Journalist und Autor Robert B. Fishman (r.) und NW-Kulturchef Stefan Brams nutzen den Schirm als Ablage beim Gespräch im Holzhaus. - © Foto: Barbara Frabke
Journalist und Autor Robert B. Fishman (r.) und NW-Kulturchef Stefan Brams nutzen den Schirm als Ablage beim Gespräch im Holzhaus. | © Foto: Barbara Frabke

Bielefeld "In Bielefeld gibt es zu viele Zauderer"

Mittagsgespräch im Holzhaus mit dem Journalisten und Autor Robert B. Fishman über die Zukunft der Stadt

Bielefeld. Seit 32 Jahren lebt der gebürtige Münchner Robert B. Fishman in Bielefeld. Beim neunten Mittagsgespräch macht der Journalist und Autor der Stadt zunächst ein Kompliment: "Sie ist deutlich offener geworden, und es hat so etwas wie Lebensfreude Einzug gehalten – vor allem wenn das Wetter schön ist." Er sagt aber auch: "Uns fehlt es hier immer noch am nötigen Selbstbewusstsein und es gibt noch zu viele Verhinderer und Zauderer ohne Visionen."

Der 53-Jährige gibt der Zukunftsfähigkeit Bielefelds zwar eine Zwei bis Drei, aber er vermisst Wagemut und Visionen. "Ich meine mit Visionen nicht die großen, zig Millionen Euro kostenden Projekte, sondern die Arbeit mit all dem, was wir so reichlich haben." Die Uni, die Wirtschaft, die vielfältige Kultur, die aufblühende Kulturwirtschaft, aber auch der soziale Reichtum dieser Stadt und all die Menschen, die sich in ganz vielen tollen Projekten für die Umwelt, andere Menschen einsetzen, all das gehöre viel stärker vernetzt, zusammengeführt, gebündelt und anderen zur Kenntnis gebracht." Fishman: "Wir laufen oft zu blind durch unsere Stadt und schöpfen unser Potenzial nicht aus."

Eine große Rolle misst Fischman in Sachen Zukunftsfähigkeit der Uni bei. "Sie ist der größte Entwicklungsmotor für diese Stadt. Ohne sie wäre Bielefeld in den 80er und 90er Jahren mit ihrer Enge und Provinzialität nicht zu ertragen gewesen." Die Uni habe für den notwendigen frischen Wind gesorgt. "Und sie wird weiter für diesen Wind sorgen, deshalb muss sie noch viel enger mit der Stadt verwoben werden."

Wenn Fishman den Bielefeldern auch mehr Offenheit attestiert, so übt er auch Kritik: "Wir stehen uns viel zu sehr im Wege und das auch noch gegenseitig." Das Denken sei noch zu kleinteilig. "Viele verhaken sich viel zu gerne im Klein-klein statt aus einer übergeordneten Perspektive auf die Dinge in ihrer Stadt zu schauen." Das gelte auch für die Lokalpolitik und die Verwaltung. "Ich finde, dass die Stadt nicht wirklich gut verwaltet ist." Auch sie verzettele sich viel zu sehr in kleinsten Details, "so dass die großen Dinge eher nicht bewegt werden, weil sich keiner die Finger verbrennen will."

Dass es zum Beispiel nicht möglich gewesen sei, eine temporäre Eisbahn auf dem Klosterplatz zu errichten, ist für den Journalisten ein typisches Beispiel für zu enges Denken und das immer noch zu große Beharrungsvermögen in dieser Stadt. "Hier werden Bedenken so lange mit sich herumgetragen, bis Projekte sich von selbst erledigt haben." Es werde vieles zu schwer genommen. Es sei sehr anstrengend, Dinge zu bewegen. "Wir brauchen in Zukunft mehr Leichtigkeit."

Überhaupt regt ihn der Niedergang des Klosterplatzes auf. Das war ein belebter, kulturvoller Ort, bis Anwohner ihn mit ihren Beschwerden kaputt geklagt haben. Jetzt sei er zum Parkplatz verkommen. "Ich finde es komisch, dass die Autos im Zentrum kaum einen stören, aber am bunten Leben auf den Plätzen stört man sich."

Am meisten stört Fishman, der 1982 wegen seines Jura-Studiums nach Bielefeld kam, aber die Ampelschaltung in Bielefeld. "Ich kenne keine Stadt, in der die Ampeln so idiotisch geschaltet sind." Er habe sich schon oft beschwert, aber bisher nie eine vernünftige Erklärung erhalten, warum in Bielefeld immer alle warten müssen. Wichtig ist Fishman eine Abkehr von der Vorrangpolitik für das Auto. "Wir brauchen eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs und den Ausbau der Radwege." Mit dem Jahnplatz hat sich Fishman, der die kurzen Wege und das Grün in der Stadt schätzt, abgefunden. "Der war früher ein Katstrophe, der ist heute eine und wird wohl immer eine bleiben." Von Shopping-Centern hält er nichts. "Jeden Euro können wir doch nur einmal ausgeben, daher gefährden Shopping-Center unsere Einzelhandelsstruktur." Einem Erweiterungsbau für die Kunsthalle steht Fishman eher ablehnend gegenüber. "Den brauchen wir nicht, aber wenn Herr Goldbeck sich ein Denkmal setzen möchte, dann bitte."

Vermarkten würde der Journalist die Stadt auf keinen Fall als "Liebefeld". Der Slogan sei aufgesetzt und die Bielefeld-Verschwörung ein alter Hut. Er selbst schlägt vor: "Bielefeld, Stadt der verborgenen Schätze." "Für mich ist Bielefeld wie ein kleines Mosaik mit vielen interessanten Dingen, die wir deutlicher sichtbar machen und zusammenfügen müssen. Und ich wünsche mir mehr Begeisterungsfähigkeit der Bürger für ihre Stadt."

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