Medienkompetenz an der Schule: Professor Uwe Sander. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Medienkompetenz an der Schule: Professor Uwe Sander. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld "Neue Medien sind die Zukunft"

Medienpädagoge Uwe Sander über Computernutzung im Schulunterricht

Elena Gunkel

Bielefeld. Laptops, internetfähige Smartphones und Tablets gehören schon längst zu unserem Alltag, immer öfter auch in der Schule. Wie können neue Medien am effektivsten für Lernzwecke eingesetzt werden und ab welchem Alter sollen die Kinder mit ihnen konfrontiert werden? Darüber hat Elena Gunkel mit Uwe Sander, Professor für Medienpädagogik an der Universität Bielefeld, gesprochen. Herr Sander, wie sinnvoll ist es, im Schulunterricht zu Computern zu greifen? SANDER: Heute stellt keiner die Sinnhaftigkeit von Computern an der Schule mehr in Frage. Immer mehr Schulen benutzen Computer oder Laptops entweder für Internetrecherchen oder als Träger für die Lernsoftware. Reichen dafür die PC-Räume aus oder braucht jeder Schüler ein individuelles Laptop? SANDER: Für einen individuellen Unterricht sind PC-Räume nicht besonders gut geeignet. Aber es ist technisch schwierig, das anders zu regeln. Selbst wenn die Schüler eigene Geräte an die Schule bringen würden, wäre es sehr aufwendig, sie in ein gemeinsames Netz zu integrieren. Haben Sie von den Klassen gehört, in denen alle Kinder mit einem Tablet-PC ausgestattet sind? SANDER: Noch nicht. Aber das wird die Zukunft sein. So wie man früher in der Schule mit den Büchern gearbeitet hat, wird man in Zukunft mit mobilen Medien wie Tablets oder kleinen Laptops arbeiten. Wann könnte es so weit sein? SANDER: Die Schule ist nicht sehr wandlungsfähig. Deswegen könnte es noch ein bisschen dauern. Auch hier an der Universität haben fast alle Studenten ein Laptop, aber wir arbeiten fast überhaupt nicht mit diesen Geräten. Die Studierenden benutzen sie eher zu Hause oder in der Pause zwischen den Veranstaltungen, um ihre Referate vorzubereiten. Die Tablets werden also nicht in den kommenden Jahren klassische Schulbücher ersetzen? SANDER: Das glaube ich auf gar keinen Fall. Es werden zurzeit so viele Bücher verkauft wie fast nie zuvor, und zwar richtige Bücher aus Papier. Das zeigt, dass das E-Book und die Hörbücher klassische Bücher noch nicht verdrängt haben. Denken Sie nicht, dass, wenn Schüler und Studenten die Laptops nur für Recherchen und die Texterstellung benutzen, das Potenzial neuer Medien verschenkt wird? SANDER: Sicherlich sind da auch andere Sachen möglich. Aber selbstverständlich wird es in Zukunft auch die Arbeit ohne Medien geben. Auf der anderen Seite spielen neue Medien gerade für das Schreiben oder bei Präsentationen eine zunehmend wichtige Rolle. Werden die Kinder nicht das Schreiben mit der Hand verlernen, wenn sie alle Schreibaufgaben am Rechner erledigen? SANDER: Die bedauerliche Folge könnte sein, dass die Fähigkeit, mit der Hand vernünftig und lesbar zu schreiben, dadurch abnimmt. Das merke ich auch an mir und meinen Kollegen. Aber selbst wenn man mit der Hand nur noch für private Zwecke schreibt, leidet darunter die Handschrift, jedoch nicht die Fähigkeit zu schreiben. Welche anderen Folgen könnte die Digitalisierung der Schulen haben? Manche Schüler können heute schon nach eigenen Worten viel besser mit einem Hypertext als mit einem klassischen Buch arbeiten. SANDER: Der Hypertext hat Links und ist in einer nicht linearen Form aufgebaut. Seit langem wissen wir, dass diese Art der Vernetzung unserem Gehirn sehr stark entspricht. Und trotzdem kommunizieren wir immer linear, zum Beispiel wenn wir sprechen. Ich bin der Meinung, dass wir Menschen besser lernen, wenn wir lineare Texte vor den Augen haben. Da Informationen im Hypertext auf verschiedenen Ebenen verschachtelt sind, könnte man schnell den Überblick verlieren. Außerdem ist es immer besser, neue Lernstoffe in einer klar strukturierten Form und nicht in der ganzen Komplexität zu präsentieren. Inzwischen können auch Kleinkinder mit dem Finger über einen Touchscreen wischen. In welchem Alter ist es sinnvoll, den Kindern den Zugang zu solchen Geräten zu verschaffen? SANDER: Die Bedienung von Smartphones ist häufig textbasiert. Deswegen kann man sich nur vernünftig mit solchen Geräten auseinandersetzen, wenn man gut lesen und schreiben kann. Das können Kinder erst mit sieben bis acht Jahren. Deswegen ist es besser, die Computer an der Grundschule erst ab der dritten Klasse zu nutzen. Ob deren Einsatz dann didaktisch sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Ihre Meinung? SANDER: Alles hängt davon ab, wie gut die Lehrkräfte ausgebildet sind und diese Lehrmittel in den Unterricht integrieren können. Und wie sie selbst damit umgehen können. Im Erwachsenenleben werden die Schüler früher oder später mit den komplizierten technischen Geräten konfrontiert. Denken Sie, sie werden in der Schule gut darauf vorbereitet? SANDER: Diese Aufgabe, den Kindern technisches Medienwissen zu vermitteln, dürfen wir der Schule nicht aufbürden. Bis die heutigen zehnjährigen Schüler erwachsen werden und in der Medienwelt privat und beruflich agieren müssen, vergeht viel Zeit, die technische Entwicklung geht weiter. Daher können die Lehrer heute gar nicht die Kinder auf die Innovationen von morgen vorbereiten. Das bedeutet? SANDER: Aus Studien wissen wir, dass Jugendliche ihre Computerkenntnisse nicht in der Schule und nicht in ihrem Elternhaus, sondern von den Gleichaltrigen erringen. Oft können 14-Jährige besser mit den neuen Medien umgehen als ihre Eltern oder die Lehrer. Was ist in diesem Fall die Aufgabe der Schule? SANDER: Die Schüler mit der Medienkompetenz zu versehen, damit sie eine gewisse Distanz gegenüber den Medien bewahren und sie nicht unkontrolliert konsumieren. Die Kinder dürfen nicht allem glauben, was im Internet steht.THEMENREIHE: Computer an der Schule Studien zeigen, dass Computer an den deutschen Schulen relativ selten eingesetzt werden. Die NW nimmt die Situation an Bielefelder Schulen unter die Lupe. Bereits erschienen: IT-Ausstattung in den Schulen Laptops vom Förderverein unerwünscht Weitere Folgen: Reportage über die „mBook-Klasse“ am Friedrich-von-Bodelschwingh-Gymnasium. Interview mit Medienzentrumsleiter Martin Husemann über mobile Medien im Unterricht.

realisiert durch evolver group