Ort des Todes: Das Krematorium war die Endstation für viele Häftlinge. In der Gaskammer wurden bis zu 150 Menschen gleichzeitig mit dem Blausäure-Giftgas "Zyklon B" ermordet werden. Den Häftlingen wurde vorgegaukelt, sie würden duschen gehen. Nach 15 bis 20 Minuten war niemand mehr am Leben. Ihre Leichen wurden in den Öfen verbrannt. Aus dem Schornstein schwebte ohne Unterbrechung die Asche der Getöteten und bedeckte die Umgebung wie grauer Schnee. - © Tobias Schreiner
Ort des Todes: Das Krematorium war die Endstation für viele Häftlinge. In der Gaskammer wurden bis zu 150 Menschen gleichzeitig mit dem Blausäure-Giftgas "Zyklon B" ermordet werden. Den Häftlingen wurde vorgegaukelt, sie würden duschen gehen. Nach 15 bis 20 Minuten war niemand mehr am Leben. Ihre Leichen wurden in den Öfen verbrannt. Aus dem Schornstein schwebte ohne Unterbrechung die Asche der Getöteten und bedeckte die Umgebung wie grauer Schnee.
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Dachau Odyssee des Leids: Ein KZ-Überlebender erzählt seine Geschichte

Vor 70 Jahren wurde das KZ Dachau befreit

Tobias Schreiner

Dachau. Massenmord, Folter, Zwangsarbeit – alle Konzentrationslager der Nazis hatten dies gemein. Doch seinen Anfang nahm der Schrecken 1933 im Konzentrationslager Dachau – dem Prototypen aller weiteren KZs. Am Sonntag versammeln sich Politiker aus aller Welt in Dachau um den 41.500 Menschen zu Gedenken, die hier ermordet wurden, und mit den wenigen Überlebenden zu trauern, die noch übrig sind. Leszek Stanowski ist einer von ihnen. Der NW erzählt er seine Geschichte. Auf persönlichen Befehl Hitlers sollte im August 1944 ganz Warschau geräumt und seine Bewohner in Arbeitslager deportiert werden. Leszek Stanowski war damals 17 Jahre alt – aus seiner Heimatstadt Posen war er zuvor mit seinen Eltern zu Tante und Onkel nach Warschau umgesiedelt worden. Sie hofften, dort der Verfolgung durch die Nazis entkommen zu können. Doch weit gefehlt: Alle Männer ab dem zwölften Lebensjahr sollten sich auf einem zentralen Platz in der Stadt sammeln. Leszek erinnert sich: "Es waren die letzten Augusttage und es war sehr heiß. Viele hielten die Hitze nicht aus und fielen in Ohnmacht. Manche erlitten einen Herzinfarkt." Nach stundenlangem Stehen in Reih und Glied wurde die Gruppe, bewacht von Wehrmachtssoldaten und Hunden, zum Bahnhof Warschau Ost gebracht. Dort wurden sie in Züge verladen – wohin, das wussten sie nicht.Stadt als Auffanglager Von Warschau wurde Leszek zusammen mit seinem Vater und seinem Schwager in die nahegelegene Stadt Pruszków deportiert. Unter der Besatzung der Nazis verwandelte sich die Stadt in ein riesiges Auffanglager – das "Durchgangslager 121" fasste bis zu einer halben Million Menschen. Sie sollten von Prusków aus in Konzentrationslager deportiert werden. So auch Leszek. Er wurde am 28. August von seinem Vater und seinem Schwager getrennt und in einem Viehwagon nach Flossenbürg deportiert. "Als wir in Flossenbürg ankamen, begrüßte uns ein SS-Mann mit den Worten, dass wir das Lager nur durch den Schornstein verlassen würden", sagt Leszek. Doch der 17-Jährige entkam dem Krematorium – weil er als ausgebildeter Elektriker nicht in den Steinbruch musste, sondern in der Montage arbeitete. "Den Steinbruch hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt. Ich war damals sehr schmächtig." Leszek