Hier springt sie gerade über ein Feld an der Straße "Neues Feld". - © FOTO: CHRISTIAN WEISCHE
Hier springt sie gerade über ein Feld an der Straße "Neues Feld". | © FOTO: CHRISTIAN WEISCHE

BIELEFELD-BABENHAUSEN Zahmes Reh zerstört Babenhausens Gärten

Die einen finden "Karlchen" süß, andere glauben, das Tier ist todkrank

VON ALEXANDRA BUCK

Bielefeld-Babenhausen. Karlchen ist verrückt. Oder schlicht das dreisteste Reh Bielefelds. Das Tier frisst am liebsten Rosen und Kirschen. Und die besorgt es sich illegal in den Gärten der Anwohner am Neuen Feld. Dabei lässt es die Opfer seiner kulinarischen Orgien aus nächster Nähe zuschauen. Die einen finden diese Zutraulichkeit süß. Andere glauben, das Tier ist krank – und mit dem Tod am besten bedient.

"Wir haben Angst, dass er erschossen wird", sagt Anwohnerin Elfriede Bartling, die das Reh Karlchen getauft hat. Seit Wochen dringt das Tier in fremde Gärten ein, labt sich an Rosen, Kirschen und anderem Grünzeug. "Das sehen manche Nachbarn nicht gern. Das Reh richtet ja schon Schaden an. Einer hat angedroht, Karlchen den Garaus zu machen. Er hat einen Jagdschein." 

Elfriede Bartling und auch Joachim Gallmeister stören zerrupfte Blumenbeete in ihrem Garten nicht. "Ich freue mich, wenn sich die Natur einmal nähert." Die gesamte Nachbarschaft erfreue sich an dem Tier, das unerschrocken die Straße entlang stolziert und sogar Vorgärten plündert. "Eine Nachbarin hat ihn mal an einem Rosenbeet erwischt", sagt Elfriede Bartling. "Sie stand mit ihrem Auto neben ihm, hat das Fenster heruntergelassen und Karlchen angesprochen." Das Tier habe sie verständnislos angeschaut – und dann weiter gefressen.

Jeden Morgen frisst sich Karlchen satt und verschwindet dann wieder in einem nahegelegenen Waldstück. Ob das Banausenleben jetzt ein jähes Ende nimmt? Der Nachbar, der gedroht haben soll, das Tier zu erschießen, gibt sich auf NW-Anfrage überrascht. "Ich habe nie behauptet, das Reh erschießen zu wollen. Ich sage nur, es gibt keinen Grund, es nicht zu schießen", sagt er, möchte aber namentlich nicht genannt werden. Seine Familie beobachte das Reh, das er als weiblich identifiziert hat, mit Begeisterung. Und zunehmender Sorge: "Ich glaube, sie ist krank."
 
Der ungewöhnlich große Appetit rühre wahrscheinlich daher, dass sie die Nahrung nicht mehr richtig aufnehmen könne. "Vielleicht etwas mit den Zähnen", mutmaßt der Nachbar. Auch das stumpfe Fell deute auf Verdauungsprobleme hin. "Ich denke, sie ist schon recht alt." Auch Elfriede Bartling ist schon das "stark verkotete" Hinterteil aufgefallen. "Ich dachte, das liegt an den vielen Kirschen", sagt sie.

An Krankheit glaubt auch Kreisjagdberater Albrecht Henke aus Ummeln, dem Karlchens Fall bereits zugetragen wurde. "Für das Tier wäre es das beste, geschossen zu werden", sagt er. Die Jagdzeit für weibliches Rehwild beginne Mitte September, dann hätten die Tiere ihren Nachwuchs großgezogen.

Henke beobachtet, dass Rehe allgemein immer zutraulicher werden. "Man kann inzwischen von Kulturfolgern sprechen." Das Problem der Gartenverwüstungen gebe es nicht nur in Babenhausen.
"Die Tiere sind Feinschmecker. Gärten, die in Waldnähe liegen, sind oft von Wildfraß betroffen. Dagegen helfen eigentlich nur Zäune ab 1,50 Meter", sagt Henke. Wenn es sein muss. springen die zierlichen Tiere sogar noch höher. "Es gibt da noch diverse Chemikalien, die man im Garten verteilen kann, aber die stinken."

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