"Es war schrecklich": Wie Gäste und Mitarbeiter des "Mellow Gold" den Balkon-Abbruch erlebt haben. - © Barbara Franke
"Es war schrecklich": Wie Gäste und Mitarbeiter des "Mellow Gold" den Balkon-Abbruch erlebt haben. | © Barbara Franke

Bielefeld "Ich sah draußen eine Frau liegen": Café-Mitarbeiterin erzählt vom Balkon-Unglück

Das Personal des Lokals muss den Unfall vom späten Sonntagnachmittag noch verarbeiten. Nachdem das Gerüst steht, hat das Bauamt die Wiedereröffnung genehmigt. Und jetzt schießt auch noch die Stadt quer

Jürgen Mahncke

Bielefeld. Nach der Wiederöffnung des „Mellow Gold" am Mittwochnachmittag um 15 Uhr sitzen schnell die ersten Gäste wieder im Lokal. Natürlich ist eins ihrer Themen der Unfall. Am Sonntag stürzten schwere Teile eines Balkons auf die Außengastronomie und verletzten eine Frau. „Selbstverständlich habe ich keine Angst, wenn ich hier sitze", sagt ein Mann mittleren Alters. "Aber die Geschichte macht mich nachdenklich und arbeitet in mir. Es hätte mich als Stammgast auch treffen können." Hinter dem Tresen steht dieselbe Frau, die auch am Sonntag bediente. Sie beginnt zu erzählen, wie sie das Unglück erlebte, und man merkt ihr an, dass sie das Geschehen immer noch mitnimmt. "Es war einfach nur schrecklich" „Es war gerade Schichtwechsel, als es draußen vor dem Lokal furchtbar knallte. Alle Gäste sprangen panisch von ihren Stühlen. Ich sah draußen eine Frau liegen und konnte die Situation erst nicht begreifen. Überall lagen Gesteinsbrocken herum. Dann wählte ich den Notruf. Aus einem Nachbarlokal eilte eine Ärztin herbei und leistete Erste Hilfe. Es war einfach nur schrecklich", berichtet die Augenzeugin. Ihre Kollegin habe kurze Zeit vor dem Unglück noch die Markise weiter herausgefahren. Vielleicht habe dies der Frau, die so mit Prellungen an Arm und Bein davonkam, das Leben gerettet. Bauamt gab Lokal wieder frei Dass das Lokal bereits am Mittwochnachmittag wieder öffnen konnte, ist dem engagierten Architekten Jürgen Liers zu verdanken. Er telefonierte sich zwei Tage die Finger wund, um einen Gerüstbauer zu finden. Gestern Morgen um 8 Uhr stand endlich das Unternehmen „arwika" aus Steinhagen vor der Tür. In drei Stunden war die Fassade acht Meter breit und zehn Meter hoch eingerüstet. „Wir sind auf Wochen ausgebucht, doch in diesem Notfall mussten wir helfen. Wir haben zusammengekratzt, was wir haben, und es hat funktioniert", sagt Unternehmenschef André Kasdorf. Das Bauamt hatte ein Gerüst an der Fassade zur Auflage gemacht. So sollen jetzt die Gäste beim Betreten des Lokals vor eventuellem Steinschlag geschützt werden. Noch am Mittag war das Bauamt zur Stelle, begutachtete das Gerüst und gab das Lokal wieder frei. Verkehrsamt fordert Gebühr fürs Gerüst „Wenn alles wieder rund läuft, muss einer querschießen", erzählt dann Architekt Jürgen. Er erhielt Mittwochmittag einen Anruf vom Amt für Verkehr. „Mir wurde mitgeteilt, dass das Gerüst nicht genehmigt sei. Es stehe auf einer öffentlichen Verkehrsfläche. Außerdem müsse dafür eine Gebühr berechnet werden. Dass der Gastronom für die Fläche der Außengastronomie bereits bezahle, sie im Augenblick aber nicht genutzt werden könne, stattdessen ein Gerüst dort stehe, wollte die Sachbearbeiterin erst nicht gelten lassen", berichtet der Architekt. Auf gutes Zureden soll nun die Gebühr für die Tage, an denen man nicht draußen vor dem „Mellow Gold" sitzen kann, reduziert werden. Dafür kommt ein Gebührenbescheid für das Gerüst. Kemal Sagir setzt sich inzwischen mit der Versicherung auseinander. „Ein Vertreter war inzwischen vor Ort, um den Schaden zu begutachten. Der geht davon aus, dass das Abbrechen der unteren Betonverkleidung durch starken Sturm und Regen in der vorausgegangenen Nacht des Unglücks begünstigt wurde", sagt Hauseigentümer Sagir.

realisiert durch evolver group