Bielefeld Bielefeld – arm, aber sexy

Geschäft mit dem Sex boomt / Aus jungen Start-up-Unternehmen wurden Marktführer

Bielefeld - arm, aber sexy - © Bielefeld
Bielefeld - arm, aber sexy | © Bielefeld

Bielefeld. Berlin – arm, aber sexy. So nennt Klaus Wowereit seine Stadt. Auch Pit Clausen könnte es genauso sagen, richtiger wäre aber vielleicht: Bielefeld – arm, aber porno. Eine wundersame Vielfalt von bundesweit etablierten Anbietern von Sexspielzeugen, Sex-Partner-Vermittlungen, Kondomen und Sado-Maso-Seiten ist hier zu finden, es boomt das Geschäft mit der Lust.

NW-Leserin Melanie Z. (Name geändert) gab den Tipp, sich die Branche einmal genauer anzusehen. Ihr Fazit: "Da sage noch einer, wir wären spießig – Bielefeld ist in Sachen Sex eine der führenden deutschen Städte."

Was mit Hans Richter und "Ritex"-Kondomen 1948 seinen Anfang nahm, setzte sich 1991 mit Lothar Schwier und seinen "Novum"-Märkten fort. Es folgten 2004 die Brüder David, Julius und Robert Dreyer, die die Homepage "poppen.de" sowie diverse weitere Sexseiten im Internet gründeten. 2006 kam der Online-Sexzubehör-Versand "Eis.de" dazu – heute mit sechs Millionen Kunden.

In Bielefeld saßen und sitzen etliche Unternehmen, die am Wunsch der Menschen nach speziellem Sex verdienen. Links das Gebäude von "Eis.de", rechts das von Ritex. Einzig mit der Seite "gentledom.de" wird kein Geld verdient. - © FOTOS/FOTOMONTAGE: ANDREAS FRÜCHT
In Bielefeld saßen und sitzen etliche Unternehmen, die am Wunsch der Menschen nach speziellem Sex verdienen. Links das Gebäude von "Eis.de", rechts das von Ritex. Einzig mit der Seite "gentledom.de" wird kein Geld verdient. | © FOTOS/FOTOMONTAGE: ANDREAS FRÜCHT

Noch spezieller wurde es 2008, als ein Bielefelder Jurist mit der nichtkommerziellen Hardcore-Internetseite "gentle-dom.de" an den Start ging. Und auch wenn Herzebrock-Clarholz nicht zu Bielefeld gehört, so sei doch erwähnt, dass hier der nach eigener Darstellung bundesweite Marktführer für getragene Höschen seinen Sitz hat: "pantiesparadise.de".

"Irreführende Absender"

Mit Zahlen halten sich die Akteure zurück, einige Schlaglichter: 60 Mitarbeiter hat Ritex, bei gut 10 Millionen Euro Umsatz. Mit fast 200 Mitarbeitern erzielt Novum an bundesweit 24 Standorten einen Gewinn von deutlich mehr als einer Million Euro. "Wo wir sind, sind wir Marktführer", sagt Schwier. "Eis.de" soll gut 200 Mitarbeiter haben, täglich sollen "intime Lifestyleprodukte" in fünfstelliger Zahl verschickt werden – diskret, für neugierige Nachbarn mit irreführenden Absendern. Die Top-Agentur "Jung von Matt" ist seit 2014 für die Werbung zuständig.

Geschätzte 50 Mitarbeiter haben die Brüder Dreyer, die längst den Bielefelder Westen gegen einen Firmensitz in Shanghai eingetauscht haben – sie bringen es mit ihren Internetseiten auf viele hundert Millionen Klicks. Nach eigenen Angaben hat das Portal "poppen.de", auf dem sich Menschen zum Einmal-Sex (One-Night-Stand) verabreden, mehr als 3,9 Millionen Mitglieder.

"Die drei Jungs waren fast Nachbarn von mir im Bielefelder Westen, da haben sie die Idee für poppen.de entwickelt", berichtet der Jurist, der die BDSM-Seite "gentledom.de" be-treibt. BDSM – dahinter verbergen sich Spielarten sehr spezieller sexueller Vorlieben: Partner peitschen sich aus, würgen sich zum Orgasmus, verletzen sich teilweise – oft ist es ein schmaler Grat zwischen Lust, Leidenschaft, gewolltem Tabubruch und unerwünschter Grenzüberschreitung.

Bielefeld als Sex-Hochburg

Der Jurist kam auf die Idee für seine Internetseite, weil zwei Frauen aus seinem Umfeld missbraucht und vergewaltigt worden waren. Er will aufklären über die Spielarten, die ihm auch selbst Lust bescheren. Kommerzielles Interesse hat er nicht. Seine Seite hat täglich oft mehr als 12.000 Besucher. Unzählige Artikel, Tipps, Interviews und Beiträge beleuchten alle Facetten des BDSM. "Es gibt einen erhöhten Aufklärungsbedarf, denn extreme sexuelle Spielarten ziehen extreme Personen an."

Dass Bielefeld eine derartige Sex-Hochburg ist, ist dem Juristen auch schon aufgefallen. Und er hat sogar einen Erklärungsansatz: "In Paderborn und Bielefeld gab es vor einigen Jahren sehr viele Start-ups" – also Unternehmensgründungen aus dem Uni-Umfeld heraus. Naheliegend, dass das Internet ein attraktives Geschäftsfeld ist. "Und da gilt besonders: Sex sells", sagt der Jurist. Es sei viel experimentiert worden, einige Geschäftsideen schlugen ein. "In Bielefeld entstand eine Art ,Kompetenzzentrum Internet-Sex’", sagt er lachend.

Dass der Boom der Sex-Angebote Bielefeld nicht schadet, betont Novum-Chef Schwier. Er, der aus der Unterhaltungselektronik kommt, sagt: "Wir haben mit unseren sauberen und auch auf Frauen ausgerichteten Läden die 70er-Jahre-Sex-Shops verdrängt." Bielefeld als Hochburg? "Die vielen Studenten hier sind sehr aufgeschlossen – und wenn wir mal wieder auch für mich überraschende Dinge gut verkaufen, dann sage ich: "Echt? Guck’ mal, die Bielefelder."

Da kommen sie her

Die Dreyers blockten anfangs einprägsame Internetseiten und leiteten gegen Geld auf verwandte Seiten weiter.

Lothar Schwier (Novum) verdiente sein Geld in der Unterhaltungselektronik, sah hier Probleme aufkommen und sattelte auf die Sex-Branche um – "in der es einfacher ist und wo ich das Geschäftsmodell verbessern konnte; mit dem gezielten Blick auf Frauen".

"Eis.de" war und ist parallel mit druckerzubehoer.de und handyzubehoer.de am Markt.

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