bielefeld Rüdiger Nehberg im Porträt: "Die Sturheit ist meine große Waffe"

Der Abenteurer und Menschenrechtler wird am Montag 80 Jahre alt

Matthias Bungeroth

Bielefeld. Auf die Frage, wie es ihm geht, schießt es aus ihm heraus. "Saugut", sagt Rüdiger Nehberg. Das ist für den gebürtigen Bielefelder, der am Montag 80 Jahre alt wird, nicht selbstverständlich. Sein Leben ist ein Abenteuerroman - oder auch mehrere. Er überquerte im Tretboot den Atlantik, ließ sich über dem brasilianischen Regenwald aus einem Hubschrauber abseilen und zog mit einer Karawane durch die mauretanische Wüste. Doch beginnen wir am Anfang. Die Abenteuerlust, erzählt Nehberg, entwickelte sich bei ihm früh. "Das begann mit vier Jahren, als ich meine Oma besuchte." Zu Fuß ging der Knirps bis ans andere Ende von Bielefeld, bis ihn Stunden später die Polizei aufgriff. "Da habe ich gelernt, dass man Reisen anders organisieren muss", sagt Nehberg trocken. "Die Neugier auf die Welt war in mir verankert." Banker zu werden wie die Eltern kam nicht infrage. "Ich bin nach 14 Tagen Probezeit völlig verzweifelt." Der Vorschlag seiner Mutter, den Beruf des Konditors zu lernen, gefiel ihm besser. Nach der Lehre in Münster wanderte er durch viele Städte, um Erfahrungen zu sammeln.Schlangenbeschwörung in Marrakesch "Mit 17 nahm ich unbezahlten Urlaub." Den Zweck seiner Reise erzählte er seinen Eltern nicht: "Ich wollte in Marrakesch Schlangenbeschwörung lernen." Die Reise hatte er akribisch geplant - mit dem Fahrrad. So entwickelte sich in Nehberg der Sinn für Abenteuertouren, was ihm den Spitznamen "Sir Vival" in Anlehnung an das englische Wort "survival" (Überleben) einbrachte. Das einfache Leben inmitten der Natur schätzt Nehberg auch in seinem Haus in Rausdorf vor den Toren Hamburgs, wo er mit seiner Ehefrau Annette lebt. "Hier habe ich Wald und Wasser, alles, was ich so liebe." Seine Abenteuertouren in den 60er und 70er Jahren führten ihn durch Libyen, durch die Danakilwüste in Äthiopien, über den Blauen Nil oder als Tramper ums Mittelmeer. Zwei Themen fesselten den Menschenrechtler so sehr, dass er sich entschloss, seine Konditorei nach 25 Jahren zu verkaufen. Es waren der Kampf für die bedrohte Minderheit der Yanomami-Indianer in Brasilien und der Einsatz für die Abschaffung der Beschneidung von Frauen.Mit Musik zu den Indianern Mit einem Minimum an Ausrüstung begab er sich Anfang der 80er Jahre allein zu den Yanomami-Indianern, die durch das rücksichtslose Vorgehen von 65.000 Goldsuchern bedroht waren. "Dann bin ich mit Kompass in eine Richtung gegangen und habe immer auf einer winzigen Mundharmonika musiziert", erinnert sich Nehberg. So wollte er das Vertrauen der Indianer gewinnen - was gelang. Im Jahr 2000 stellte Brasilien das Indianerland auf seinen Druck hin unter Schutz. In der muslimischen Welt begegneten Nehberg Frauen, die ihm von den genitalen Verstümmelungen berichteten. Es entwickelte sich die Idee, die religiösen Führer des Islams dazu zu bewegen, "das zur Sünde zu erklären". Mit seiner Frau gründete er den Verein Target, der sich diesem Ziel bis heute verschrieben hat.Aktiv gegen Genitalverstümmelung "Täglich werden 6.000 Mädchen ihrer Genitalien und damit ihrer Würde beraubt", sagt Nehberg. "Die Leiden der Frauen gehen nie vorbei." Weltweit seien rund 150 Millionen Frauen betroffen. 2006 veranstaltete Nehberg eine Internationale Gelehrtenkonferenz in der Azhar zu Kairo unter der Schirmherrschaft des Großmufti Ali Gom'a. Ergebnis: ein islamisches Rechtsgutachten (Fatwa), das die Genitalverstümmelung als "strafbares Verbrechen" brandmarkt. Es verstoße gegen "höchste Werte des Islams". Davon will Nehberg auch andere religiöse Führer des Islams überzeugen. Deshalb ist sein größter Geburtstagswunsch, ein Gespräch mit ihnen in Mekka zu bekommen. Ein weiterer Wunsch: "Mit dem König von Saudi-Arabien dort ein Transparent aufzuspannen." So will er über die neue Fatwa informieren. Damit würde man jedes Jahr vier Millionen Pilger erreichen. Dass er das Ziel erreicht, hält Nehberg für möglich. "Die Sturheit ist meine große Waffe", sagt er mit Hinweis auf seine ostwestfälische Herkunft. Nach Bielefeld kehrt er gern zurück und besucht Orte seiner Kindheit wie den Tierpark Olderdissen. "Der Wolf bekam damals immer mein Leberwurstbrot." Er hat noch einen guten Grund, der ihn regelmäßig in die Heimat führt: "Ich mag diese knusprigen Brötchen und das Vollkornbrot. Das ist etwas, was mich heute noch an Westfalen erinnert."

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