Bielefeld Maschinen zeigen Gefühle

Derzeit konferieren rund 300 Robotik-Wissenschaftler aus aller Welt in Bielefeld

"Nao", 2006 entwickelt, kann tanzen. Und einiges mehr. Ein Exemplar existiert zu Forschungszwecken an der Universität Bielefeld. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
"Nao", 2006 entwickelt, kann tanzen. Und einiges mehr. Ein Exemplar existiert zu Forschungszwecken an der Universität Bielefeld. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Wohl jeder hat schon mal seinen Computer angemault; oder sein Auto liebevoll getätschelt; oder den Fahrstuhlknopf zigmal gedrückt in der Hoffnung, dass das Gerät schneller kommt. Menschen entwickeln Maschinen gegenüber Gefühle, doch Maschinen erwidern sie nicht.

Das soll sich ändern – im Wortsinn oberflächlich betrachtet. Derzeit konferieren rund 300 Wissenschaftler aus über 30 Ländern an der Universität Bielefeld zum Thema Roboter mit sozialen Fähigkeiten und Emotionen.

"Wir arbeiten an der nächsten Generation von Robotern", erklärt Professor Tony Belpaeme von der Universität Plymouth in England. Die erste Generation Roboter sind Produktionshelfer in Fabriken, die zweite Generation soll mit Menschen im Austausch sein, sie verstehen, ihre Wünsche erkennen, ebenso ihre Bedürfnisse und Zustände.

"Deshalb arbeiten wir im Grenzbereich zu anderen Disziplinen wie der Psychologie", erläutert Professor Gerhard Sagerer, Rektor der Uni Bielefeld und selbst Forscher am Institut Citec der Uni, das sich diesen Fragen stellt.

Ziel ist es, die Kommunikation Mensch – Maschine über Gebärden und Gestik zu erleichtern. "Wir Menschen sind es gewohnt, Emotionen von Gesichtern abzulesen, ohne viel darüber nachdenken zu müssen", sagt Sagerer.

Die Wissenschaftler füttern die Roboter deshalb mit Informationen über die Mimik der Menschen, damit sie deren Gesichts- und Körpersprache entschlüsseln können. So sollen sie zu alltäglichen Helfern mit hohem Nutzen heranreifen. Citec kooperiert dafür mit Bethel, um die Nützlichkeit der Forschung testen zu können. "Wir haben mit Bethel ein System ausprobiert, dass geistig Behinderten hilft, sich die Zähne zu putzen", berichtet Sagerer. Ein Roboter assistierte bei diesem komplexen Vorgang. "Es hat sich gezeigt, dass die Nutzer und die Pfleger danach zufriedener waren, weil sie mehr Zeit hatten für andere wichtige Dinge."

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Bedeutend

Die "Human-Robot-Interaction"-Konferenz gilt als bedeutendste Zusammenkunft von Roboterforschern weltweit.

Zuletzt war sie in Tokio, Boston und Lausanne. Die Wissenschaftler tagen bis Donnerstag im Gebäude des Exzellenzclusters Citec der Universität Bielefeld, wo sich etwa 300 Mitarbeiter um intelligente Robotersysteme kümmern.

Die weltweite Elite dieser Fachrichtung ist damit zum ersten Mal in Deutschland versammelt, was die Bedeutung des Citec ausdrückt.

Es gibt viele Fortschritte in der Roboterforschung versichern die Wissenschaftler, allerdings müsse man von der Vorstellung der autonomen Alleskönner wie in Science-Fiction-Verfilmungen Abstand nehmen. "Es geht uns nicht um Roboter-Butler", die uns rund um die Uhr bedienen", sagt Professorin Vanessa Evers von der Universität Twente in Holland. Es sind vielmehr die vielen einzelnen Systeme, die eingesetzt werden, wo sie speziell gebraucht werden; als Assistenten im engen Kontakt mit Menschen. Das können zum Beispiel Roboter sein, die als Motivationstrainer im Sport dienen, die pädagogische Arbeit mit Kinder unterstützen oder als Boten in Kliniken arbeiten, wie es in Japan bereits geschieht.

Um selbst Gefühl zeigen zu können, erhalten Roboter zunehmend menschliche Züge. Flobi zum Beispiel, Prototyp der Bielefelder, hat ein Gesicht wie ein Mensch. Flobi kann dessen Ausdruck variieren und auch seine Gesichtsfarbe ändern, er kann freundlich gucken, überrascht oder sogar verwegen. Es sei wie bei den Figuren von Walt Disney, sagt Sagerer. Auch die drücken mitunter durch minimale Mimiken Emotionen aus – und erzeugen sie beim Betrachter. Das macht Roboter menschlicher. Sie wirken dann, als hätten sie eine Persönlichkeit. Menschen können sie so besser akzeptieren. Das ist pure Psychologie. Und sie funktioniert, wie Tests zeigen.

Der hilfreiche Roboter, der erkennt, wenn ein, möglicherweise älterer, Mensch seine Brille sucht, dann eine mitfühlende Mimik ausdrückt und die Brille bringt, wird kommen. "Da gibt es überhaupt keinen Zweifel", sagt Professor Belpaeme.

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