Romy Schneider (l.) und Mutter Magda werden am 21. Januar 1955 von Karl Borgsmüller von den Vereinigten Lichtspielen am Bielefelder Bahnhof empfangen. Im Palast läuft "Mädchenjahre einer Königin". Autogramme der damals 16-jährigen Darstellerin Romy Schneider sind heiß begehrt. - © FOTO-ARCHIV: RUDI MÖLLER
Romy Schneider (l.) und Mutter Magda werden am 21. Januar 1955 von Karl Borgsmüller von den Vereinigten Lichtspielen am Bielefelder Bahnhof empfangen. Im Palast läuft "Mädchenjahre einer Königin". Autogramme der damals 16-jährigen Darstellerin Romy Schneider sind heiß begehrt. | © FOTO-ARCHIV: RUDI MÖLLER

Bielefeld Ganz großes Kino

Blick in die Geschichte der Lichtspielhäuser Bielefelds mit Wissenschaftler Dr. Gerhard Renda

VON JULIA BÖMER

Bielefeld. Bewegte Bilder, das war’s: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts strömten die Bielefelder in die Kino-Vorführungen der Stadt. Möglichkeiten gab es genug für sie. An der Niedernstraße gab es zahlreiche Vorführhäuser. "Sie war eine Kinomeile", sagt Dr. Gerhard Renda über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Wissenschaftler aus dem Historischen Museum kennt die Bielefelder Kinogeschichte. Die Boom-Zeiten und Tiefschläge.

"Die ersten Lichtspielhäuser in Bielefeld waren keine im heutigen Sinne", sagt der 56-jährige Kunsthistoriker. Im Vorderhaus die Fischhandlung, im Hinterhof eine Vorführstätte – so ging Kino damals. Biotophon-Theater, Neues Tonbild-Theater oder "Lebende Fotographien" . Ab 1907 gab es etwas zu sehen an der Niedernstraße 12, 14 und 16. "Die Leute waren fasziniert vom Bewegtbild", sagt Renda, obwohl die Filme oft nur aus drei- bis fünfminütigen Streifen bestanden. Kleinbürger kamen, die einfachen Leute vertrieben sich die freie Zeit. "Kinos waren damals ein wichtiger Teil der Freizeitkultur", sagt Renda.

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In den 20er und 30er Jahren dann der Aufschwung. 1927 wird das Gebäude an der Niedernstraße 12 zum Gloria umgebaut. Zur Eröffnung wird "Sunrise" vom Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau gespielt. Der Bielefelder wurde später als Pionier des Genres bekannt und ist Namensgeber des hiesigen Filmpreises.

1936 dann der Neubau eines Kinogebäudes von Grund auf: Knapp 1.000 Sitzplätze fasst das Capitol an der Bahnhofsstraße 4. "Die Bielefelder waren damals ein kino-verrücktes Volk", sagt Renda. Aus der Statistik weiß er: Die Zahl der Kinobesucher ist damals die siebthöchste im Westen Deutschlands. Eine filmreife Leistung für die mittelgroße Stadt.

Das Capitol fasste zunächst 1.000 Sitzplätze und wurde später auf 400 verkleinert. - © FOTO: ARCHIV FRANK BELL
Das Capitol fasste zunächst 1.000 Sitzplätze und wurde später auf 400 verkleinert. | © FOTO: ARCHIV FRANK BELL

Im Krieg als Propaganda-Forum der Nazis benutzt, erleben die Bielefelder Kinos in den 50er Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt: 1955 eröffnet das Atrium, ebenfalls an der Niederstraße. Filmstars, wie Gary Cooper, kommen für die Premieren ihrer Kinoerfolge in die Stadt. Der Amerikaner, der später mit dem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, kommt 1953 ins Astoria am Jahnplatz. 1954 eröffnet das Skala am Jahnplatz. 1956 bieten 16 Kinos Platz für 10.000 Besucher. "Aber nach der Hochzeit ging es bergab", sagt Renda. In den 1960er Jahren wird der Fernseher der neue Mittelpunkt des Freizeitvergnügens, auch in Bielefeld.

Kinos werden verkleinert. "Das Capitol verkleinerte von 1.000 auf 400 Sitzplätze", erzählt Renda. Im früheren Capitol verkauft heute der Modekonzern Zara seine Ware, aus dem Gloria ist heute Benetton geworden, Gerry Weber sitzt an der Stelle, wo früher das Atrium war und die Neue Westfälische arbeitet heute dort, wo früher das Palast Filme zeigte. Bis in die Gegenwart haben sich nach Renda zwei Formen der Kinos herausgebildet: Die großen Komplexe, wie etwa das Bielefelder Cinestar oder Cinemaxx. Oder die spezialisierten Häuser: So eins gibt es noch immer – das Kamera-Filmkunsttheater an der Feilenstraße. Neu eröffnet hat 2006 das Lichtwerk in den ehemaligen Räumen einer Tischlerei im Ravensberger Park.

Information
25 Standorte

1: Kyffhäuser Lichtspiele, Kesselbrink
2: Theater lebender Photographien, Kesselbrink
3:Kinematographen-Theater Harms, Niedernstraße 16
4: Biotophon-Theater, Niedernstraße 14
5: Gloria, Niedernstaße 12
6: Palast, Niedernstraße 21
7: Zur alten Post, Bahnhofstraße 2 a
8: Theater lebender Photographien (umgezogen), Bahnhofstraße/Jöllenbecker Straße
9: Luba-Betriebe, Bahnhof
10: Flebbe, Bahnhofstr. 18
11: Universum Schildesche
12: Kamera, Jahnplatz
13: Kamera, Feilenstraße
14: Skala, Herforder Straße
15: Orion, Bahnhofstraße
16: Lichtspielhaus
17: Capitol, Bahnhofstraße
18: Bielefelder Lichtspiele, Beckhausstraße
19: Lido, Detmolder Straße 168
20: Odeon, Schloßhofstr.
21: Astoria, Oberntorwall
22: Astoria, Klosterplatz
23: Atrium, Niedernstr. 29
24: Woki im Leinenmeisterhaus, Am Bahnhof 6
25: Universum, Bahnhofstraße 39

"So ist der Gang der Zeit", meint Renda. Schade finde er nur, dass Bielefeld seine Chancen vertan habe, vergangene Zeiten im Gedächtnis der Gegenwart aufrecht zu erhalten: Robert Plumpe, Sohn von Friedrich Wilhelm Murnau, bot der Stadt in den 1950er Jahren an, den Nachlass des Vaters zu übernehmen. Die Stadt sagte Nein.

Mithilfe des Historischen Museums konnten einige Relikte erhalten werden: Dort werden der Originalschriftzug des Palast-Kinos und alte Filmprojektoren gezeigt. Ein bisschen Kinoglanz vergangener Zeiten ist dort noch zu spüren. Großes Kino in der Innenstadt, vor allem in der Niederstraße, ist allerdings Geschichte.

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