Bielefeld Mit jedem Wort kommt neuer Mut

Lesen und Schreiben für Tausende Bielefelder nicht selbstverständlich / Kurse an der VHS

VON JULIA KUHLMANN

Jessica verbessert in einem VHS-Kurs ihr Lesen und Schreiben. Dabei hat sie Lektüren in einfacher Sprache kennengelernt. Besonders dankbar ist sie über die Erläuterungen zu schwierigen Wörtern. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Jessica verbessert in einem VHS-Kurs ihr Lesen und Schreiben. Dabei hat sie Lektüren in einfacher Sprache kennengelernt. Besonders dankbar ist sie über die Erläuterungen zu schwierigen Wörtern. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. "Wo nichts ist, kann nichts mehr kommen." Diesen Satz ihrer Lehrerin wird Jessica Jaeger nie vergessen. Die 32-jährige Bielefelderin ist eine von bundesweit 7,5 Millionen sogenannten "funktionalen Analphabeten", auf deren Situation der heutige Weltalphabetisierungstag aufmerksam machen will. Jessica lernt an der Volkshochschule (VHS) Lesen und Schreiben und hat dadurch neuen Mut gefasst.

Als sie sieben Jahre alt war, hatten Ärzte einen Tumor in Jessicas Kopf gefunden. Mitten im ersten Schuljahr wurde sie operiert, eine Chemotherapie folgte. Nach der Operation fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Trotzdem wurde sie in die zweite Klasse eingestuft. Für die erste Klasse sei sie zu alt, hätten die Lehrer gesagt.

Jessica fehlten die Grundlagen, sie kam nicht gut mit. Sie wurde an eine Förderschule versetzt. Dort habe sie sich nicht wohl gefühlt: "Ich wollte lernen und weiterkommen, aber die meisten Lehrer haben mich nicht dabei unterstützt", erinnert sie sich. Schreibaufgaben habe es dort kaum gegeben. Sie konnte ihren Namen, ihre Adresse und einfache Sätze schreiben. Ihre Mutter habe sie immer unterstützt. Mit privatem Förderunterricht schaffte Jessica ihren Hauptschulabschluss. Trotzdem fällt ihr das Lesen und Schreiben sehr schwer. Sie ist häufig auf Hilfe angewiesen.

Analphabeten im engeren Sinn, das heißt Menschen, die das Alphabet nicht kennen, gibt es in Deutschland kaum. Eine Studie der Universität Hamburg hat 2011 die Lese- und Schreibkompetenzen in Deutschland getestet. Demnach sind 7,5 Millionen Erwachsene "funktionale Analphabeten". Rechnet man die Zahl auf Bielefeld herunter, wären das etwa 30.000 Betroffene.

Funktionale Analphabeten könnten zwar einzelne Wörter und Sätze lesen und schreiben, nicht aber kürzere Texte, erläutert Marion Döbert, Ansprechpartnerin für Alphabetisierung und Grundbildung an der VHS. "Es wird mit dem Begriff zum Ausdruck gebracht, dass nicht nur die als Analphabeten gelten, die gar nicht lesen und schreiben können." Die Teilnehmer in den Alphabetisierungskursen hätten unterschiedlich starke Schwierigkeiten.

An der VHS werden zwölf Kurse angeboten, in denen Erwachsene ihre Schreibfertigkeiten verbessern können. Jessica lernt zweimal in der Woche im Ravensberger Park. Sie hat am Kerschensteiner Berufskolleg in Bethel eine Ausbildung zur Näherin abgeschlossen. Heute fühlt sie sich sicherer im Umgang mit der Schriftsprache.

An der Bürgerbefragung zur Stadtbahnlinie 5 konnte sie im Mai trotzdem nur mit Hilfe von anderen teilnehmen. Die Stimme der 26-jährigen Kathi, ebenfalls Lernerin in einem VHS-Kurs, ging dagegen nicht in das Ergebnis der Bürgerbefragung mit ein. Die Erläuterungen zum Ablauf der Briefwahl waren für sie zu kompliziert.

Kathi hat sehr schlechte Erinnerungen an ihre Schulzeit. Sie kam nicht gut mit, ihre Mutter arbeitete in der Spätschicht und ihr Vater war zu ungeduldig, um ihr bei den Hausaufgaben zu helfen. Vor einigen Jahren hat ein Freund gemerkt, dass sie Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat und sie darauf angesprochen. Er hat ihr von der VHS erzählt. "Erst mal habe ich mir den Kurs nur angeguckt", sagt Kathi. Sie habe Angst gehabt, dass alle anderen dort viel jünger seien als sie.

Dabei sind die Teilnehmer in Alphabetisierungskursen im Durchschnitt mit über 40 Jahren deutlich älter als Jessica und Kathi. Kathi hat es gefallen, sie lernt dreimal wöchentlich nach der Arbeit im Kurs. "Es ist schön, andere Menschen zu treffen, die die gleichen Schwierigkeiten haben", sagt sie.

Indem die beiden öffentlich von sich erzählen, wollen sie anderen Mut machen, mit dem Lernen anzufangen. "Es sind zwar nur kleine Schritte, aber man bekommt endlich eine Chance", sagt Jessica.

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