Die Tüte im Jahr 2009: Aus dieser Perspektive wird deutlich, warum der
Stadtbahnabgang zwischen Bahnhof und Stadthalle von den Drogenabhängigen
den Spitznamen "Tüte" erhielt. - © Archivfoto: Andreas Zobe
Die Tüte im Jahr 2009: Aus dieser Perspektive wird deutlich, warum der
Stadtbahnabgang zwischen Bahnhof und Stadthalle von den Drogenabhängigen
den Spitznamen "Tüte" erhielt. | © Archivfoto: Andreas Zobe

Bielefeld Wann die Bielefelder Tüte zum Trinker- und Drogen-Treffpunkt wurde

Schon vor rund 10 Jahren unterschrieben Stadt, Polizei und Bundespolizei eine Vereinbarung über die Verbesserung der Situation

Peter Johnsen
Jens Reichenbach

Bielefeld. Seit etwa 2004 konzentriert sich die Szene der Obdachlosen, Alkohol- und Drogenabhängigen mit all ihren negativen Begleiterscheinungen an der so genannten Tüte, dem Stadtbahnabgang zwischen Hauptbahnhof und Stadthalle. Vor etwa 10 Jahren unterzeichneten die Stadt Bielefeld, die Polizei Bielefeld und die Bundespolizei eine Vereinbarung über die Verbesserung der Situation. Doch die ist heute sicherlich nicht viel besser. Von Anfang an war klar, dass eine reine Vertreibung der Szene ohne soziale Begleitung lediglich zu einer Verlagerung des Problems führen würde. Man entschied sich daher für ein Zwei-Säulen-Konzept, das aus einer Mischung aus Repression und Hilfsangeboten besteht. Klassische Musik Zu den in der Öffentlichkeit am meisten wahrgenommenen Maßnahmen zählte die Beschallung der Tüte mit klassischer Musik, die von der Szene tapfer ertragen wurde. Erfolge und Fehlschläge wechselten sich ab. Nachdem der Rat im Juni 2008 eine neue Satzung über die "Grünanlage Stadthalle Bielefeld" verabschiedet hatte, die das Lagern und den Alkoholkonsum auf dem Gelände untersagte, sank die Zahl der Tütenbesucher auf 10 bis 20. Doch dann stellte das Amtsgericht in einem Bußgeldverfahren die mangelnde Bestimmtheit der Satzung fest, die damit nur noch Makulatur war. Schlagartig fanden sich nun wieder bis zu 100 Personen an der Tüte ein. Erst nachdem im Juni 2009 eine geänderte Satzung in Kraft getreten war, soll sich diese Zahl auf etwa 30 reduziert haben."Eingeleitete Schritte haben gegriffen" Parallel dazu erweiterten seinerzeit die Drogenberatung an der Borsigstraße und die Einrichtung für Wohnungslose an der Kavalleriestraße (Kava) ihre Angebote und Öffnungszeiten. "Die eingeleiteten Schritte haben gegriffen", lautete damals das Fazit eines Sachstandsberichts. Der damalige Sozialdezernent Tim Kähler wies aber darauf hin, dass "dies kein Grund ist, die Bemühungen einzustellen. Das muss weiterentwickelt werden." "Das war ein schleichender Prozess", erinnerte sich 2009 Michael Hakenholt, damals polizeilicher Leiter der Stadtwache, der damals wohl beste Kenner der Szene, an die Zeit, als sich das Drogenmilieu zur Tüte verlagerte, die dieser Klientel auch ihren Namen verdankt. Die Drogenhilfen sind erfolgreich, die Szene aber zu groß 2010 wurde die eigens ins Leben gerufene "Trinker-Satzung", die ein Alkoholverbot im Stadthallenpark ermöglichen sollte, endgültig juristisch gekippt. Die verschiedenen Szene kehrten zurück. Gleichzeitig wurde der kleine Anbau der Stadthalle fertig. Wie Anwohner berichten, hatte sich die Szene vorher in diesen etwas versteckteren Bereich zwischen Hotel und Stadthalle oft zurückgezogen. Dies war mit dem Lückenschluss nicht mehr möglich. Die Szene war dadurch wieder deutlicher zu erkennen. Trotzdem resümierte die Stadt 2011, dass die Szene ruhig und unauffällig bleibe. Heute zählen die Behörden wieder regelmäßig rund 60 Angehörige gleichzeitig an dem Treffpunkt. Obwohl die Angebote der Drogen- und Alkoholikerhilfen durchaus als erfolgreich bezeichnet werden können. Neue, aggressive Gruppe von Dealern Doch die Abhängigenzahl ist in den vergangenen Jahren so gewachsen, dass das Drogenhilfezentrum an der Borsigstraße sprichwörtlich aus allen Nähten platzt. Die nächste Erweiterung steht an. Erneut wurden erweitere Öffnungszeiten gefordert. Ehrenamtliche Helfer vor Ort sprechen von einer zunehmenden Verarmung einzelner Gruppen. Eine homogene Szene ist hier längst nicht mehr zu finden. Hier sitzen Hartdrogenabhängige, Trinker, Obdachlose und neuerdings auch eine neue, sehr aggressive Gruppe von Dealern, die für eine deutliche Verschlechterung der Stimmung gesorgt haben - auch innerhalb der Szene selbst. Anlieger, die lange mit der Szene auskamen, sprachen plötzlich davon, dass Polizei und Stadt die Kontrolle an dem Brennpunkt verloren hätten. Die Polizei hat in den vergangenen Jahren mit regelmäßigen Razzien an der "Tüte" reagiert. Gerade in Frühjahr und Sommer soll damit ein Aufkeimen der Verhältnisse auch in Zukunft wieder eingedämmt werden. Nicht der erste Treffpunkt Allerdings ist die Polizei tatsächlich nur für die Kriminalitätsbekämpfung zuständig. Wildpinkler, Müll, aggressives Betteln und Ähnliches sind Sache des städtischen Ordnungsamtes. Doch aufgrund Personalmangels sah sich die Behörde nicht im Stande, die politisch geforderten Kontrollen ausreichend zu erfüllen. Deshalb genehmigte der Rat jetzt eine Aufstockung des Personals. Darüber hinaus will die Stadt die bauliche Situation an der Tüte verändern, um die Szene weiter vom Stadtbahneingang wegzuziehen. Der Stadtbahnabgang war nicht der erste Treffpunkt von Bielefelder Drogenabhängigen. In den 1980er Jahren gab es den Punkerpavillon ("Pavi") am Güterbahnhof und auch der Spindelbrunnen an der Bahnhofstraße war eine Zeit lang Zentrum der Drogenszene. Damals begnügte man sich damit, die Süchtigen zu vertreiben. Die Folge war das sogenannte Junkie-Jogging der Polizei.

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