entkam dank seiner handwerklichen Begabung dem frühen Tod. Doch nur wenige Wochen später ging es für ihn erneut um Kopf und Kragen. Ende Januar wurde er nach Kamenz bei Dresden überstellt – ein Außenlager des KZ Großrosen. Der Krieg war bereits weit fortgeschritten. Die Alliierten rückten immer weiter vor und die Amerikaner bombardierten die Zugstrecken, um den Materialnachschub der Wehrmacht zu erschweren. Mit Erfolg. Das Lager wurde aufgelöst und Leszek sollte zusammen mit etwa 200 Mithäftlingen auf den Todesmarsch Richtung Westen geschickt werden. Am ersten Tag liefen sie so lang, bis sie nicht mehr konnten. 55 Kilometer weit – dann erbarmte sich der befehlshabende SS-Mann und verfrachtete die Gefangenen in einen Zug. "Der hatte wohl ein gutes Herz", überlegt Leszek laut, als er erzählt. "So war der Todesmarsch nicht tödlich für uns."Von Mauthausen nach Dachau Doch als sich die Türen des Güterwagons erneut öffneten, gefror Leszek das Blut in den Adern. Sie waren im Konzentrationslager Mauthausen angelangt: "Mauthausen kannten wir alle nur als 'Mordhausen'. Wir fürchteten alle, dass dies die Endstation sein würde." Doch weil das Lager bereits überfüllt war, mussten die Häftinge in Viehwagons Gruppe weiterfahren. Leszek wusste, wohin die Reise ging: "Wir fuhren Richtung München. Die erfahrenen Häftlinge wussten, was das heißt. Wir wurden nach Dachau gebracht." Tatsächlich erreichten sie am 16. März Dachau. Vom Bahnhof mussten sie zu Fuß durch die Stadt zum Konzentrationslager gehen. Vorbei an Männern und Frauen, die sie beleidigten und ihnen "Mörder von Warschau" hinterher riefen. Leszek berichtet von der Ankunft im KZ und der Zeit im Lager:   Am 28. April hörten Leszek und die anderen Gefangenen Artilleriefeuer und sahen Lastwagen, auf denen Soldaten saßen: "Wir dachten, das wären die Befreier. Die Stimmung im Lager war sehr aufgeregt. Wir klatschten in die Hände und jubelten. Aber unsere Freude wurde sehr schnell zunichte gemacht. Es war nur bewaffnete SS." "Doch am nächsten Morgen kam von Seiten der Küche ein riesen Geschrei. Innerhalb kürzester Zeit setzte sich der Lärm von Baracke zu Baracke fort. Als ich meine Baracke verließ, sah ich, dass der erste Amerikaner, der das Lager erreichte, auf den Händen der Gefangenen ins Lager getragen wurde. Das war der erste Tag der Freiheit. Wir freuten uns und auch die Amerikaner freuten sich. Unsere Freude war besonders groß, weil wir davon ausgegangen waren, dass die Häftlinge, die im Lager geblieben waren, in den nächsten Tagen erschossen werden sollten."Über mehrere Auffanglager zurück nach Polen Leszek Stanowski kehrte über mehrere Auffanglager der Amerikaner nach Polen zurück. Obwohl er die Möglichkeit hatte, in München zu studieren, entschied er sich, in seinem Heimatland zu bleiben. Seine Familie überlebte, er war der letzte, der nach Hause zurückkehrte. Gut einen Monat nach seiner Rückkehr trat er sein Studium der Elektrotechnik an. Ab 1949 war er maßgeblich am Wiederaufbau Polens beteiligt. Er arbeitete mit am Wiederaufbau der Elektrizitätswerke in Posen und Stettin. "Es war mir sehr wichtig, beim Wiederaufbau zu helfen, nachdem alles zerstört war", sagt er. Mit 63 Jahren ging er in Rente – die Krawatte mit dem Emblem des Verbands der Polnischen Elektroingenieure trägt er noch heute.

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